Fabriksarbeiterin © Archivscan
Fabriksarbeiterin © Archivscan

Arbeit

Arbeitsmarktentwicklung

junge Frau mit Schild Arbeitslos sein ist scheiße © Bildscan

Bis ins Jahr 1993 herrschte in Vorarlberg Hochkonjunktur, daher gab es auch die niedrigsten Arbeitslosenraten in Österreich. Der nun zunehmenden Arbeitslosigkeit versuchte die AK mit einem Wohnbauprogramm für Arbeitslose und mit Reintegrationsmaßnahmen entgegenzuwirken. Sie brachte als mögliche Teillösung des Problems die Arbeitsumverteilung ins Spiel – weniger arbeiten und verdienen, um damit mehr Arbeitsplätze zu schaffen, stieß damit aber auf klare Ablehnung der Arbeitnehmer. Da man sich vonseiten der EU keine Lösungen erwartete, entwarf die AK 2004 ein umfangreiches Forderungsprogramm: Ausbildung für Jugendliche, Wohnbau- und Infrastrukturprojekte und gemeinsames Auftreten der Sozialpartner standen im Zentrum. Der Weltwirtschaftskrise und den zu erwartenden Kündigungen sollte mithilfe eines Kurzarbeitszeitmodelles – und nicht mit Teilzeitarbeit – begegnet werden. Und wiederum setzte die AK bei permanenter Bildungsförderung an.

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Mit etwas Verspätung hatte sich im Jahr 2009 die Weltwirt­schafts­krise mit einer kräftigen Rezession auch in Vorarlberg merkbar gemacht.

Löhne und Lohnentwicklung

Eine „aktive“ Lohnpolitik betrieb die AK ab dem Jahr 1987. Sie prangerte vor allem die großen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen an und kam zum „erstaunlichen Ergebnis“, dass in Vorarlberg die Löhne unter dem österreichischen Schnitt lagen. Da bis zur Jahrhundertwende die Löhne dennoch kräftig angestiegen waren, konzentrierte sich die AK auf wenige Bereiche: Dazu gehörten die „sogenannten“ hohen Lohnnebenkosten, die von Wirtschaftskammer und Unternehmern immer wieder für Preissteigerungen und eine Erschwerung der Produktivität verantwortlich gemacht wurden. Die AK „bewies“ das Gegenteil. Zugunsten der Arbeitnehmer befürwortete sie einen generellen Mindestlohn und eine gravierende Lohnsteuerreform.

In den Jahren nach 2000 und nach dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ab 2007 wurde offenkundig, dass es durchaus Reallohneinbußen gegeben hatte und die stark gestiegenen Kosten für die Grundversorgung viele Vorarlberger finanziell belasteten. 

Die AK forderte daher 2010 die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes von 1 300 Euro brutto.


Beschäftigungsformen 

Trotz des Endes der Vollbeschäftigung in den 90er-Jahren machte sich zunehmend Facharbeitermangel bemerkbar. Die AK setzte auf den qualifizierten Ausbau und die Förderung der Lehre und war vorerst gegen eine Anwerbung ausländischer Facharbeiter. Die traditionelle Berufsausbildung konnte den Bedarf an Fachkräften nicht mehr decken, weshalb die AK die Aufwertung der Lehrausbildung immer wieder forderte. Auch die Niedrigqualifizierten rückten immer mehr in den Fokus, hatte Vorarlberg über Jahre hinweg doch den größten Anteil an Arbeitnehmern, die keinen höheren als über die Pflichtschule hinausgehenden Abschluss hatten. Hinsichtlich der Zuwanderung von Arbeitskräften trat die AK stets für eine „kontrollierte Zuwanderung“ ein.

Abfertigung neu

In der 153. Vollversammlung im Jahr 2006 erklärte AK-Präsident Josef Fink die „Abfertigung neu“ als größten Erfolg seiner Amtszeit. Dieses Modell, erstmals 1992 vorgestellt, strebte eine gesetzliche Verankerung der Abfertigung und ihre Zuerkennung für alle Arbeitnehmer, mit Ausnahme der Beamten, an. Man konnte nun zwischen einer obligatorischen Abfertigung oder einer Zusatzpension wählen. Die Diskussion wurde österreichweit geführt und wurde anfänglich auch von den sozialistischen Gewerkschaften abgelehnt. Die Beharrlichkeit Finks hatte sich gelohnt – im Jahr 2002 trat „sein“ Modell in Kraft.

„Wichtigster Vorteil des Grundmodells bleibt aber die Tatsache, daß damit endlich alle Arbeitnehmer in den Genuß einer Abfertigung kommen und nicht dafür bestraft werden, wenn sie entsprechend der Forderung der Wirtschaft mobil sind.“

Präsident Josef Fink, 1992

Steuern

Dir. Keckeis und Präs. Hämmerle übergeben Unterschriften an Finanzminister Schelling © AK Vbg.
Dir. Keckeis und Präs. Hämmerle übergeben Unterschriften an Finanzminister Schelling © AK Vbg.

Im Jahr 1988 wurde die AK aktiv, als die Bundesregierung Pläne für eine Steuerreform vorlegte. Sie forderte schon damals als zentralen Punkt die Entschärfung der „kalten Progression“. Von „Steuergerechtigkeit“ konnte im „Lohnsteuerstaat“ Österreich nach ihrer Meinung keine Rede sein, solange die Unternehmer und die Landwirtschaft mit Steuerprivilegien ausgestattet wurden und der Verkauf von Wertpapieren steuerfrei war. Nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 2007 nahm die Steuerthematik eine zentrale Stellung ein, die Töne erinnerten an „Klassenkampf“. Gestützt auf eine erfolgreiche Unterschriftenaktion im Jahr 2014 forderte die AK vehement eine Absenkung des Eingangssteuersatzes von 36,5 % auf 20 %, außerdem eine Finanztransaktionssteuer, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Reform der Stiftungsbesteuerung, die Reduktion der Managergehälter und die Abschaffung der Gruppenbesteuerung. 

„1990 ist das Lohnsteueraufkommen um 20 % angestiegen. Das Steueraufkommen aus Einkommen und Kapital stieg demgegenüber nur um 8 % bzw. sank sogar um 3 %.“


Arbeit und Zeit

Grafik Befürworter der Sonntagsarbeit 1999 und 2014 © Grafik Sonntagsarbeit
Befürworter der Sonntagsarbeit 1999 und 2014 © Grafik Sonntagsarbeit

Ladenöffnungszeiten an Samstagen und Sonntagen boten wiederholt Anlass zu sozialen Konflikten. Generell kann festgestellt werden, dass sich Vorarlbergs Arbeitnehmer noch bis zum Ende des Jahrhunderts gegen Arbeitszeitverkürzungen aussprachen, da die begehrten Überstunden wesentlich ihren Konsumansprüchen entgegenkamen. Ein Wandel in diesem Verhalten ist nach 2004 erkennbar, als Teilzeitarbeit immer mehr als wünschenswert angesehen wurde. Freizeit und Lebensqualität traten in den Vordergrund. Die Weltwirtschaftskrise führte zu einer merklichen Unternehmerfreundlichkeit der AK, um gefährdete Arbeitsplätze zu erhalten.


In der 127. Vollversammlung der AK im Jahr 1994 trat erstmals ein Thema in den Vordergrund, das die AK noch jahrelang beschäftigen sollte. Es war die „Flexibilisierung der Arbeitszeit“.


Arbeit und Psyche

Ängste und Befürchtungen 1999 bis 2005 © Grafik Umfrage
Ängste und Befürchtungen 1999 bis 2005 © Grafik Umfrage

Lag bis zur Jahrhundertwende die „technische“ Arbeitsplatzsicherheit im Fokus von Überlegungen der AK, nahm hernach die Aufmerksamkeit für Fragen des „Arbeitsklimas“ und der Sozialpsychologie rapide zu. Bislang wenig bekannte Erscheinungen wurden registriert, beschrieben und beurteilt. Es ging um „Stress, Mobbing, Burn-out“. Vor allem nach Einsetzen der Weltwirtschaftskrise 2007 nahmen diese Probleme sprunghaft zu, eine Folge der unternehmerischen Konkurrenzkämpfe, des Leistungsdruckes und der Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes. Die AK appellierte an die Unternehmen, sich des „psychischen Schutzes“ der Arbeitnehmer anzunehmen.

„Noch nie hegten die Arbeitnehmer derart massive Zukunftsängste als heute.“ [2005]

Als die AK m Jahr 2005 eine Umfrage über Zukunftsängste und Befürchtungen von Arbeitnehmern durchführte, waren die Ergebnisse völlig anders als Jahre zuvor.

Arbeit und Alter 

Nach der Jahrhundertwende hatte sich der Anteil der 50- bis 60-Jährigen aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung beinahe verdoppelt. Demgegenüber stand die bereits im Jahr 2002 von der AK beklagte „Altersdiskriminierung“ und der relativ hohe Anteil an Altersarbeitslosen. Die AK betonte dagegen die psychische und geistig-soziale Leistungsfähigkeit dieser Altersgruppe und widmete dem Phänomen umfangreiche mediale Aufklärungsarbeit. Sie trat auch für das Bonus-Malus-System ein, das es bereits zwischen 1996 und 2006 gegeben hatte.

Grafik Altersentwicklung 2006 bis 2015 © Grafik
Altersentwicklung 2006 bis 2015 © Grafik

Arbeit und Zuwanderung

Vorarlberg besaß bis 2005 den höchsten Gastarbeiteranteil an unselbstständig Erwerbstätigen in Österreich. Es wurde zum Einwanderungsland. Die wichtigsten ethnischen Gruppen waren jugoslawische und türkische Staatsbürger. Ihr Bildungsniveau war meist niedrig, daher wurden sie überwiegend zu billigen, angelernten Arbeitskräften in der Textil- und Metallindustrie. Die AK und speziell das Gastarbeiterreferat setzten sich vehement für die vielseitigen Belange dieser Arbeitskräfte ein, wiesen die Öffentlichkeit auf deren Probleme hin und widerlegten Vorurteile im Klima einer latenten Ausländerfeindlichkeit. Dennoch lehnte die AK seit den 80er-Jahren klar einen weiteren Zuzug von Ausländern ab, damit die sozialen Standards nicht gefährdet würden. Dadurch geriet sie in Konflikt mit Arbeitgebern und der Handelskammer, die eine liberale und offene Gastarbeiterpolitik forderten, vor allem wenn es um die Saisoniers im Tourismus ging. Die EU-Osterweiterung 2004 brachte weitere Probleme. Dennoch war die AK ein wesentlicher Bestandteil bei den Bemühungen zur friedlichen und sozialen Integration ausländischer Arbeitskräfte.


Arbeit und Familie

Ab 1987 wurde der Frauenthematik durch die Errichtung eines eigenen Frauenreferates größeres Augenmerk geschenkt. Dieses versprach, sich für mehr berufliche Gleichbehandlung – vor allem im Lohnbereich – einzusetzen. Immerhin lag der Frauenanteil an der Arbeitnehmerschaft bei über 40 %. Bis zur Jahrhundertwende erhielt die AK bei ihren Bestrebungen jedoch wenig Unterstützung, auch nicht vonseiten der öffentlichen Hand. Noch herrschten die alten, starren Rollenbilder. Es war jedoch nicht mehr zu übersehen, dass Frauenarbeit immer mehr zur existenziellen Überlebensfrage wurde und daher zunahm. Um sie zu ermöglichen bzw. zu erleichtern, strebte die AK vor allem eine Verbesserung der institutionellen Kleinkindbetreuung an und hatte damit auch Erfolg. Eine Bündelung der Dienstleistungsagenden für Hilfe und Rat suchende Frauen stellte im Jahr 2006 das neue „Büro für Familien- und Frauenfragen“ dar. Zum Thema Sexualität wirkte die AK aufklärend, wenn es etwa um sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder und um Belästigung von weiblichen Lehrlingen ging. 

Die freie Entscheidung von Frauen mit Kleinkindern für Beruf oder Hausfrau, die Hämmerle zur Wahl gestellt hatte, war in den meisten Fällen recht „unfrei“.

Arbeit und Betriebsrat

Die Vorarbeit zur Wiedererrichtung der Vorarlberger Arbeiterkammer im Jahr 1946 leistete in erster Linie die Landesexekutive des ÖGB. Hinter der Gewerkschaft standen die Betriebsräte, welche bereits im Dezember 1945 ihre erste Landeskonferenz abgehalten hatten. Die Verbindung Arbeiterkammer, Gewerkschaften und Betriebsräte war somit gegeben. Letztere waren jedoch an keinerlei Weisungen seitens der AK gebunden und politisch allein den Betriebs- und Gruppenversammlungen verantwortlich. Dennoch gab es in der AK ein Referat für Betriebsräte, welches sich umfangreichen und vielfältigen Aufgaben widmete, nicht zuletzt der „Aufklärung“ über die wichtigen, gesetzlichen Funktionen der Betriebsräte, denen man von Unternehmerseite mit Skepsis bis Ablehnung begegnete.

Arbeit und Religion

Die Mehrheit des AK-Vorstandes und der Mitglieder der Vollversammlung gehörte dem ÖVP-nahen ÖAAB und der Fraktion Christlicher Gewerkschafter an. Es war daher naheliegend, dass sich diese Arbeitnehmervertreter der katholischen Soziallehre verpflichtet fühlten. Dennoch gab es keinen direkten Einfluss der Kirche auf die Tätigkeit der AK, wodurch die Zusammenarbeit mit den anderen ideologisch orientierten Fraktionen kein Problem darstellte. Katholische Geistliche unterstützten jedoch in Vorträgen und Zeitungskommentaren die sozialen Bestrebungen der AK und scheuten sich nicht vor gesellschaftlicher Kritik.

„Während rundum die Verteilungskämpfe härter werden, die arbeitenden Menschen unter Druck geraten und die Familienstrukturen zunehmend abbröckeln, ist die Kirche mit sich selbst beschäftigt.“

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Mit etwas Verspätung hatte sich im Jahr 2009 die Weltwirt­schafts­krise mit einer kräftigen Rezession auch in Vorarlberg merkbar gemacht.