Seit ihrer Gründung 2012 sind die „Disputationes“ zu einem fixen Bestandteil der Salzburger Festspiele geworden. Führende Köpfe aus Wissenschaft und Kunst behandeln drei Tage lang ein Thema: Heuer Hoffnung, trotz aller Unsicherheit.
Seit ihrer Gründung 2012 sind die „Disputationes“ zu einem fixen Bestandteil der Salzburger Festspiele geworden. Führende Köpfe aus Wissenschaft und Kunst behandeln drei Tage lang ein Thema: Heuer Hoffnung, trotz aller Unsicherheit. © Thomas Matt, AK Vorarlberg
23.7.2024
Bildung

Gegen die Hoffnung ist – zum Glück – kein Kraut gewachsen

Bildung,Gesellschaft,Konsum,Kultur,Nachhaltigkeit,Wissen,Wissen fürs Leben

Hoffnung tut not. Davon ist Andreas Krafft überzeugt. Wenn er Jugendliche dazu bringt, ihre eigenen Stärken zu entdecken, erlebt er Aha-Effekte am Fließband. Er kann ihr Selbstvertrauen förmlich wachsen sehen. So werden sie befähigt, ihre Zukunft selbstständig zu gestalten.

In diesem Beitrag

Salzburg hat vor zwölf Jahren den Festspielen einen Denkraum beigefügt. An drei Tagen treffen zu den „Disputationes“ führende Köpfe aus Wissenschaft und Kunst aufeinander, um ein Thema zu beleuchten: Heuer ging es um Unsicherheit und Zuversicht. Zum Auftakt war der Ökonom, Sozialpsychologe und Zukunftsforscher Andreas Krafft am Wort.

Die Welt bald ein Unort?

Der Zukunftsforscher Andreas Krafft befasst sich seit 15 Jahren mit dem Thema Hoffnung. Er lehrt an der Uni und arbeitet mit Jugendlichen. Seit mehr als zehn Jahren leitet er das internationale Forschungsnetzwerk des Hoffnungsbarometers. In dieser weltweiten Erhebung wurden 2019 und 2020 mehr als 10.000 Menschen erfasst und nach ihrer Hoffnung befragt. Das Ergebnis ernüchtert: „Zwei Drittel glauben nicht daran, dass die Welt sich positiv verändern wird. Schlimmer noch: 80 Prozent der Befragten zeichneten dystopische Bilder, wenn sie die Welt in 20 Jahren beschreiben sollten: „Sie wird ein Unort sein, erfüllt von Krisen und Katastrophen.“    

Ein Mann, der in die Kamera blickt


Wir wollen uns schützen

Der Befund der Jugendlichen fällt Krafft zufolge kaum fröhlicher aus. „Sehen sie sich nur die Netflixserien an, die heute boomen“, sagt Krafft. „Wir fokussieren auf die Apokalypse.“ Die Folge: „Wir wollen uns schützen, um jeden Preis. Das führt zu immer mehr Egoismus und Radikalisierung.“

Andreas Krafft: Wir müssen wieder an das Gute glauben lernen.
Andreas Krafft: Wir müssen wieder an das Gute glauben lernen. © Michaela Greil, Erzdiözese Salzburg

Krafft ist Ökonom, Sozialpsychologe und Zukunftsforscher. Er lehrt u. a. als Dozent am Institut für Systemisches Management und Public Governance sowie am Lehrstuhl für Organisationspsychologie der Universität St. Gallen. Krafft ist Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Zukunftsforschung und zweiter Vorsitzender der Deutschsprachigen Vereinigung für Positive Psychologie.

Wir alle müssen hoffen

„Die Hoffnung gehört zum Menschen wie die Angst auch“, sagt er. „Wir können gar nicht anders als hoffen.“ Und das ist gut so. Denn, während die Angst uns schützen will, schafft die Hoffnung erst die Voraussetzung für menschliche Entwicklung.“

Wie aber kann man in einer so verfahrenen Stimmungslage den Umkehrschub erzeugen? Jugendliche bringt er zunächst dazu, „Achtsamkeit zu entwickeln für die positiven Erfahrungen, die sie selbst einmal gemacht haben“. Sie sollen, so platt das klingen mag, „wieder an das Gute glauben“. Denn wir alle tragen aufgrund unserer Evolution einen Negativitäts-Bias in uns. Der Überlebenskampf in der Wildnis hat schon die Menschen in Urzeiten darauf trainiert, Gefahren im Blick zu behalten. Diesen Bias (Verzerrung) gilt es zu überwinden.

Eigene Stärken entdecken

Um ihr Selbstvertrauen zu wecken, schickt Krafft die Jugendlichen auf die Reise hin zu den eigenen Stärken. Das ist der Nährboden für eine tätige Hoffnung. Die will Krafft gut vom Optimismus unterschieden wissen: „Die Grundhaltung Optimismus sagt: Macht Euch keine Sorgen, alles wird gut!“ Die Hoffnung indes „weiß nicht, ob alles gut wird, aber dass ich etwas dafür tun kann“.

Drei Schritte für die gute Zukunft

Wenn aber die Hoffnung die gegenwärtigen Unsicherheiten und Ungewissheiten anerkennt, wie kann sie dennoch am Leben bleiben? Krafft skizziert drei Schritte:
Am Anfang steht der Wunsch nach Veränderung.

Aus dem Wunsch heraus müssen wir den Glauben daran entwickeln, dass die Veränderung möglich ist. Das gelingt nur zusammen mit anderen und im Vertrauen auf den anderen.

Der dritte Schritt weitet die Perspektive, denn es geht nicht darum, dass es dem oder der einzelnen besser geht, sondern allen. „Wir brauchen als Gesellschaft vor allem Offenheit, um eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.“.

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