Zum Geleit

Während vor realen und eingebildeten Bedrohungen ein Bedürfnis aus der Gegenwart zu fIüchten eingesetzt hat - das Modewort dafür heißt ,,Nostalgie“ -, verkümmert das historische Bewußtsein: das persönliche und das menschlicher Gruppen. Dem tritt die politisch denkende Arbeitnehmerschaft entgegen.

Die ,,Zeit“ ist schnellebig geworden, die Moden wechseln rasch. Das muß nicht für aIle Menschen gelten, vor allem nicht für spätere Generationen. Sie und jene, die Geschehenes nicht verdrängen wollen, haben einen Anspruch darauf, über das Woher zu erfahren, damit sie über sich selbst mehr erfahren.

So ist also ein Festhalten und Bewußtmachen der Geschichte der VorarIberger Kammer für Arbeiter und Angestellte als ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Vorarlberg ein Dokument, das notwendig ist.

Die Zeit drängt nämlich: Während die vorliegende Arbeit der Öffentlichkeit präsentiert wird, geht die Neuauflage einer Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918 in Druck. Die Kammer sucht dafür Bilddokumente. Sie sind rar geworden. Die Zahl derer, die die Zeit vor 1918 noch bewußt erlebt haben, wird immer kleiner. Auch der Zeitabschnitt 1921-1938 verliert seine historischen Zeugen. Die Arbeiterkammer hat, um nicht in Verzug zu geraten, diesen Teil der Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs von einem Historiker niederschreiben lassen. 1976 wurde in zwei Vorstandssitzungen über die Tatsache gesprochen, daß vor 30 Jahren, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Vorarlberger Kammer für Arbeiter und Angestellte wieder errichtet wurde. In Erinnerung an dieses 30jährige Bestehen faßte der Vorstand einstimmig den Beschluß, eine wissenschaftliche Arbeit über die Geschichte der Vorarlberger Arbeiterkammer herauszugeben. Auch die Tatsache, daß sich die Auslöschung der Arbeiterkammern heuer, 1978, zum 40. Male jährte, bestimmte das Herausgabedatum mit.

Der Verfasser, Dr. Gerhard Wanner, gilt für die sorgliche Sammlung und Sichtung der historischen Fakten sowie der faßlichen Darstellung unser besonderer Dank.

Der Arbeitnehmerschaft Vorarlbergs liegt ein Teil ihrer Geschichte vor. Sie beinhaltet auch Erfahrungen, die in der Gegenwart nutzbar gemacht werden können.

 

Der Präsident: LAbg. Bertram Jäger

Der Kammeramtsdirektor: Dr. Ernst Haselwanter

Hinweis

* Die Texte wurden dem Original-Dokument entnommen und die Rechtschreibung nicht verändert.

Vorwort

Vorwort des Verfassers

Die vorliegende Geschichte der Vorarlberger Arbeiterkammer zwischen 1921 und 1938 schildert nicht nur die Tätigkeit und Entwicklung einer Organisation und Einrichtung. Sie ist vielmehr der erste Versuch einer Vorarlberger Sozialgeschichte in der 1. Republik aus der Sicht der Arbeitnehmerschaft. Ferner ist die Kammergeschichte untrennbar mit den Gewerkschaften und politischen Parteien verbunden, deren Beleuchtung zu einem abgerundeten Bild notwendig war und die des öfteren in den Mittelpunkt der Untersuchungen treten.

Für den Autor ergaben sich vor allem zwei Probleme: das Fehlen jeglichen Aktenmaterials über die Vorarlberger Arbeiterkammer bis 1938 und die Frage der Objektivität der wichtigsten Quellen, nämlich der verschiedenen parteipolitisch gefärbten Landeszeitungen.

Das Archiv der einstigen Vorarlberger Arbeiterkammer ist vernichtet worden. Und obwohl die Kammer von Anfang an ausführliche Geschäftsberichte und Sitzungsprotokolle herausgab, waren in sämtlichen in Frage kommenden Archiven Österreichs keine derartigen Quellen mehr vorhanden. Die Grundlage für die Arbeit lieferten somit die in den Presseorganen unvollständig und gekürzt abgedruckten Berichte über die einzelnen Vollversammlungen. Die Zensur und Nachrichtensperre des Ständestaates brachte nach 1933 freilich auch diese Quelle fast zum Versiegen.

Als besonderer Mangel stellte sich heraus, daß in ganz Österreich die ,,Vorarlberger Wacht“ des Jahres 1921 nicht mehr aufzufinden war. Die sozialdemokratische Zeitung setzte sich nämlich sehr für die freigewerkschaftIichen Belange in der Arbeiterkammer ein. Uns fehlen daher gerade für das Gründungsjahr der Kammer die Stellungnahmen von dieser Seite.

Aus Textvergleichen der einzelnen Zeitungsberichte über die Vollversammlungen läßt sich jedoch erkennen, daß diese nur in seltensten Fällen verfälscht wiedergegeben wurden, was dann auch prompt zu Reaktionen in der Presse führte.

Auffallend für die Quellenlage ist die Dominanz des christlich-sozia!en ,,Vorarlberger VolksbIattes“. Dies hat mehrere Gründe: Einmal widmete sich das Blatt in großem Umfang sozialpolitischen Fragen, erschien auch häufiger als die sozialdemokratische ,,Vorarlberger Wacht“ und war schließlich ab 1933 das wichtigste offizielle Presseorgan der ständischen Bewegung. Die ,,Vorarlberger Wacht“ fällt, obwohl sie nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1934 weiterhin erschien, als eigenständige Quelle aus.

Um dem Leser ein möglichst objektives und plastisches Bild jener Zeit zu geben, hat der Autor recht häufig auf Textzitate zurückgegriffen. Auch wurden immer wieder Ereignisse und Tatsachen dargestellt, die nicht direkt mit der Arbeiterkammer in Verbindung stehen, aber zum Verständnis der Lage der Vorarlberger Arbeitnehmerschaft unbedingt notwendig sind.

Wie aus der wenig vorhandenen Literatur über die Geschichte der Arbeiterkammern anderer Bundesländer zu ersehen ist, nahm die Vorarlberger Arbeiterkammer in der 1. Republik durchaus eine Sonderstellung ein, die auch den lokalen parteipolitischen und sozioökonomischen Verhältnissen entsprach.

Für die Hilfe bei der Beschaffung von Quellenmaterial sei Kammeramtsdirektor Dr. Ernst Haselwanter, dem Leiter des Landesarchivs Univ.-Doz. Dr. Karl Heinz Burmeister, dem Leiter des Archivs der Landeshauptstadt Bregenz Emmerich Gmeiner, dem Stadtarchivar von Bludenz Karl Spescha und dem Leiter der sozialwissenschaftiichen Studienbibliothek der Arbeiterkammer Wien, Gottfried Hatzel, gedankt. Besonderen Dank möchte ich Altlandesrat Josef Schoder und Altnationalrat Herbert Stohs für die kritische Durchsicht und die wertvollen Einzelhinweise aussprechen.

 

Feldkirch, im Dezember 1977

Gerhard Wanner


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* Die Texte wurden dem Original-Dokument entnommen und die Rechtschreibung nicht verändert.