Hubert Hämmerle und Rainer Keckeis bei der Pressekonferenz © AK Vbg.
Hubert Hämmerle und Rainer Keckeis bei der Pressekonferenz © AK Vbg.

Arbeitnehmer sind die Leistungsträger

AK Analyse zum Standort Vorarlberg

In keinem österreichischen Bundesland ist die Verteilung der Lohn­einkommen und der unternehmerischen Gewinne so ungleich wie in Vorarlberg. „Unsere Arbeitnehmer arbeiten hart, lange und sehr effizient. Die Stundenproduktivität ist in keinem Bundesland höher als bei uns. Dennoch ist der Anteil der Arbeitnehmer am erwirtschafteten Erfolg der geringste in Österreich. Die Brutto-Lohnquote stagniert seit 2004 bei 43 Prozent“, erläutert AK Präsident Hubert Hämmerle das Ergebnis einer Analyse über die wirtschaftliche und soziale Situation unselbstständig Beschäftigter im Ländle.

Über diese Ungleichheit täuscht auch die Tatsache nicht hinweg, dass die Nettolohneinkommen der Arbeitnehmer in Vorarlberg vergleichsweise hoch sind. Allerdings sind die Arbeitnehmereinkommen auch nirgends so ungleich verteilt, wie in Vorarlberg. Das monatliche Nettomedianeinkommen (ohne Sonderzahlungen) liegt bei den Männern mit 1.916,- Euro an der Spitze, währen die Einkommen der Frauen mit 1.353,- Euro unter dem Österreichdurchschnitt liegen. 

Die Experten der AK Vorarlberg haben zur Darstellung der Wohlstands- und Fortschrittsentwicklung der Arbeitnehmer in Vorarlberg neun repräsentative, regionale Schlüsselindikatoren zu den Themenfeldern Arbeit, Leben und Leistungen analysiert. Die Basis dafür sind Daten der Statistik Austria und von Eurostat, die regelmäßig und zugänglich publiziert werden, um eine transparente Analyse und kontinuierliche Betrachtung der Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Vorarlberg aus Arbeitnehmersicht zu gewährleisten, erklärt AK Direktor Rainer Keckeis.

AK fordert Mindestohn von 1.800 Euro brutto

Für Präsident Hubert Hämmerle ist die Marktmacht der großen Unternehmen und die schwache gewerkschaftliche Organisation die Ursache dafür, dass eine gewinn- und produktivitätsorientierte Lohnpolitik immer unrealistischer geworden ist. „Wir exportieren wie die Weltmeister und beweisen täglich, wie hoch effizient und wettbewerbsfähig unsere Unternehmen sind. Da wäre es nur gerecht, auch diejenigen, die in den Betrieben die Leistung erbringen, stärker am betrieblichen Erfolg zu beteiligen“. Zur Bekämpfung der zunehmenden Lohnunterschiede fordert Hämmerle einen monatlichen Mindestlohn von 1.800 Euro. „Davon würden vor allem Arbeitnehmer in Niedriglohnbranchen und Teilzeitbeschäftigung profitieren und damit könnte der sich jetzt schon abzeichnenden Altersarmut von Frauen begegnet werden, ohne dass es dem Exportland Vorarlberg schadet“.

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Erwerbstätigenquote in Vorarlberg am höchsten

Mit einer Quote der Erwerbstätigen im Alter zwischen 20 und 64 von 79,80 Prozent liegt Vorarlberg an der Spitze Österreichs. Seit dem Jahr 2010 steigt der Anteil der Erwerbsbevölkerung jährlich um 0 ,7 Prozent am stärksten aller Bundesländer. Hauptgrund ist aber nicht die Zunahme gut bezahlter Vollzeitjobs, sondern der Teilzeitbeschäftigung. Diese wird in erster Linie von Frauen geleistet. Mehr als die Hälfte aller in Vorarlberg beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit und somit in eher schlecht bezahlten Jobs mit wenig Aufstiegschancen. Das hängt indirekt auch mit der unbefriedigenden Betreuungssituation für Kleinkinder in Vorarlberg zusammen. „Wenn wir es mit der Chancengleichheit ernst meinen, dann müssen wir die Rahmenbedingungen (Kinderbetreuung, Ganztagesschule, Pensionssplitting) verbessern, um mehr Frauen den Vollzeiterwerb zu ermöglichen und gleichzeitig aber auch Nachteile der Teilzeitarbeit –  wie die niedrigen Mehrarbeitszuschläge – beseitigen“, fordert AK Präsident Hubert Hämmerle. 

Wohnkosten verschärfen soziale Situation

Dramatisch verschärft hat sich die Situation vieler Arbeitnehmer durch die unverhältnismäßig gestiegenen Wohnkosten in Vorarlberg. Wie AK Direktor Rainer Keckeis berichtet, liegen laut einer aktuellen Umfrage der AK die durchschnittlichen Wohnkosten bei privaten Mietwohnungen heute schon bei 14,65 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche. Laut Statistik Austria sind es 8,80 Euro, weil hier natürlich der günstigere Altwohnbestand das Ergebnis verschönert. Tatsächlich ist aber auch nach diesen Daten das Wohnen in Österreich nur noch in Salzburg teurer als in Vorarlberg. Das führt dazu, dass im Bereich der niedrigen Einkommen der Anteil der Wohnkosten über 60 Prozent des Einkommens beträgt. Selbst bei 3.000 Euro Haushaltsnettoeinkommen muss in Vorarlberg durchschnittlich mehr als ein Viertel für die Wohnkosten verwendet werden, ergab die jüngste Wohnumfrage der AK Vorarlberg.

AK fordert mehr sozialen Wohnbau

 „Um die Arbeitnehmer zu entlasten brauchen wir deutlich mehr sozialen Wohnbau sowie eine zusätzliche Kategorie für Miet-Kauf-Angebote mit Zugangskriterien, die junge, erwerbstätige Familien bevorzugt“, fordert AK Direktor Rainer Keckeis. „Es darf nicht vom Wohlwollen einzelner Bürgermeister abhängig sein, ob Sozialwohnungen gebaut werden dürfen oder nicht. Hier braucht es mehr Spielraum für die gemeinnützigen Wohnbauträger und geänderte Zugangsbestimmungen zu diesen Wohnungen“. Ganz generell wünscht sich die AK laut Direktor Keckeis ein viel stärkeres Engagement der öffentlichen Hand am Grundstücksmarkt. „Diesen dem sogenannten freien Markt zu überlassen hat nur dazu geführt, dass die Spekulation enorm zugenommen hat. Ein paar Familien diktieren in Wirklichkeit die Grundstückspreise im Lande und sorgen dafür, dass sich selbst ein hochmotivierter, fleißiger Facharbeiter den Traum vom Eigenheim nicht mehr leisten kann.“

Schlusslicht bei Lehre mit Matura

Trotz der hohen Bedeutung der dualen Berufsausbildung hat Vorarlberg die geringste Beteiligung beim Projekt Lehre mit Matura. Nur etwa 2,8 Prozent der Lehrlinge machen von dieser Möglichkeit Gebrauch, zeigt sich AK Präsident Hubert Hämmerle enttäuscht. Er setzt deshalb große Hoffnung in die neue Lehrlingsplattform, die von der AK zusammen mit dem Land und der Wirtschaftskammer mit Jahresbeginn 2019 ihre Tätigkeit aufgenommen hat. „Die höchste Lehrlingsquote in Österreich darf nicht dazu führen, dass wir bei den Formalqualifikationen im hintersten Drittel Österreichs rangieren. Offenbar funktioniert die Durchlässigkeit der Bildungswege nicht optimal. Deshalb setzen wir jetzt mit dem Digital Campus Vorarlberg im Bereich der dualen Weiterbildung einen weiteren Schwerpunkt für unsere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Als bildungspolitisch bedeutsames Vorhaben bezeichnet Präsident Hämmerle den Ausbau der Ganztagesschulen mit verschränktem Unterricht und besseren Qualitätskontrollen: „Das bringt bessere Chancen für die Kinder, erleichtert den Familien die Berufstätigkeit und entlastet im Idealfall auch die Familien bei den Nachhilfekosten, die allein in Vorarlberg pro Schuljahr vier Millionen Euro ausmachen.“