Die Periode des Manufaktur- und des früheren Industriekapitalismus (bis 1848)

Die wirtschaftliche Situation im Allgemeinen


DIE ENTWICKLUNG DER VORARLBERGER INDUSTRIE

Die Geschichte der Lage des Vorarlberger Arbeiters beginnt, wie überall im mitteleuropäischen Raum, etwa um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Wohl gab es Arbeiter im heutigen Sinn des Wortes schon zuvor; doch ihre Zahl war gering und für das Wirtschaftsleben kaum von Bedeutung. Daß das kleine Vorarlberg zu einem für österreichische Verhältnisse sehr frühen Zeitpunkt bereits in den Bereich der Industrialisierung einbezogen wurde, liegt darin begründet, daß sich hier die Textilindustrie - der in der Frühperiode des Kapitalismus weitaus bedeutendste Industriezweig - eine dauernde Heimstatt schuf. 

Vorarlberger Garnerzeugung in Tonnen © Tabelle

Die Textilindustrie konnte in dem kleinen Land, das seine Bewohner aus den Erträgnissen des kargen Bodens nicht zu ernähren vermochte und seines Menschenüberschusses im 16. und 17. Jahrhundert durch Stellung der Landsknechtscharen der Emser Grafen, später durch Saisonarbeit - im 19. Jahrhundert sogar von Frauen und Kindern - in den von der Natur reicher bedachten Landstrichen des stammverwandten Schwaben und Elsaß, Herr zu werden versuchte, auf die nicht unbeachtlichen Traditionen eines Hausgewerbes anknüpfen.

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„Im Jahre 1841 weist das Land 15 Spinnereien, 5 mechanische Webereien und 9 Betriebe der Baumwollveredelung auf.“

bevölkerung

Bevölkerungsverhältnisse und Zahl der Arbeiter

Spätestens seit Mitte des 16. Jahrhunderts galten die Bewohner des österreichischen Vorarlbergs als freie Untertanen. Als 1781 die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, gab es nur noch in der erst 1765 an Österreich gefallenen Grafschaft Hohenems Leibeigene. Der bayerische Grundsteuerkataster (1810) zeigte, daß ein Großteil der Vorarlberger Bauerngüter frei von Grundzins und Zehent war. Die Grundentlastung des Jahres 1848 brauchte nur noch wenige Reste von Untertänigkeitslasten zu beseitigen, vor allem in Hohenems und in der erst nach dem Reichsdeputationshauptschluß von Österreich erworbenen Herrschaft Blumenegg. übrigens spielten in Vorarlberg auch die Zünfte eine viel geringere Rolle als im übrigen Österreich, so daß die Auflösung der alten Zunftorganisationen um 1830 kaum von Bedeutung war. überdies war ja die für das Land immer wichtiger werdende Baumwollverarbeitung zunftfrei. 

„Die junge Industrie konnte also aus einem Reservoir freier Arbeitskräfte schöpfen.“

Beschäftigtenstand der Textilindustrie vor 1848 © Tabelle
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einkommen

Löhne und Kaufkraft

Die Löhne und ihre Kaufkraft sind der wichtigste Einzelfaktor, der die Lage der Arbeiter bestimmt. Die Kämpfe der Arbeiterschaft um Besserstellung waren ja zumeist Lohnkämpfe. Allerdings würde es das Bild von der Lage der Arbeiter in einem Land nicht unerheblich verzerren, wenn man diese durch die Betrachtung der Lohnverhältnisse allein charakterisieren wollte. Arbeitszeit, Intensität der Arbeit, Gesundheitsverhältnisse, Wohnverhältnisse usw. spielen ebenfalls eine große Rolle.

Tagelöhne für weibliche Arbeiter und Kinder © Tabelle

„Frauen- und Kinderarbeit galt von vornherein als Mittel, zusätzlichen Verdienst für die Familie zu schaffen.“

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Lebensbedingungen

Die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft

Ein Zeichen dafür, daß schon um 1800 eine allmähliche Verschlechterung in der bestimmt auch vorher nicht üppigen Ernährungsweise des mit landwirtschaftlichen Gütern wenig gesegneten Vorarlbergs bemerkbar wurde, ist die Tatsache, daß die billigere Kartoffel immer mehr die Stelle des Brotes einzunehmen begann. Bald war sie, zusammen mit dem Kaffee, ,,dessen flüchtiges Öhl die erschlafften Lebensgeister wieder aufregte (und öfters am Tage mußte dieses Reitzmittel wiederholt werden)" (Weizenegger), zum Hauptnahrungsmittel der Manufakturarbeiter geworden. Kaffee, Kartoffel und „Riebel" (eine aus Mais- oder Weizengrieß hergestellte schmarrenartige Speise) sind auch in der ganzen Folgezeit das Hauptnahrungsmittel der Vorarlberger Arbeiterbevölkerung geblieben.

„Bis zum Jahre 1847 hatte sich die Zahl der Armen „auf das bedenklichste vermehrt"."


Eheschließungen in Vorarlberg
1834
567
1837671
1840746
1843746
Eheschließungen in Vorarlberg

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Arbeitsbedingungen

Arbeitsbedingungen, die Kinderarbeit, Sozialgesetzgebung

Die Arbeitsbedingungen zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren wahrscheinlich nicht wesentlich härter als hundert Jahre früher. Die Zahl der Arbeiter, die durch Überfüllung, ungenügende Lüftung usw. in den Fabriken litten, war, entsprechend der Geringfügigkeit der Industrie, klein. Vor der Einführung der Maschinen erfolgte die Verspinnung und Verwebung der Rohstoffe im· Hause des Arbeiters. Frau und Töchterspannen das Garn, das der Mann verwebte oder das sie verkauften, wenn der Familienvater nicht selbst es verarbeitete.


„Den größten Umfang hatte die Kinderarbeit in der Baumwollspinnerei“

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Unternehmer

Der Unternehmer; Der Anteil des Arbeiters am Arbeitsprodukt

Das Bild von der Lage des Arbeiters würde wesentlicher Züge entbehren, fügte man ihm nicht eine kurze Darstellung seines Kontrahenten und Gegenspielers, des Unternehmers, hinzu. Seit der Zeit der Industriegründungen rückten die großen Fabrikanten immer mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in Vorarlberg. ,,Unbewußt, natürlich nur auf ihren finanziellen Vorteil bedacht, haben sie damals die Lösung des vordringlichsten sozialen Problems im Lande ermöglicht. Sie waren in der Lage, der arbeitsuchenden Bevölkerung dauernd Unterhalt zu bieten und auch jene aufzunehmen, die aus den volkreichen Bergtälern abzuwandern gezwungen waren." (,,Heimatkunde von Vorarlberg")


„Das Anfangskapital dieser Firma betrug nicht ganz 30.000 Gulden.“ 
(Anm.: Firma Getzner, Mutter & Cie)

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Kalkulation einer Baumwollspinnerei für Interessenten an einer Beteiligung

Kalkulation einer Baumwollspinnerei für Interessenten an einer Beteiligung © Tabelle

arbeiterklasse

Die Arbeiter als Klasse; Organisationen; Politische Bestrebungen

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts kannte in Österreich so gut wie keine Arbeiterorganisationen. Die Arbeiter hatten kein Koalitionsrecht, Verabredungen zur Arbeitseinstellung wurden mit schweren Strafen bedroht, und bei Stillstand der Fabriken, bei Produktions- und Absatzstörungen war die nackte Existenz des Arbeiters dem willkürlichen Ermessen seines Brotgebers ausgeliefert. Den Arbeitern, zumal in den Fabriken, war das Gefühl der Solidarität unbekannt, was um so erklärlicher ist, als ja ein großer Teil der Belegschaften aus Frauen und Kindern bestand; während die Ohnmacht der Arbeiterklasse, die Unkenntnis ihrer tatsächlichen Kraft, wieder eine nicht unerhebliche Mit-Ursache der schrankenlosen Ausbeutung eben jener Frauen und Kinder war. Die Arbeiterschaft in jener Zeit bestand im wesentlichen aus drei Schichten, denen in bezug auf ihre politische Aktivität sehr unterschiedliche Bedeutung zukommt.

Es waren dies

  1. die Handwerksgesellen,
  2. die Fabriksarbeiter und·
  3. Gelegenheitsarbeiter, Erwerbslose, Vagabunden, Lumpenproletariat.  

Es war vor allem die Schweiz, die als Ansteckungsherd revolutionärer Ideen besonders gefürchtet war.

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„Im Jahre 1841 weist das Land 15 Spinnereien, 5 mechanische Webereien und 9 Betriebe der Baumwollveredelung auf.“