Nahaufnahme eines Jungen mit dunklen Haaren und einem orangefarbenen T-Shirt mit Aufdruck. Er sitzt an einem Tisch und blickt konzentriert in ein offenes Heft. In der rechten Hand hält er einen gelben Stift, die linke Hand ruht auf dem Heft. Ein türkisfarbenes Fitnessarmband ist an seinem linken Handgelenk sichtbar. Im Vordergrund liegen ein blauer Kuli und ein Tablet. Der Hintergrund ist unscharf.
Mehr als jedes dritte Schulkind hat Nachhilfebedarf. © elenbessonova, AdobeStock
18.08.2026

Nachhilfe an Österreichs Schulen weiter auf hohem Niveau – AK Vorarlberg fordert bessere Unterstützung für Familien

Mehr als jedes dritte Schulkind in Österreich hat laut aktuellem Nachhilfebarometer der Bundesarbeitskammer Bedarf an Nachhilfe – Familien investieren dafür österreichweit rund 143,8 Millionen Euro pro Jahr. Die AK Vorarlberg sieht hier auch das Land gefordert: Die bestehende Nachhilfeförderung wird bisher kaum in Anspruch genommen, wie eine aktuelle Landtagsanfrage zeigt. Die AK schlägt konkrete Verbesserungen vor, damit die Unterstützung tatsächlich bei den Familien ankommt.

Für den aktuellen Nachhilfebarometer befragte das Institut für empirische Sozialforschung von März bis Mai dieses Jahres bundesweit über 3.200 Eltern von mehr als 4.700 Schulkindern. Die Ergebnisse gelten für ganz Österreich; eine eigene Vorarlberger Erhebung gab es heuer nicht, weshalb sich die folgenden Zahlen auf den Bund beziehen. Zum Vergleich werden an mehreren Stellen die Ergebnisse des Vorarlberger Nachhilfebarometers aus dem Vorjahr (2025) herangezogen.

Nachhilfebedarf bleibt österreichweit hoch – besonders in Mathematik

Mehr als jedes dritte Schulkind in Österreich (36 Prozent) hat inzwischen Bedarf an Nachhilfe – schon in der Volksschule ist es fast jedes vierte Kind. Mehr als die Hälfte der Eltern (54 Prozent) erlebt ihr Kind beim Lernen häufig gestresst. 19 Prozent der Schüler:innen nehmen bezahlte Nachhilfe in Anspruch; in Vorarlberg lag dieser Wert im Vorjahr mit 23 Prozent sogar noch höher.

Die Nutzung verlagert sich zunehmend von langfristiger zu punktueller Unterstützung: 47 Prozent der Kinder nehmen Nachhilfe vor allem vor Schularbeiten und Tests, nur noch 38 Prozent regelmäßig übers Schuljahr (Vorjahr: 43 Prozent). Wichtigstes Nachhilfefach bleibt Mathematik (66 Prozent), gefolgt von Deutsch (33 Prozent) und Fremdsprachen (18 Prozent).

Nachhilfe kostet nicht nur Geld, sondern auch Chancengerechtigkeit

Von den rund 380.000 Schüler:innen, die österreichweit Nachhilfe bräuchten oder in Anspruch nehmen, nutzen rund 199.000 bezahlte Nachhilfe – im Schnitt um 720 Euro pro Kind und Jahr. Das ergibt rund 143,8 Millionen Euro, die Familien jährlich investieren müssen.

Nur eines von fünf befragten Elternteilen ist der Meinung, dass allein das Können des Kindes über dessen Ausbildungschancen entscheidet. Drei von fünf sagen, es hänge auch vom Einkommen ab; ein Fünftel macht sogar ausschließlich die finanziellen Mittel der Familie für den Bildungserfolg verantwortlich.

Das Bild zeigt ein Porträt des AK Präsidenten Bernhard Heinzle.
AK Präsident Bernhard Heinzle © Lukas Hämmerle

„Erfolgreiche Bildung darf einfach nicht von den finanziellen Mitteln im Elternhaus abhängig sein", sagt AK Präsident Heinzle. „Wir weisen jedes Jahr auf diese Ungerechtigkeit hin, und dieses Jahr haben wir nun auch die Einschätzung der Eltern dazu.“

Nachhilfeförderung in Vorarlberg mit großem Ausbaupotenzial

Das Land Vorarlberg unterstützt leistbare Nachhilfe durch eine Kooperation mit den Caritas-Lerncafés. Zusätzlich kann bei einem „Nicht genügend" im Zeugnis oder in der Schulnachricht binnen sechs Monaten eine Beihilfe zu den Nachhilfekosten beantragt werden. Wie eine Landtagsanfrage vom Oktober 2025 zeigt, wurde diese Förderung zwischen 2020 und 2024 allerdings nur zwölfmal gewährt – ein Hinweis darauf, dass das Angebot bei den Familien, die es bräuchten, bislang kaum ankommt.

„Aus unseren regelmäßigen Nachhilfebarometern und der hohen Nachfrage nach unserer eigenen kostenlosen Lernhilfe wissen wir, dass die Nachfrage nach Nachhilfe und die finanziellen Belastungen real sind. Dass die Unterstützung des Landes bisher so wenig genutzt wird, liegt wahrscheinlich daran, dass sie nicht niederschwellig und bekannt genug ist“, sagt AK Präsident Bernhard Heinzle. „Strenge Vorgaben zu Einkommen und Notenstand, geringe Bekanntheit, eine aufwendige Antragstellung und ein eingeschränkter Umfang machen das Modell aus unserer Sicht derzeit wenig attraktiv.“

„Diese Zahlen zeigen, dass es Anpassungsbedarf gibt. Wir sind überzeugt, dass eine gemeinsame Evaluierung mit dem Land hier rasch Verbesserungen bringen könnte – das Thema steht schließlich bereits im Arbeitsprogramm der Landesregierung“, so AK Präsident Heinzle.

Individuelle Förderung stärken: Lernen in der Schule, nicht zu Hause

Nachhilfe bietet aus Sicht vieler Eltern, was im Regelunterricht zu kurz kommt: Üben in Ruhe und kleinen Gruppen, individuelle Förderung und Verstehen im eigenen Tempo. Die Wirkung ist messbar: In 71 Prozent der Fälle führte Nachhilfe laut Eltern zum gewünschten Schulerfolg, je nach Fach tun sich 72 bis 84 Prozent der Kinder danach leichter.

Beim Vorarlberger Nachhilfebarometer des Vorjahres beurteilten die befragten Eltern den Unterricht in den Fächern, für die ihr Kind Nachhilfe brauchte, als durchwachsen: Rund ein Drittel gab an, dass ihr Kind mangels Feedback nicht wisse, was es üben solle. Rund 40 Prozent berichteten, ihr Kind traue sich im Unterricht nicht, Fragen zu stellen; ebenso viele nannten fehlende Zeit für Fragen und Übungen als Grund.

Porträt eines jungen Mannes, Linus Riedmann, mit kurzen braunen Haaren, der ein graues, gepunktetes Hemd trägt. Er schaut mit einem leichten Lächeln in die Kamera. Der Hintergrund ist ein unscharfer moderner Büroraum.
Linus Riedmann © AK

„Die Erkenntnis, dass in der Schule teils zu wenig auf die individuellen Stärken und Schwächen der Kinder eingegangen werden kann, hat sich auch bei unserem letztjährigen Nachhilfebarometer mit Vorarlberger Eltern gezeigt“, so AK Bildungsreferent Linus Riedmann. Programme wie der Chancenbonus der Bundesregierung seien ein Schritt in die richtige Richtung, um Schulen mit autonomen Mitteln für Schul- und Unterrichtsentwicklung auszustatten – laut Berechnungen der Bundesarbeitskammer brauche es dafür mittelfristig aber österreichweit 400 statt der veranschlagten 65 Millionen Euro.

Kostenlose AK Lernhilfe in den Sommerferien restlos ausgebucht

Die AK Vorarlberg bot auch heuer wieder eine kostenlose Lernhilfe in den Sommerferien für Schüler:innen der Mittelschule und der AHS-Unterstufe in Mathematik, Deutsch und Englisch an. Über 100 Kinder meldeten Interesse an, 74 von ihnen konnten teilnehmen – ein Beleg dafür, dass die Nachfrage das Platzangebot übersteigt.

„Das zeigt, wie dringend das Angebot gebraucht wird. Wir sind froh, dass wir mit diesem Programm einen Beitrag leisten können – betreiben damit aber Symptombekämpfung. Langfristig braucht es auch strukturelle Lösungen“, so Heinzle.

Die AK Vorarlberg fordert:

  • Nachhilfeförderung des Landes überarbeiten: Strenge Vorgaben, geringe Bekanntheit und eine aufwendige Antragstellung erschweren die Nutzung. Es braucht niederschwellige Unterstützungsmodelle, die tatsächlich ankommen.
  • Kostengünstige ganztägige Lern- und Betreuungsangebote sowie einen vollzeitkonformen Versorgungsauftrag für Volksschulkinder: Weitere Investitionen in Ganztagsschule und hochwertige Nachmittagsbetreuung eröffnen zusätzliche Fördermöglichkeiten.
  • Modellregion zur gemeinsamen Schule ermöglichen: Eine gemeinsame Schule könnte Notendruck reduzieren und Bildungsgerechtigkeit verbessern. Die Bundesregierung will die Einrichtung von schulischen Modellregionen erleichtern.  Das Land Vorarlberg ist eingeladen, sich hier aktiv einzubringen.
  • Lernen und Üben in der Schule, nicht zu Hause: Können braucht Übung. Schule muss so gestaltet werden, dass genügend Zeit und Raum für die Festigung und Übung des Stoffs bleiben. Die Schul- und Unterrichtsentwicklung muss verstärkt gefördert werden, beispielsweise durch eine Ausfinanzierung des Chancenbonus bundesweit.
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