22.7.2026
Bildung
Kriminalpsychologe Thomas Müller: Warum wir ständig nach Anerkennung suchen
Bildung,Gesellschaft,Klimawandel,Nachhaltigkeit,Veranstaltungen,Wissen fürs Leben
Warum hungern wir nach Anerkennung – selbst dann, wenn wir längst genug Aufmerksamkeit erhalten? Der Psychiater und Gerichtspsychiater Thomas Müller geht dieser Frage bei den Salzburger Disputationes nach. Seine Antwort führt zu den Stoikern und zu neun überraschend einfachen Regeln für ein selbstbestimmteres Leben.
Die Salzburger Disputationes sind eine interdisziplinäre Diskussionsreihe. 2012 haben sie Erhard Busek, der ehemalige österreichische Vizekanzler, und die gebürtige Feldkircherin Claudia Schmidt-Hahn ins Leben gerufen. Seither begleiten die Disputationes als intellektuelles Forum die Ouverture spirituelle der Salzburger Festspiele.
Bestie Mensch
Hon.-Prof. Mag. Dr. Thomas Müller hat sein bekanntestes Buch „Bestie Mensch“ übertitelt. Das Motiv kehrt immer wieder. In seinem Roman „Die Bestie im Menschen“ (Original: La Bête Humaine) untersucht Émile Zola menschliche Triebe, Determinismus und Gewalt im Eisenbahnmilieu. Das Buch wurde 1938 von Jean Renoir verfilmt. In seinem Buch „Bestie Mensch“ blickt Thomas Müller als wahrer Experte der Lüge, der Tarnung und des Betruges hinter die menschliche Kulisse.
Wir sind so bedürftig
So wäre es ihm ein Leichtes, sein Publikum mit spektakulären Fällen wie dem des Amstettener Baumeisters, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller gefangen hielt und mit ihr sieben Kinder zeugte, zu gruseln. Aber das tut er nicht. In Salzburg geht Müller vielmehr dieser Frage nach: „Warum lebt jeder einzelne von uns in so großer Erbarmungslosigkeit?“ Antwort: „Weil wir unentwegt Respekt und Aufmerksamkeit suchen.“
Das sagen die Stoiker
Selbst jene, denen alle Aufmerksamkeit zuteilwird, können nicht genug davon kriegen: „Menschen, die nur laut genug sind, dominieren alles. Trotzdem haben sie das Gefühl, nicht respektiert zu werden.“ Wie aber entgehen wir dem steten Drang nach Bestätigung? Da wurde Müller bei den Stoikern fündig. Marc Aurel, römischer Kaiser und Philosoph. Epiktet, römischer Sklave. Seneca, Senator im Exil, alle haben sie Lebensweisheiten hinterlassen. Acht davon legt Thomas Müller den Menschen ans Herz.
- Erklären sie sich nicht. Wer die Zustimmung anderer braucht, gibt sich in fremde Hände.
- Hören Sie zu, als ob jedes Wort zählt, weil jedes Wort zählt. Das größte ist Zuhören ohne eigenes Urteil.
- Reagieren sie langsam und nur dann, wenn es wirklich notwendig ist. Dabei entscheidet sich, wer sie wirklich sind. Zwischen jedem Reiz und der Reaktion darauf liegt ein Raum. Der Wiener Psychoanalytiker Viktor Frankl nennt diesen Gestaltungsraum „das letzte menschliche Privileg, die letzte menschliche Freiheit“.
- Tragen Sie Ihre Lasten schweigend, und klagen sie nicht. Stellen Sie nicht Unangenehmes zur Schau, obwohl das mittlerweile ganze Fernsehformate füllt. Seneca rät: Wer sein Leid leise trägt, trägt es mit Würde.
- Lassen Sie die Taten reden und weniger ihre Worte. Warum? Die reine Ankündigung sendet dem Gehirn die Botenstoffe, als ob der Mensch die Tat schon vollbracht hätte.
- Suchen Sie keine Bestätigung. Habe ich das gut gemacht? Vielleicht mit einem nachgeschobenen „oder“? Das einzige Urteil, das zählt, ist das eigene Gewissen, sagt Epiktet. Das ist besonders wichtig in einer Gesellschaft, deren Abhängigkeit von Likes auf Social Media Regie führt.
- Beherrschen sie ihre Präsenz, bevor sie einen Raum betreten haben. Die zentrale Frage sollte am Morgen lauten: Wer will ich heute sein?
- Leben Sie nach einem inneren Maßstab und nicht nach dem äußeren Publikum.
- Am wichtigsten aber tönt Müllers neunter Vorschlag: „Hören Sie auf, alle Dinge rund um sich herum verantwortlich zu machen: Das Wetter, die Umstände, die anderen, usw. Übernehmen Sie selbst die volle Verantwortung. Wir sind zur Freiheit verurteilt. Wir sind die Autoren unseres eigenen Lebens.“
DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN
13.8.2024
Bildung
Lars Amend: Was wirklich zählt im Leben
Wenn Lars Amend spricht, wird es ganz still. Er spricht über „Dieses bescheuerte Herz“. Der Film lockte Millionen ins Kino. Es ist seine Geschichte. Seine und die von Daniel, der im Film David heißt. Der mit einer Herzleistung von 9 Prozent noch immer lebt, gegen alle Prognosen. Es ist eine Geschichte der Hoffnung.
3.9.2024
Bildung
7 Fakten über das Gehirn
Das menschliche Gehirn ist ein Wunder und das komplizierteste Organ, das die Natur je hervorgebracht hat. Hege und pflege und nutze es!
3.9.2024
Bildung
Barbara Schmitz: Man hofft nie genug
Lange war sie totgeschwiegen. Jetzt taucht die Hoffnung in der Philosophie wieder auf. „Zu Recht“, findet Barbara Schmitz, die an der Universität Basel unterrichtet. Denn „man hofft nie genug“.