Nachhilfe © Dan Race/ adobe.stock
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09.06.2022

Über vier Millionen Euro für Nachhilfe

AK hat’s erhoben: In Vorarlberg nahmen 7400 Schüler:innen privat bezahlte Unterstützung in Anspruch

Jedes sechste Vorarlberger Schulkind hat im Schuljahr 2021/2022 bezahlte Nachhilfe gebraucht. Die Eltern von 7200 weiteren Kindern konnten sich das gar nicht leisten. Kunststück: Im zuende gehenden Schuljahr flossen in Vorarlberg 4,4 Millionen Euro in bezahlte Nachhilfe, um 1,4 Millionen oder 46 Prozent mehr als im Schuljahr zuvor. Die aktuelle Nachhilfeerhebung der AK dokumentiert gewaltige Belastungen.

Das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) hat im Auftrag der AK das große Nachhilfemonitoring durchgeführt. „Die Kosten für bezahlte Nachhilfe betragen in diesem Schuljahr in Vorarlberg mehr als vier Millionen Euro“, erläutert Sarah Isele, Bildungsexpertin der AK Vorarlberg. Dieser enorme Anstieg gegenüber 2020 (drei Millionen Euro) ist auf die höheren Kosten bezahlter Nachhilfe zurückzuführen, durchschnittlich geben die Eltern pro Kind 580 Euro aus! Ein Drittel (32 Prozent) der Befragten ist durch Nachhilfe finanziell spürbar bis sehr stark belastet – vor allem jene mit Haushaltseinkommen unter 3000 Euro. „Viele Eltern können sich erst gar keine Nachhilfe für ihre Kinder leisten“, weiß Sarah Isele, die auch betont, dass sich 78 Prozent der Eltern mehr Lernförderung wünschen: „Kein Wunder, dass zwei Drittel (67 Prozent) der Eltern kostenfreie Ganztagsschulen als sinnvoll und notwendig betrachten.“

Bei der bezahlten Nachhilfe geht es nicht mehr nur darum, eine negative Note zu verhindern (20 Prozent). 30 Prozent der Schüler:innen erhielten Nachhilfe, um Lernrückstände aufzuholen. Die Eltern geben an, dass fast jedes zweite Kind während der Pandemie weniger gelernt hat. Als Hauptgründe dafür wurden der eingeschränkte Schulbetrieb und die geringere Lernmotivation genannt. Bei jedem vierten Kind waren psychische Probleme die Gründe.

Unangefochten auf Platz Eins der Nachhilfefächer liegt Mathematik. Zwei Drittel der Kinder (65 Prozent), die Nachhilfe benötigen, brauchen in diesem Fach Unterstützung. 31 Prozent erhalten Nachhilfe in Deutsch, 32 Prozent in einer anderen Sprache. Bezahlte Nachhilfe wird jeweils etwa bei einem Drittel bei Lehrkräften oder Studierenden (36 bzw. 37 Prozent) sowie bei Lerninstituten (27 Prozent) absolviert.

Zwei Drittel aller Schulkinder brauchen ihre Eltern zum Lernen. Mütter oder Väter kontrollieren nach der Arbeit die Hausübungen, sie lernen mit ihren Kindern für Prüfungen und Schularbeiten. Mit mehr als der Hälfte der Schüler:innen (55 Prozent) lernen die Eltern mindestens einmal oder mehrmals in der Woche. 22 Prozent der Eltern lernen sogar so gut wie täglich mit ihren Kindern, in der Volksschule sind es mehr als die Hälfte (45 Prozent).

Durch den Coronavirus haben sich die Regeln geändert, unter welchen Schule stattfindet. Die Eltern fanden sich nicht nur als Lernhilfe wieder, sondern agierten auch als Krisenmanager, wenn für mehrere Kinder nur ein PC zur Verfügung stand oder die Internetleitung zu langsam war. 20 Prozent der Eltern tun sich schwer damit, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

Immer noch übernehmen überwiegend Frauen – und zwar zu 75 Prozent – die (unbezahlte) Lernbetreuung der Kinder und Jugendlichen und nehmen damit die Mehrfachbelastung der eigenen Berufstätigkeit und der Schulzeit der eigenen Kinder auf sich. „Viel zu oft werden Frauen zwischen den Ansprüchen ihrer eigenen Berufstätigkeit und dem Schulerfolg ihrer Kinder aufgerieben. Schulen so zu organisieren, dass Kinder und Jugendliche dort gut lernen können, ist damit auch eine Frage der Vereinbarkeit und Chancengerechtigkeit für Frauen“, mahnt Sarah Isele ein.

Einen sehr positiven Effekt zur Eindämmung der Nachhilfe hat in ganz Österreich die schulische Nachmittagsbetreuung – entweder im Rahmen der Ganztagsschule oder in einer anderen Form. Das sehen auch die Eltern so, sofern die Qualität passt. „Sie gaben der Nachmittagsbetreuung in Vorarlberg sehr gute Noten“, sagt Sarah Isele. „Die Qualität der schulischen Förderung spielt beim Nachhilfebedarf eine wesentliche Rolle und kann nur im Zusammenspiel mit dem Unterricht gesteigert werden.“ Deshalb fordert die studierte Bildungswissenschafterin den Ausbau ganztägiger, schulischer Angebote, die mehr als nur Betreuung sind. Nämlich Ganztagsbildung, bei der Unterricht, Freizeit, individuelle Förderung und Stärkung sozialer Kompetenzen über den Tag verteilt stattfinden. „Und da gehört auch ein gesunder Mittagstisch dazu.“ Diese Forderungen kommen auch aus mehr als jedem zweiten Haushalt – unabhängig vom Bildungshintergrund der Eltern.

Besonders hervorzuheben ist, dass externe Nachhilfe vor allem jene Eltern für ihre Kinder benötigen, die selbst keinen höheren Schulabschluss haben und sich damit auch schwerer tun, den Kindern in schulischen Belangen zur Seite zu stehen. „Das ist zugleich auch jene Gruppe von Eltern, die für externe Nachhilfe nicht sehr große finanzielle Ressourcen oder gar keine zur Verfügung hat“, so Isele.

„Qualitative Schulentwicklung muss die individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse unserer Kinder berücksichtigen. Dementsprechend brauchen wir differenzierte Maßnahmen der Unterstützung. Leistungsstarke und eben auch leistungsschwächere Kinder benötigen die für ihre individuelle Leistungsentwicklung adäquate Förderung“, plädiert Isele für eine nachhaltige Investitionsoffensive für die Schule, die Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern entlasten. 

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