21.7.2026
Bildung
Das Unverzeihliche verzeihen? Fabian Bernhardt über Rache, Vergebung und die Grenzen der Moral
Bildung,Gesellschaft,Klimawandel,Nachhaltigkeit,Veranstaltungen,Wissen fürs Leben
Wann ist Vergebung möglich, wann wird sie missbraucht? Und welche Rolle spielt Rache für Gerechtigkeit? Der Berliner Philosoph Fabian Bernhardt untersucht bei den Salzburger Disputationes die Spannungen zwischen Liebe, Recht und Verantwortung.
Rache und Vergebung – ein ungleiches Paar. Vergebung gilt als gut, Rache als schlecht. So beschreibt Bernhardt „unsere moralische Standardauffassung“. Doch, so betont er, „so einfach ist das nicht. “ Muss man nicht anerkennen, dass es Unverzeihliches gibt? Funktioniert das Prinzip „Schwamm drüber“ wirklich immer? In Salzburg sprach Bernhardt über den Umgang mit Schuld und Gewalt.
- Ungleiches Paar
- Nurmehr ein Tauschgeschäft
- Alltäglicher, als wir uns eingestehen
- Praktische Klugheit
Die Salzburger Disputationes, eine interdisziplinäre Diskussionsreihe, wurden 2012 von Erhard Busek, dem ehemaligen österreichischen Vizekanzler, und Claudia Schmidt-Hahn, einer gebürtigen Feldkircherin, ins Leben gerufen. Seither begleiten sie als intellektuelles Forum die Ouverture spirituelle der Salzburger Festspiele.
Fabian Bernhardt, 1981 in Saudi-Arabien geboren und in Deutschland aufgewachsen, ist Sohn einer brasilianischen Mutter. Er studierte Philosophie, Ethnologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. 2018 promovierte er an der Freien Universität Berlin, wo er heute am Sonderforschungsbereich „Affective Societies“ forscht.
Ungleiches Paar
Rache und Vergebung – zwei Worte, die starke Gefühle wecken. Beide, so Bernhardt, wurzeln in derselben menschlichen Erfahrung: der Fehlbarkeit. „Menschen handeln – und machen Fehler“, sagt er. Immanuel Kant beschrieb den Menschen nicht ohne Grund als „aus krummem Holz geschnitzt“. Nicht jeder Fehler wiegt gleich schwer, doch gravierende Verfehlungen schaden anderen. Handeln und Leiden gehören zusammen, denn wer handelt, kann verletzen – absichtlich oder unabsichtlich. „Das Verlangen nach Rache und der Wunsch nach Vergebung entstehen dort, wo Unrecht geschieht“, erklärt Bernhardt.
Doch was bedeutet Vergebung? Der Begriff ist schwer zu fassen. Er hat längst Politik, Recht und Wirtschaft durchdrungen. „Das Wort droht, zur bloßen Inszenierung zu verkommen“, warnt Bernhardt. Der französische Philosoph Jacques Derrida spricht von einem „Théâtre du pardon“ – einem Theater der Vergebung.
Sein Buch „Rache“ ist 2021 bei Matthes & Seitz erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 28 Euro. © Dirk Lebahn, Matthes & Seitz
Nurmehr ein Tauschgeschäft
In der Therapie gilt Vergebung als Fähigkeit, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien. In der Ökonomie wird sie zum Tauschgeschäft degradiert: „Wenn alle Bedingungen erfüllt sind, greift der Mechanismus ‚Gibst du mir, geb’ ich dir‘. “ Bernhardt zweifelt daran. „Gibt es nicht auch Unverzeihliches? “, fragt er. Und: „Setzt sich Vergebung in ihrer heutigen Form nicht der Gefahr des Missbrauchs aus? “ Woher wissen wir, ob Reue echt ist? „Das menschliche Herz bleibt ein undurchsichtiges Ding“, sagt Bernhardt.
Derrida bringt die Idee einer reinen Vergebung ins Spiel: bedingungslos, ohne Ausnahme. Sie verlangt nicht, dass der Schuldige um Vergebung bittet. „Nur so kann Vergebung dem Unverzeihlichen begegnen“, meint Bernhardt. Diese radikale Forderung übersteigt jedoch menschliche Möglichkeiten. Dennoch findet Bernhardt eine Anleitung im christlichen Gebot der Feindesliebe. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Liebt eure Feinde! “ Liebe rechnet nicht, sie trägt nicht nach. Sie gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Sie ist kein Geschäft.
Alltäglicher, als wir uns eingestehen
Und die Rache? Sie entspringt dem Gefühl, Unrecht erlitten zu haben. „Seit der Aufklärung“, so Bernhardt, „wird Rache theoretisch verdunkelt. “ Obwohl sie in Theater und Film präsent ist, hat sie im Staat keinen Platz. „Rache gilt als gewalttätig, maßlos und sozial dysfunktional. “
Doch im Alltag zeigt sie sich anders. „Unser Leben ist voller Vergeltung“, sagt Bernhardt. Wer von Kollegen übergangen wird, merkt es sich. Untreue wird mit Untreue beantwortet. „Das sind unblutige Racheakte, die dem Prinzip ‚Wie du mir, so ich dir‘ folgen. “
Früher schlossen sich Rache und Recht nicht aus. Im Altgriechischen bezeichneten einige Begriffe beides zugleich. „Rache hat mehr mit Gerechtigkeit und Ausgleich zu tun, als wir glauben“, erklärt Bernhardt. „Rache und Recht sind nicht völlig gegensätzlich. “
Praktische Klugheit
Wie also handeln? „Vergebung entspringt der Liebe, Rache ist ihr dunkler Zwilling“, sagt Bernhardt. Nur praktische Klugheit kann im Einzelfall entscheiden, ob Milde oder Härte angemessen ist. Doch bei schweren Verbrechen, wie sie etwa im Krieg geschehen, betont er: „Es gibt Unrecht, das so gravierend ist, dass es ein weiteres Verbrechen wäre, es ungesühnt zu lassen. “
Bernhardt erinnert an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Hätte man eine echte Entnazifizierung durchgeführt, wer wäre übrig geblieben, um den neuen Staat aufzubauen? “ Und wie fühlten sich die Opfer des NS-Terrors, die in ihre Heimat zurückkehrten? „Sie hatten alles verloren und sollten jetzt auch noch vergeben? Muss ich den Tätern vergeben, damit die soziale Ordnung funktioniert? Nein! “ Solche Fragen werden sich auch nach den heutigen Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten stellen.
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