21.7.2026
Bildung
„Gute Vorfahren sein“: Martin Grassberger über die Natur als Lehrmeisterin
Bildung,Gesellschaft,Klimawandel,Nachhaltigkeit,Veranstaltungen,Wissen fürs Leben
Martin Grassberger nennt die Natur „das erfolgreichste Unternehmen der Welt“. Dabei widerspricht die Natur den Regeln der ungehemmten Martkwirtschaft: Sie bevorzugt das Prinzip „Eile mit Weile“. Extrem schnelles Wachstum erinnert den Mediziner und Biologen eher an wuchernde Krebszellen. In der AK Reihe „Wissen fürs Leben“ zeichnet Grassberger am Dienstag, 24. November 2026, ab 19:30 Uhr im Saal der AK Vorarlberg Wege aus der großen Entfremdung des Menschen von der Natur.
Er weiß, wovon er spricht. Martin Grassberger hat Medizin und Biologie in Wien studiert und ist Facharzt für Gerichtsmedizin. Er lehrt an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und an der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud Universität Wien in den Fachgebieten Human- und Gesundheitsökologie, Evolutionäre Medizin, Forensische Medizin und Pathologie.
In der Reihe "Wissen fürs Leben" lädt die AK namhafte ReferentInnen aus Philosophie, Psychologie, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu Vorträgen nach Feldkirch ein, die auf unserem Youtube-Kanal erhalten bleiben. Am 24. November 2026 spricht der Mediziner und Biologe Martin Grassberger über Wege aus der Krise hinein in ein ökologisches Zeitalter.
Grassberger hat sich als Autor zahlreicher Bücher einen Namen gemacht. Sein Buch „Das leise Sterben“ wurde Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 in der Kategorie Naturwissenschaft/Technik. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen sind „Das unsichtbare Netz des Lebens“ (2021) und „Regenerativ“ (2023).
Immer mehr Menschen gehen neue Wege
Hat er angesichts der aktuellen Entwicklungen mit Klimakrise, Krieg und ungebremstem Konsum nicht allmählich die Hoffnung verloren? Keineswegs. Grassberger nimmt den Willen zur Veränderung bei immer mehr Menschen wahr. Angesichts der großen Systeme, die sie nicht beeinflussen können, versinken sie nicht in Ohnmacht, sondern schaffen Resilienz in ihrem eigenen unmittelbaren Umfeld. Zum Beispiel in der Ernährung: Wir lernen wieder kleinteilig und regional zu denken. So werden wir unabhängig. Einzig die lokale Lebensmittelproduktion und Versorgung bildet ein resilientes System, das mögliche Schockereignisse bewältigen kann.
Der Mensch von heute lebt in Distanz zur Natur und zu sich selbst. Das führt unweigerlich in die Katastrophe. Diese degenerative Entwicklung lässt sich aber aufhalten, wenn wir unser Handeln wieder an den Rahmenbedingungen ausrichten, wie sie die Natur vorgibt. Dazu müssen wir freilich erst die Wechselwirkungen und Zusammenhänge innerhalb komplexer Systeme verstehen lernen.
Narturmoderne
Grassberger hat eine Vision. Er glaubt an den Wandel der Moderne in eine „Naturmoderne“, in der wir viel tiefer in die Natur und das Leben anderer Arten eintauchen. Damit nachfolgende Generationen ein gelingendes Leben führen können, „müssen wir die Ökosysteme wiederherstellen, man kann auch sagen: heilen“. Konkret muss der Mensch der Natur mehr zurückgeben, als er ihr entnimmt.
"Gute Vorfahren sein" nennt das Martin Grassberger und nimmt dabei Bezug auf das "Sieben-Generationen-Prinzip" der indigenen Iroquois Nations Nordamerikas.
Urenkeltaugliche Zukunft
Ausgehend von der jetzt bestimmenden Generation sollten wir drei Generationen zurückschauen zu den Urgroßeltern und drei Generationen nach vorn schauen zu den Urenkeln. „Damit können wir unsere Handlungen unter Berücksichtigung der Weisheit und Taten unserer Vorfahren urenkeltauglich ausrichten.“ Dieses Denken der Zusammenhänge über größere Zeiträume hinweg ist in vielen Kulturen verankert – vom „Buen Vivir“ der südamerikanischen Andenregion über das Tao der chinesischen Philosophie oder die Harmonielehre des Feng Shui bis zu den Maori in Neuseeland.
All diese Konzepte beinhalten eine respektvolle demütige Grundhaltung gegenüber den lebendigen Systemen der Biosphäre. „Denn diese komplexen Systeme sind unsere Lebensgrundlage und unser größtes Risiko gleichermaßen“, sagt Grassberger, der bei „Wissen fürs Leben“ die Wegmarken des Aufbruchs in ein neues ökologisches Zeitalter beschreiben wird.
DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN
30.7.2024
Bildung
Kromp-Kolb: Klima noch immer rettbar
„Wer sich einsetzt für eine bessere Zukunft, der fühlt sich doch gleich viel besser!“ Österreichs renommierteste Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb sagt das bei den Disputationes in Salzburg augenzwinkernd. Aber sie meint es ernst. Denn viel Zeit haben wir nicht mehr.
20.5.2025
Bildung
Natalie Knapp: Wer vergibt, gewinnt die Kontrolle
Am Vorabend des 8. Mai sprach die deutsche Philosophin und Publizistin Natalie Knapp in der AK Reihe „Wissen fürs Leben“ über das Verzeihen. Es fällt oft schwer, hat aber ungeheure Macht. Verzeihen können ist eine Kunst. Das kann man lernen. Natalie Knapp sagt wie.
10.9.2025
Bildung
Reinhard Haller: Verhängnisvolles Schweigen
Stille kann guttun. Viele sehnen sich danach. Nicht jede:r erträgt sie. Aber das ist eine andere Geschichte. Reinhard Haller wird am 23. September 2025 in der AK Reihe „Wissen fürs Leben“ über das „toxische Schweigen“ sprechen. Ab 19:30 Uhr im Saal der AK in Feldkirch. Der Eintritt ist frei.