Die Periode des Hochkapitalismus (bis 1918)

Die wirtschaftliche Situation im Allgemeinen

Hatte die erste Hälfte des Jahrhunderts die Grundlegung und stürmische Entwicklung der vorarlbergischen Industrie aus kleinsten Anfängen mit sich gebracht, so führten die nun folgenden Jahrzehnte in die ruhigeren Fahrbahnen einer Sicherung, einer nicht mehr von den Kinderkrankheiten des Gründungsfiebers erhitzten Weiterentwicklung des Erreichten. Betrachten wir diese Entwicklung genauer, so läßt sich eine gewisse Wellenbewegung feststellen; nach stürmischem Hochgang bis Anfang der vierziger Jahre folgt eine relativ stagnierende Periode bis um die Mitte der siebziger Jahre, während die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts wieder eine bewegtere Aufwärtsentwicklung bringen, um im Wellental der unmittelbaren Vorkriegszeit zu verebben. 

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Konjunkturverlauf in der Stickereiindustrie © Tabelle
Konkunkturverlauf in der Stickereiindustrie © Tabelle


Bevölkerungsverhältnisse und Zahl der Arbeiter

Ein getreues Spiegelbild der industriellen Entwicklung Vorarlbergs sind die Bevölkerungszahlen. Auch hier zeigt sich eine deutliche Differenz zwischen den Jahren vor und nach 1880. Vor dem Jahre 1880 al.so konnte die Vorarlberger Wirtschaft den Bevölkerungsüberschuß des Landes noch nicht ganz aufsaugen, obwohl dieser damals· infolge der hohen Sterblichkeit noch nicht groß war. Erst in den drei Jahrzehnten seit dem Ende der siebziger Jahre wuchs die Vorarlberger Wirtschaft rascher als die Bevölkerung. Die Einwohnerzahl stieg von 1880 bis 1910 um 38.000, also um 35,4 Prozent; aus der natürlichen Bevölkerungsbewegung wuchsen aber nur zwei Drittel dieser Zahl zu, das restliche Drittel rekrutierte sich aus Einwanderern, vor allem aus dem Trentino. Aus einem Land, das durch Jahrhunderte Menschen zur Saisonarbeit exportierte, war in wenigen Jahren ein Einwanderungsgebiet geworden. 

Bevölkerungszahl Vorarlbergs
1850 bis 1920
1851104.428
1869102.731
1880107.373
1890116.073
1900129.237
1910145.408
1920133.212

„Die Auswanderung wird, ja muß in unserem Lande eine soziale Frage, eine Notwendigkeit werden.“

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„Die Mechanisierung hatte die Stickerei zu einer ungeahnten, freilich rasch welkenden und oft dem Reif schwerer Krisen ausgesetzten Blüte entfaltet.“

 

Löhne

Löhne und Kaufkraft

Das Material, das uns für einen Überblick über die Lohnentwicklung in der Vorarlberger Textilindustrie für die Zeit von 1850 bis 1918 zur Verfügung steht, ist wohl wesentlich reicher als die Zahlenangaben für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Allerdings ist es keineswegs so vollständig, daß eine durchgehende Angabe der jährlichen Lohnzahlen möglich wäre. Darin liegt jedoch nicht die Hauptschwierigkeit, auf die wir bei kritischer Sichtung der Lohnzahlen :stoßen, da das vorhandene Material darauf schließen läßt, daß die Löhne innerhalb der einzelnen Zeitabschnitte keinen starken Schwankungen unterlegen sein dürften (wobei wir allerdings stets Vollbeschäftigung voraussetzen müssen; die aufgrund von Reduktionen in der Erzeugung entstandene Minderung der jährlichen Arbeitszeit und damit auch der Jahreslöhne kann in unserer Untersuchung nirgends berücksichtigt werden, da Angaben hierüber vollständig fehlen). 
 
 
„Ein Bild von der tatsächlichen Lage der Arbeiterschaft können wir uns freilich erst bei Betrachtung der Reallöhne machen.“

JahrMännerFrauenDurchschnitt
1860724257
1870804562,5
18771027287
18831057590
1890906075
190212590107,5
190618090135
1913193130167
Durchschnittliche Taglöhne in der Baumwollindustrie (in österreichischen Kreuzern)

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Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen

„Die Mehrzahl der Fabriken war in alten Gebäuden untergebracht, in denen es an Raum und guter Ventilation mangelte.“

Die Baumwollindustrie Vorarlbergs ist seit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend mechanisiert. In der Spinnerei hatten nach langwierigen Versuchen die auf den Erfindungen von Roberts, Brewster und James Smith beruhenden Selfaktoren die Handstuhlspindeln abgelöst. Wenn auch mit der Herstellung der selbstwirkenden Maschinen die Epoche der großen Erfindungen auf dem Gebiet der Spinnerei abgeschlossen war, so führten doch zahlreiche Veränderungen und Verbesserungen, vor allem die Einführung der Ringspinnmaschinen, auf die man sich in Vorarlberg bereits vor der Jahrhundertwende umzustellen begann, zu weiteren erheblichen Steigerungen der Produktivität. Auf dem Gebiet der Weberei hatte sich der mechanische Webstuhl die Fabriksäle erobert.

Überstunden in der Baumwollindustrie

Überstunden in der Baumwollindustrie © Tabelle

 

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sozialgesetzgebung

Sozialgesetzgebung und soziale Einrichtungen

In einer Resolution des Hainfelder Parteitages der österreichischen Sozialdemokratie (Jahreswende 1888/89) wird festgelegt, welche Minimalforderungen nach Meinung der Partei eine wirksame Arbeiterschutzgesetzgebung erfüllen müßte:

  1. Volle Koalitionsfreiheit und gesetzliche Anerkennung von Lohnverabredungen und Kartellen der Arbeiter;
  2. Achtstündiger Maximalarbeitstag ohne Klauseln und Ausnahmen;
  3. Verbot der, Nachtarbeit (mit Ausnahme von jenen Betrieben, deren technische
    Natur eine Unterbrechung nicht zuläßt);
  4. Volle Sonntagsruhe von Samstag abends bis Montag früh;
  5. Verbot der Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren;
  6. Ausschluß der Frauenarbeit aus den für den weiblichen Organismus besonders schädlichen Betrieben;
  7. Geltung all dieser Bestimmungen für Betriebe jeder Art (Industrie, Transport, Handwerk, Hausindustrie);
  8. Strenge Strafen bei Übertretung;
  9. Mitwirkung der Arbeiterorganisationen bei der Kontrolle der Durchführung dieser Bestimmungen durch die Gewerbeinspektoren.
Rechenschaftsbericht der Arbeitsvermittlung © Tabelle

„Das liberale Wirtschaftskonzept gelangte damals in Österreich zur vollen Blüte“

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Lebensbedingungen

Die allgemeinen Lebensbedingungen der Arbeiterschaft

„Besonders die Arbeiterfrauen lebten größtenteils von Kaffee und Riebel.“


Die Ernährungsverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung Vorarlbergs waren auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im allgemeinen sehr bescheiden. Aus dem Jahre 1871 stammen Angaben, was sich der einfache Arbeiter an Nahrungsmitteln täglich leisten konnte, um mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auszukommen: zum Frühstück Kaffee mit Brot, um 9 Uhr ein halbes Maß gewässerten Most und Maisbrot, zu Mittag Gerstensuppe, Kraut und Maissterz (oder Kartoffeln), zur Jause Most, Maisbrot, 3 Loth Käse und am Abend eine Einbrennsuppe und Kartoffeln: Natürlich wird dieser Speisezettel Abänderungen und Nuancen unterworfen gewesen sein, dennoch blieb er für den Arbeiterhaushalt (und übrigens auch für die Mehrzahl der Bauernfamilien) dürftig 
genug.
 

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Politik und Arbeiterschaft

Das Verhältnis der politischen Parteien zur Arbeiterschaft; die Arbeiterbewegung

Die Ziele, welche die von der Arbeiterschaft im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffenen Organisationen sich setzten, berührten im wesentlichen drei Bereiche: die kulturelle Entwicklung des einzelnen Arbeiters durch wissenschaftlich-moralische Fortbildung; die Erlangung günstigerer Positionen der Arbeiterschaft eines Betriebes bzw. eines ganzen Wirtschaftszweiges durch Koalition; das politische Mitbestimmungsrecht im Staate für die gesamte Arbeiterklasse. Diesem Schema entsprechen - auch in chronologischer Abfolge - die Organisationsformen der Arbeiterbewegung in Österreich: der Arbeiterbildungsverein; die Gewerkschaft; die Arbeiterpartei.
 
 

Zahl der streikenden Arbeiter 1896 bis 1913 © Tabelle

„Streiks gehören hierzulande unter die noch unbekannten Dinge.“

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Unternehmer

Der Unternehmer; Anteil des Arbeiters am Arbeitsprodukt

An der personellen Zusammensetzung der Unternehmerdynastien der Vorarlberger Industrie hat sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wenig geändert. Die Vorarlberger Unternehmungen befanden sich weiterhin im persönlichen Besitz der Familien, die sie gegründet bzw. zur Blüte geführt hatten. Es ist ja überhaupt charakteristisch für die Vorarlberger Industrie, daß hier die anonyme Aktiengesellschaft nie eine bedeutende Rolle gespielt hat.
 
 
„Die Vorarlberger Unternehmer, soweit sie sich durchsetzen konnten, sind im Laufe des 19. Jahrhunderts immens reich geworden.“

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immigration

Die italienische Immigration; ihre Problematik für die Arbeiterschaft

Ein Problem, das für die Lage der Vorarlberger Arbeiterschaft zeitweise von einschneidender Bedeutung war und eng mit ihr zusammenhängt, war die Einwanderung italienischer Arbeitskräfte. Die ersten italienischen Fabriksarbeiter (es handelte sich dabei fast immer·um Welschtiroler, nicht um Reichsitaliener) dürften anfangs der siebziger Jahre ins Land gekommen sein. 1877 jedenfalls wurde bereits darüber Klage geführt, daß die Handweber in der Umgebung von Bludenz beschäftigungslos geworden waren, während die neuerrichtete Weberei italienische Arbeitskräfte eingestellt hatte. Die Zahl der ins Land gekommenen Italiener wurde mit etwa 1000 angegeben, und viele von ihnen waren Mädchen.
 

Taglohn der Fabrik Getzner, Mutter & Cie. um 1880

eine deutsche
eine italienische
Spinnerin60 bis 79 Kreuzer
45 bis 72 Kreuzer
Weberin48 bis 163 Kreuzer
40 bis 79 Kreuzer

 „In Bludenz und Umgebung hörte man so viel italienisch sprechen, daß man sich an die Sprachgrenze Südtirols versetzt glaubte.“

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Erster Weltkrieg

Die Arbeiterschaft im ersten Weltkrieg

Lohn- und Preisentwicklkung im 1. Weltkrieg © Grafik
Lohn- und Preisentwicklung im ersten Weltkrieg © Grafik

„ist der Krieg einmal da, so bleibt dem Proletariat nichts übrig, als das Vaterland und die nationale Kultur zu verteidigen, soweit ·sie vorhanden sind." Diese resignierende Feststellung traf die sozialdemokratische „Vorarlberger Wacht" bei Kriegsausbruch, nachdem sie zunächst einmal mit zahlreichen vom Zensor hinterlassenen weißen Flecken erschienen war. Sie stimmte nicht in den chauvinistischen Ton des österreichischen Zentralorgans der Sozialdemokratie ein, sondern erlegte sich von Anfang an in bezug auf Begeisterungsausbrüche zum Kriegsgeschehen größte Zurückhaltung auf. Aus ihren Zeilen klang immer wieder die Meinung durch, daß der Krieg, der hier ausgetragen wurde, die Arbeiterschaft im Grunde nichts anging.
 
 
„Die Textilarbeiter bekamen den Krieg als erste zu spüren.“

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„Die Mechanisierung hatte die Stickerei zu einer ungeahnten, freilich rasch welkenden und oft dem Reif schwerer Krisen ausgesetzten Blüte entfaltet.“