Pressegespräch der Arbeiterkammer Vorarlberg. Zwei Männer stehen nebeneinander vor einer Stellwand mit dem Logo der AK Vorarlberg. Links spricht Bernhard Heinzle, AK-Präsident – er trägt ein dunkles Sakko und ein weißes Hemd mit einem AK-Pin am Revers und ein Ansteckmikrofon. Vor ihm steht ein Namensschild mit der Aufschrift „Bernhard Heinzle, AK Präsident" sowie ein Wasserglas. Rechts steht AK Ökonom Dominic Götz in einem karierten Hemd über einem schwarzen T-Shirt, der aufmerksam zuhört.
AK Präsident Bernhard Heinzle und AK Ökonom Dominic Götz haben das AK Standort-Rating 2026 im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. © Dietmar Mathis
30.04.2026

AK Standort-Rating 2026: Investition in frühe Bildung ist Vorarlbergs beste wirtschaftliche Chancensicherung

Das aktuelle Standort-Rating der AK Vorarlberg zeigt eine bedenkliche Schieflage: Trotz hoher Stundenproduktivität droht Vorarlberg, seine Standortattraktivität zu verlieren. Während die Lebenshaltungskosten im Land – allen voran das Wohnen – ein kritisches Niveau erreichen, bleiben notwendige Zukunftsinvestitionen aus. Für die AK Vorarlberg ist klar: Solange das Angebot und die Qualität der Kinderbetreuung nicht mit den Bedürfnissen der Arbeitswelt zusammenpassen, bleibt die persönliche wirtschaftliche Stabilität für viele eine Illusion. Ein wichtiger Hebel liegt im Bildungssystem: Frühe Bildung ist kein bloßer Kostenfaktor, sondern ein entscheidender Standortfaktor. AK Präsident Bernhard Heinzle warnt vor einem „Rotstift an der falschen Stelle“ und fordert eine Qualitätsoffensive in der frühen Bildung.

„Die Politik muss heute die Weichen stellen, damit Vorarlberg auch übermorgen noch ein Land mit hoher Lebensqualität ist“, erklärt AK Präsident Bernhard Heinzle. Das Standort-Rating 2026 der AK Vorarlberg macht eines deutlich: Die hohe Wirtschaftsleistung kommt nicht mehr bei den Arbeitnehmer:innen an – die diese Leistung mit ihrer Arbeitskraft erst möglich machen. Trotz der hohen Stundenproduktivität ist die Brutto-Lohnquote (jener Anteil am erwirtschafteten Wohlstand, der tatsächlich als Einkommen bei den Beschäftigten ankommt) eine der niedrigsten in ganz Österreich. Zudem setzen unbezahlte Überstunden und Mietpreise auf Rekordniveau die Familien unter Druck. Um die hohen Kosten zu decken, versuchen viele, das Erwerbsausmaß zu erhöhen – doch sie scheitern an den mangelnden Rahmenbedingungen. 

Das Diagramm zeigt fünf Kennzahlen im Zeitverlauf. Die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten (blaue Linie) steigt stark an – von 100 im Jahr 2010 auf rund 145 im Jahr 2024 – und ist damit die am stärksten wachsende Größe. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten (blaue gestrichelte Linie) nimmt ebenfalls deutlich zu, von 100 auf etwa 125. Die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten (rote Linie) wächst moderat auf rund 108. Die Erwerbsquote der 15- bis 64-Jährigen (schwarze Linie) steigt leicht auf ca. 106. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten (rote gestrichelte Linie) sinkt hingegen kontinuierlich auf etwa 91, was den wachsenden Anteil von Teilzeitarbeit widerspiegelt. Fazit: In Vorarlberg hat die Teilzeitbeschäftigung zwischen 2010 und 2024 sowohl absolut als auch anteilig stark zugenommen, während der Anteil der Vollzeitbeschäftigten gesunken ist. Quelle: Statistik Austria; Mikrozensus, eigene Berechnungen; Eurostat.


Spotlight Frühe Bildung: Zwischen Anspruch und Realität

Das Land Vorarlberg hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 der „chancenreichste Lebensraum für Kinder“ zu werden. Ein Blick auf die Daten zeigt: Die Realität hinkt hinterher. Vorarlberg ist zwar wirtschaftlich stark, aber eines der sozial ungleichsten Bundesländer. Das Land hat den höchsten Gender Pay Gap Österreichs (!) und eine der höchsten Teilzeitquoten bei Frauen. Zudem halten sich veraltete Rollenbilder hartnäckig: Über die Hälfte der Vorarlberger Männer glaubt noch immer, dass Kinder unter der Erwerbstätigkeit von Müttern leiden. So werden Rahmenbedingungen zementiert, die eine Vollzeitarbeit für beide Elternteile de facto unmöglich machen. „Frühe Bildung ist kein Luxus. Sie schafft für Frauen erst echte Wahlfreiheit und sorgt dafür, dass sie Familie und Beruf endlich vereinbaren können“, so Heinzle. Vor diesem Hintergrund ist der Ausbau und die Verbesserung der frühen Bildung in Vorarlberg keine politische Option mehr, sondern eine ökonomische Notwendigkeit für die Standortstabilität.

Gruppiertes Balkendiagramm: Haltung zur mütterlichen Erwerbstätigkeit in Vorarlberg, Österreich, Wien und Norwegen (Vergleich) Das Diagramm zeigt den Anteil der Frauen (lachs/orange) und Männer (hellblau), die der Aussage zustimmen: „Ein Kind, das noch nicht zur Schule geht, leidet unter der Erwerbstätigkeit der Mutter." Altersgruppe: 18–59 Jahre, Daten aus dem GGP 2022/23. Die Zustimmungswerte im Überblick:  Vorarlberg: Frauen 30,0 %, Männer 51,7 % Österreich: Frauen 26,6 %, Männer 43,6 % Wien: Frauen 18,1 %, Männer 32,1 % Norwegen (Referenz): Frauen 2,4 %, Männer 5,9 %  In allen Regionen stimmen Männer der Aussage deutlich häufiger zu als Frauen. Vorarlberg weist die höchsten Zustimmungswerte aller österreichischen Vergleichsregionen auf. Norwegen wurde als internationaler Spitzenreiter mit sehr niedrigen Zustimmungswerten als Referenz hinzugezogen und verdeutlicht das erhebliche Gefälle zu den österreichischen Werten. Quelle: GGP 2022/23, zit. in ÖIF, Bedingungen einer geringen Inanspruchnahme elementarpädagogischer Angebote.


Porträtfoto von Bernhard Heinzle, Präsident der Arbeiterkammer Vorarlberg. Er spricht, trägt ein weißes Hemd unter einem dunklen Sakko mit einem AK-Pin am Revers sowie ein Ansteckmikrofon. Er hat graues, lockiges Haar. Der Hintergrund ist hell und schlicht. Foto: Dietmar Mathis.
AK Präsident Bernhard Heinzle © Dietmar Mathis

Strukturelle Hürden statt echter Wahlfreiheit 

Das AK Standort-Rating zeigt in der Debatte um die Wahlfreiheit der Eltern ein differenziertes Bild: „Für viele ist diese Freiheit reine Theorie“, so Heinzle. „Viele Mütter würden ihr Erwerbsausmaß gerne erhöhen, finden aber keine passenden Rahmenbedingungen vor. Wenn Öffnungszeiten nicht mit der Arbeitswelt korrespondieren, ist die Entscheidung gegen den Beruf kein freier Wunsch, sondern ein Mangel an echten Alternativen.“

Qualität der frühen Bildung ist entscheidend

Dass es beim Ausbau der frühen Bildung nicht nur um Plätze, sondern um die Substanz geht, hat Ende 2024 die Personalbefragung der AK gezeigt: „Fast jede fünfte Fachkraft gibt an, den eigentlichen Bildungsauftrag unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht mehr ausreichend erfüllen zu können“, hält Heinzle fest.

Die Zwickmühle: Hohe Fixkosten treffen auf stagnierende Chancen

Das AK Standort-Rating verdeutlicht zudem, wie sehr die Problemfelder ineinandergreifen: Bei massiv steigenden Wohnkosten wird der Bildungszugang zur Existenzfrage.

  • Wohnen ist Preistreiber: Mit einer durchschnittlichen Bruttomiete von 11,80 Euro pro Quadratmeter ist der finanzielle Druck auf Familien so hoch, dass ein einzelnes Erwerbseinkommen angesichts der hohen Lebenshaltungskosten kaum noch zur wirtschaftlichen Stabilität einer Familie reicht.
  • Bildung als Resilienzfaktor: Vorarlberg weist mit 17,3 Prozent den österreichweit höchsten Anteil an Personen mit maximal Pflichtschulabschluss auf. In einem Hochpreisland wie Vorarlberg ist dieses Bildungsniveau besonders in Krisenzeiten ein Risiko. Frühe Bildung ist das wichtigste Fundament für spätere Bildungschancen und die wirksamste Antwort auf den drohenden Fachkräftemangel.
Porträtfoto von Dominic Götz, Ökonom der Arbeiterkammer Vorarlberg. Er spricht in die Kamera, trägt ein schwarzes T-Shirt unter einem grauen Karojackett und hat kurzes, braunes Haar sowie einen kurzen Bart. Der Hintergrund ist hell und schlicht. Foto: Dietmar Mathis.
AK Ökonom Dominic Götz © Dietmar Mathis

AK Experte Dominic Götz warnt hier vor einer gefährlichen Dynamik: „Während Fachkräfte nach einer Krise meist rasch wieder Beschäftigung finden, droht Hilfsarbeitskräften immer öfter die Langzeitarbeitslosigkeit. Das Vorarlberger ‚Modell‘ – hohe Industrielöhne auch ohne Ausbildung – funktioniert in der Krise nicht und entzieht vielen Familien die wirtschaftliche Basis.“

„Wenn das Leben in Vorarlberg am teuersten ist, muss die Unterstützung bei der Bildung am besten sein“, betont AK Präsident Heinzle. „Investitionen in die Elementarpädagogik wirken doppelt: Sie sichern die Zukunftschancen der Kinder und ermöglichen ihren Eltern, sich durch Erwerbsarbeit wirtschaftlich abzusichern.“

Flächendiagramm: Entwicklung von Mietpreisen, Eigentumspreisen, Inflation und Medianeinkommen in Vorarlberg (bzw. Indices für Österreich gesamt), 2010–2024 (indexiert, 2010 = 100) Das Diagramm zeigt vier übereinandergelegte Flächen, die die kumulierte Preisentwicklung seit 2010 veranschaulichen. Alle Größen starten bei 100 und entwickeln sich bis 2024 wie folgt:  Eigentumspreise (Ö – Gesamtindex HPI, hellblau): stärkster Anstieg auf ca. 211, entspricht +111 % Mietpreise/m² (V – Bruttomiete, mittelblau): Anstieg auf ca. 164, entspricht +64 % Bruttomedianeinkommen ohne Sonderzahlungen (V, dunkelrot): Anstieg auf ca. 157, entspricht +57 % Inflation (Ö – VPI 2010, hellrot): Anstieg auf ca. 148, entspricht +48 %  Die Eigentumspreise stiegen dabei bis etwa 2022 besonders stark an und lagen zuletzt weit über allen anderen Kennzahlen. Mietpreise und Medianeinkommen wuchsen ähnlich stark, beide jedoch deutlich über der allgemeinen Inflation. Das Diagramm verdeutlicht, dass Wohnen in Vorarlberg seit 2010 erheblich teurer geworden ist – besonders Eigentum – und dass die Einkommensentwicklung nicht mit den Wohnkosten Schritt halten konnte. Quelle: Statistik Austria; HV-SV-Einkommensdaten 2010–2024; eigene Berechnungen.


Die Forderung der AK: Ein verlässlicher Aktionsplan

Die AK Vorarlberg fordert von der Landespolitik einen verbindlichen regionalen Aktionsplan statt einer Politik, die an der Lebensrealität vorbei geht:

  • Rechtsanspruch & Ausbau: Ein stufenweiser Plan zum Rechtsanspruch auf Elementarbildung und Betreuung ab dem ersten Geburtstag.
  • Hürden abbauen für echte Wahlfreiheit: Schrittweise Ausweitung der sozialen Staffelung mit dem Ziel einer kostenlosen Kinderbildung sowie mehr Flexibilität bei den Plätzen (z. B. am Arbeitsweg oder Arbeitsort).
  • Qualitätsoffensive: Absicherung des Fachkraft-Kind-Schlüssels und bessere Mindeststandards bei der Gruppengröße sowie Assistenzausbildung statt Personal-Förderdeckel.
  • Zukunftspaket Wohnen & Bildung: Eine gezielte Qualifizierungsoffensive für Niedrigqualifizierte sowie die Schaffung von zusätzlichem gemeinnützigem Wohnraum.

„Ein Standort ist nur so stark wie die Perspektiven, die er der nächsten Generation bietet“, mahnt Heinzle. „Das Ziel ‚chancenreichster Lebensraum‘ muss mehr sein als ein Slogan, es muss ein Versprechen sein, das in der täglichen Realität der Vorarlberger Familien eingelöst wird.“

AK Standort-Rating 2026 zum Download


Bernhard Heinzle, AK Präsident:

„Frühe Bildung ist kein bloßer Kostenfaktor, sondern ein entscheidender Standortfaktor. Das Land darf den Rotstift nicht an der falschen Stelle ansetzen. Wir brauchen eine Qualitätsoffensive in der frühen Bildung.“

Dominic Götz, AK Experte:

„Während Fachkräfte nach einer Krise meist rasch wieder Beschäftigung finden, droht Hilfsarbeitskräften immer öfter die Langzeitarbeitslosigkeit. Das Vorarlberger ‚Modell‘ – hohe Industrielöhne auch ohne Ausbildung – funktioniert in der Krise nicht und entzieht vielen Familien die wirtschaftliche Basis.“

Pressegespräch der Arbeiterkammer Vorarlberg. Dominic Götz, Ökonom der AK Vorarlberg, spricht stehend an einem Tisch, auf dem Unterlagen, Wassergläser und ein Namensschild mit seinem Namen liegen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt unter einem grauen Karojackett und ein Ansteckmikrofon. Im Hintergrund sitzt AK-Präsident Bernhard Heinzle im dunklen Sakko mit weißem Hemd. Hinter den beiden ist eine Präsentationsfolie mit der Überschrift „Qualität als zentraler Hebel für Vertrauen" zu sehen. Foto: Dietmar Mathis.
AK Ökonom Dominic Götz und AK Präsident Bernhard Heinzle bei der Pressekonferenz der Arbeiterkammer Vorarlberg © Dietmar Mathis


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