Aufführung von „Leonce und Lena“ im Vorarlberger Landestheater © Anja Koehler
Der König und seine Minister: Stets glänzend, aber völlig unfähig. © Anja Koehler
12. März 2022
Bildung

Wo Schwielen verboten sind: AK-Theater-Treff über „Leonce und Lena“ und den Wert der Arbeit

Arbeit,Gesellschaft

Die AK Vorarlberg und das Vorarlberger Landestheater verlosen seit März 2022 regelmäßig Karten für ausgewählte Stücke. Den Anfang machte Georg Büchners „Leonce und Lena“, das von Arbeit und Müßiggang, von der Unfähigkeit der Regierenden und der Macht der Liebe erzählt – fast 200 Jahre alt und doch brandaktuell.

In diesem Beitrag

Ralph Blase klopft aufs Mikrophon. Gleich wird er über Büchner sprechen. Neugierig schauen ihn die Besucher:innen an. Ist er nervös? Ralph Blase ist der Dramaturg. Er hat so viel über Büchner gelesen wie keine:r im Raum. Dabei wurde der Dramatiker gerade einmal 23 Jahre alt. Gibt der denn so viel her? Aber der junge Schriftsteller und Mediziner hat in wenigen Jahren den „Woyzeck“ geschrieben und „Dantons Tod“.

Friede den Hütten, Krieg den Palästen

Mit 20 Jahren zieht er als Revolutionär durchs Land und schreibt den „Hessischen Landboten“. Kühne Dinge sind darin zu lesen – dass die Regierung jährlich über sechs Millionen Gulden Steuern und Abgaben einnimmt, wofür die Einwohner des Großherzogtums Hessen „schwitzen, stöhnen und hungern“ müssen. Dass die Oberschicht auf Kosten ihrer Untertanen im Luxus lebe und deren Rechte beschneide. Und dass Bauern und Handwerker sich dieses Unrecht nicht länger gefallen lassen sollten. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ fordert die Flugschrift. Niemals zuvor hat es jemand gewagt, die Unterdrückung und Ausbeutung des einfachen Volkes derart scharf zu kritisieren.

In seiner einzigen Komödie „Leonce und Lena“ hat Büchner dermaßen viele Textperlen verpackt, dass man sie gar nicht einzeln aufzählen kann. Ralph Blase hat 15 Minuten. Dann hebt sich der Vorhang. Doch, er ist nervös. Weil sich das niemals ausgeht. Einführungen bleiben halt immer „Appetithappen“. Wenn auch mitunter grandiose.

Zwei Stunden später, im T-Café. Es ist geglückt. Das Publikum hat anhaltend applaudiert. Dies war die letzte Aufführung. Noch einmal verhindern die Coronaregeln den Umtrunk im großen Stil nach der Derniére. So finden sich nur Teilnehmerinnen des AK-Gewinnspiels ein, um mit einem sichtlich entspannten Dramaturgen noch einmal zu bereden, was sie da gerade gesehen haben.

Vom blöden König, der unentwegt denken muss

Was für ein Text! Was für Figuren! Da ist König Peter, der völlig verblödete und überforderte Herrscher, der dennoch glaubt, für sein Volk denken zu müssen. Ihn umgeben regelrechte Hofschranzen – Minister, die sich tunlichst jeder eigenen Meinung enthalten. Dem gegenüber Prinz Leonce und sei Freund Valerio, zwei begnadete Faulpelze, die nie und nimmer daran denken, einmal Verantwortung zu übernehmen. „Wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein Schuft“, philosophiert er auf der Bühne, „also wer arbeitet, ist ein Schuft.“

Der erste AK-Theatertreff im Vorarlberger Landestheater. © Jürgen Gorbach, AK Vorarlberg
Das ist nochmal eine andere Qualität: Nach dem Theater in kleinen Runden ins Gespräch kommen. © Jürgen Gorbach, AK Vorarlberg

Spaß haben und doch Geld verdienen

Dann wäre Ralph Blase wohl auch einer. Der Chefdramaturg des Vorarlberg Theaters hat schon in Aachen, Zelle, in Münster und Erlangen gearbeitet. „Nine-to-Five“, das war nie so sein Ding. Aber was ist Arbeit überhaupt? Was bedeutet sie uns? Amelie Jovanovic schrieb im AK-Gewinnspiel: „Spaß haben bei dem, was man tut, und trotzdem Geld damit verdienen.“ Schön klingt das, und die Bregenzer Gymnasiastin weiß auch schon genau, wie sie das erreichen will: Sie möchte dereinst mal ans Theater…

Weil dort eben alles möglich ist. In „Leonce und Lena“ hat Valerio das letzte Wort, der im Reich des frisch verliebten Prinzenpaars Minister wird. Und er zögert nicht, sondern erlässt augenblicklich ein Gesetz, wonach, „wer sich Schwielen in die Hände schafft unter Kuratel gestellt wird, wer sich krank arbeitet kriminalistisch strafbar ist, jeder der sich rühmt sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!“

Georg Büchner (1813–1837)

Georg Büchner hat seine einzige Komödie, „Leonce und Lena“, im Jahr 1836 geschrieben. Er brauchte offenbar Geld. Er schrieb die Komödie 1836 für einen Wettbewerb der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung, sandte aber das Manuskript zu spät ein. Es blieb unberücksichtigt und wurde erst 1895, lange nach seinem Tod, zum ersten Mal veröffentlicht.

Man nennt die Epoche von 1815 bis 1848 den Vormärz. Nach der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons versuchten die Kaiser, Könige und Fürsten Europas das Rad der Zeit wieder zurückzudrehen, aber es war schon zu viel geschehen. Im März 1848 entlud sich die Unzufriedenheit der Menschen dann erneut in Revolutionen.

In Österreich kämpften Bürger, Bauern und Studenten Seite an Seite. Fabriken gingen in Flammen auf, Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternichs musste zurücktreten. Die Pressefreiheit wurde gewährt und eine Parlamentarische Verfassung erkämpft. In diesem Schicksalsjahr 1848 wird auch die Kammer für Handel und Gewerbe gegründet. Aber es wird noch bis 1921 dauern, bei die Arbeiter:innen sich die AK als ihre eigene Vertretung erkämpft haben.


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