Betriebsräte im Porträt

Der Betriebsrat ist ein von der Belegschaft gewähltes Gremium und vertritt die Interessen der Arbeitnehmer. Er wird für fünf Jahre bestellt. Weil er zwischen Chefetage und Belegschaft vermitteln muss, gerät er gelegentlich ordentlich zwischen die Fronten.

Drei Betriebsrät:innen berichten, wie ihre Praxis aussieht, welche besonderen Herausforderungen die Corona-Pandemie mit sich brachte und was sie gerade beschäftigt. 

Iris Seewald (FCG, ÖAAB), ifS

 „Letztendlich müssen wir einen Konsens finden“

Iris Seewald © Foto: Privat
© Foto: Privat
Weil betriebsrätliche Arbeit auch bedeutet, wieder heilzumachen, was im Hin und Her der Missverständnisse zerbrochen ist, hat Iris Seewald (51) 2008 ihre wahre Bestimmung gefunden. Die ausgebildete Heilpädagogin und Gewaltberaterin war seit 1999 in der Jugendarbeit tätig. Jetzt saß sie in einer Betriebsversammlung des IfS und staunte nicht schlecht. Das Institut für Sozialdienste zählte damals bereits eine 300-köpfige Belegschaft, aber den drei Menschen vom Betriebsrat hörten gerade mal schlappe 15 Frauen und Männer zu. „Es fand sich niemand zur Mitarbeit bereit“, erinnert sie sich, „niemand ließ sich zur Betriebsratswahl aufstellen“. Das kann’s nicht sein, regte sich Widerstand in Iris Seewald, die seit frühester Jugend Gewerkschaftsmitglied ist. „Das hat bei uns daheim einfach dazu gehört.“

Inzwischen arbeitet sie seit 2014 als freigestellte Betriebsrätin für inzwischen 510 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie hat nach teils durchaus auch ernüchternden ersten Jahren 2012 mit einer eigenen Liste bei den Betriebsratswahlen den Sieg davon getragen und leitet heute ein neunköpfiges Team. Zahllose Schulungen in Sachen Arbeitsrecht hat sie hinter sich, in Menschen wie Willi Oss und Erich Zucalli glänzende Vorbilder gefunden. Der Sozialkollektivvertrag für Vorarlberg, der österreichweit Aufsehen erregte, trägt auch ihre Unterschrift.

Wie muss denn eine Betriebsrätin gestrickt sein? „Sie muss den Konsens finden“, betont Seewald. „Was wünschen die Mitarbeiter, was schafft die Geschäftsführung?“ Zwischen beiden Standpunkten leistet der Betriebsrat „viel Übersetzungsarbeit“. 

Manchmal glückt das mit Reden, oft in stundenlangen Verhandlungen, mitunter geht’s auf die Straße. Ob bei der großen Demo in Rankweil, wo es um gleiches Geld für gleiche Arbeit ging,  oder vor dem Bregenzer Landhaus, wo Betriebsräte aus dem ganzen Land mit ihrer Applaus-Maschine u. a. 300 Euro Prämie für die Systemerhalter im Gesundheitsbereich buchstäblich herbeiklatschten – Iris Seewald steht immer ganz vorne. Und wollte sie ihre persönlichen Schwerpunkte benennen, legte sie einfach den Namen ihrer Liste auf den Tisch: „Mehrwert für Belegschaft, MitarbeiterInnen–Informationen und Rechte.“ Darum geht’s. Auch und vor allem während der Corona-Pandemie.

Can Bozgül (FCG, ÖAAB), Tridonic

 „Bei Ungerechtigkeiten möchte ich einfach helfen“

Can Bozgül © Foto: Privat
© Foto: Privat
Can Bozgül (45) ist ein Kämpfer. Das liegt schon in seinen frühen Jahren begründet. 1989 kam er als 14-jähriger Bub aus Istanbul nach Vorarlberg. „Das war nicht einfach.“ Er hatte in der Türkei eine Art Elektronik-HTL begonnen, „aber hier schickten sie mich noch einmal in die vierte Klasse Hauptschule. Er sprach ja kein Deutsch. Aber das hat er schnell gelernt und die Fachschule für Elektrotechnik an der HTL Bregenz abgeschlossen. „Ich hab damals oft Freunde in anderen Schulen besucht, wir hatten ja noch kein Handy.“ So hat er den türkischen Dichter Kundeyt Surdum kennengelernt, der damals junge Migranten aus der Türkei um sich scharte, um mit ihnen über Gesellschaftspolitik zu diskutieren. Diesen Auftrag würde Can heute noch gerne erfüllen und junge Kolleginnen und Kollegen für die Arbeit als Betriebsrat begeistern, „aber die kennen sich bestens mit Autos und Fußball aus, ihre Rechte im Unternehmen kennen sie nicht“.

Betriebsrat wurde Can, als er sich selber ungerecht behandelt fühlte. Eine Schichtführerstelle wurde ihm vorenthalten, obwohl er alle Voraussetzungen erfüllte. Er hat sich damals vertrauensvoll an den Betriebsratsvorsitzenden der Angestellten, Erich Zucalli, gewandt, „der wurde mein Mentor“. Heute ist Can Vorsitzender des Arbeiterbetriebsrats, nachdem er 2012 mit seinem Team auf Anhieb die Mehrheit der Wählenden überzeugen konnte.

Seit die Zahl der Mitarbeiter bei Tridonic Anfang des Jahres unter 150 gesunken ist, kann sich Can Bozgül nicht mehr ganz der Betriebsratsarbeit widmen. Er ist nicht mehr freigestellt. Aber bremsen kann ihn das nicht. Selbst wenn er sich für die Rechte der Leasingarbeiter einsetzt, für die er sich genauso verantwortlich fühlt. In diesem Fall blieb er so lange hartnäckig am Ball, bis den Betroffenen  lange vorenthaltenes Geld ausbezahlt wurden. Das hat Folgen: In Zukunft werden Leasingfirmen sehr genau drauf achten müssen, wie die Leute wirklich entlohnt werden. „Wenn einer stark ist und auf Schwächere losgeht“, kann Can Bozgül nicht stillhalten. Im Mitgliederservice der AK Vorarlberg hat er gute Partner gefunden, die, wenn es sei muss, seinen Forderungen auch den nötigen Nachdruck verleihen.

Thomas Steurer (FSG), LKH Bregenz

 „Du musst wirklich bei den Leuten sein“

Danner Xenia © AK Vorarlberg (T. Matt)
© AK Vorarlberg (T. Matt)
Betriebsratsarbeit war dem gebürtigen Langenegger Thomas Steurer (54) nicht in die Wiege gelegt, die Krankenpflege schon. „Das hat mich immer interessiert.“ Deshalb führte der Weg von der abgeschlossenen Textilschule auch schnurstracks nach Innsbruck, wo er 1991 stolz das Diplom als Krankenpfleger in Händen hielt. „Als ich die Direktorin am LKH Bregenz nach einem Job fragte, legte sie lachend ein ganzes Bündel an offenen Stellen auf den Tisch mit dem Satz: Such Dir was aus!“ Fachkräfte waren schon damals rar. Steurer hat sich in St. Gallen zum Anästhesiepfleger, später in Vorarlberg in der Intensivpflege ausbilden lassen und 20 Jahre in dem Beruf gearbeitet. Wenn er während der Covid-19-Pandemie den Alltag der Kollegenschaft auf Intensiv schilderte, wusste er genau, wovon er sprach.

Warum Betriebsrat? „Ich bin halt gefragt worden.“ Vorstellen konnte sich Steurer nichts darunter. Von Sitzungen in weitem Abstand war die Rede. Aber dann schied sein Vorgänger krankheitsbedingt aus „und ich wurde ins kalte Wasser geworfen“. Schwimmen kann er inzwischen. Während der Pandemie haben Steuer und sein elfköpfiges Team weiterhin wöchentlich alle Stationen besucht. „Nur so kommst Du mit den Leuten ins Gespräch.“ Homeoffice? „Ging gar nicht. Du kannst nicht in so einem Moment den Draht zu den Leuten kappen.“ Mit Maske, Schutzbrille, total vermummt am Patienten arbeiten, das Sterben auf der Intensivstation miterleben, die Machtlosigkeit – „da sind auch Hartgesottene eingeknickt“. Und der Betriebsrat? Musste dafür sorgen, dass die Ansprüche der Kolleginnen und Kollegen nicht unter die Räder kamen. „In der ersten Corona-Welle wären sie fast auf hunderten Minusstunden sitzen geblieben!“ Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter saßen zuhause in Bereitschaft. Niemand konnte die Lage einschätzen. „Am Ende wollte die Betriebsgesellschaft gnadenhalber 25 Prozent der Überstunden rückerstatten.“ Der Betriebsrat hatte mithilfe von Dr. Tamara Thöny-Maier vom AK-Mitgliederservice bereits eine Klage vorbereitet, als die Arbeitgeber in letzter Sekunde einlenkten und 75 Prozent der Minusstunden beglichen. Dass es bei den stundenlangen Verhandlungen auch ziemlich laut wurde, „das gehört dazu“, so wie der typisch österreichische Kompromiss, der Konflikte in Konsensbereitschaft münden lässt. Manche Konflikte werden sichtbar. „Tatsächlich aber wehren Bertriebsräte im Interesse der Belegschaft auch ganz viel ab, von dem die Kollegenschaft nie erfährt.“