Der Suizid der Welser Ärztin Dr. Lisa-Maria Kellermayr stieß eine europaweite Debatte über Hass im Netz an. Für sie kommt der Diskurs zu spät. © KERSCHI.AT / APA / picturedesk.com
Der Suizid der Welser Ärztin Dr. Lisa-Maria Kellermayr stieß eine europaweite Debatte über Hass im Netz an. Für sie kommt der Diskurs zu spät. © KERSCHI.AT / APA / picturedesk.com
3. August 2022
Soziales

Was tun gegen den Hass im Netz?

Corona,Gesellschaft,Solidarität

Ihre Website ist noch immer online. Die Ärztin für Allgemeinmedizin, Dr. Lisa-Maria Kellermayr heißt darin alle Besucher herzlich willkommen. Aber gleich darunter steht in großen Lettern: „Praxis bis auf weiteres geschlossen.“ Die oberösterreichische Ärztin nahm sich Ende Juli das Leben.

Sie war von Impfgegnern online förmlich in den Tod getrieben worden. Seither diskutiert die Öffentlichkeit, was Hass im Netz anrichten kann. Und wie man sich wehren kann.

In diesem Beitrag

Ihre letzte Botschaft

In Ihrer letzten öffentlichen Botschaft wandte sich die 36-jährige Medizinerin an ihre Patienten:

 „Seit mehr als 7 Monaten bekommen wir in unregelmässigen Abständen Morddrohungen aus der Covid-Maßnahmengegner- und Impfgegner-Szene.
Unter diesen widrigsten Bedingungen habe ich alles getan um eine medizinische Versorgung der mir anvertrauten Patient*innen sicherzustellen. Das hat jetzt vorerst ein Ende. Die Sicherheitskosten übersteigen den Gewinn einer Hausarztpraxis um ein Vielfaches. Bis heute habe ich mehr als 100 000 Euro in die Sicherheit des Ordinationsbetriebs gesteckt um garantieren zu können, dass sich niemand der hier Hilfe sucht dadurch in Gefahr begeben muss. 
Das hat nun ein vorläufiges Ende. Ich habe alles getan um dafür Unterstützung zu bekommen aber es hat nicht gereicht. 
Bis also ein Weg gefunden ist die Ordination sinnvoll und sicher weiterführen zu können werden die Sicherheitstüren der Ordination geschlossen bleiben. 
Wir sind telefonisch nicht mehr erreichbar. E-Mails können nicht beantwortet werden. 

Dr. Lisa-Maria Kellermayr“ 

„Abschlachten“

Dieser Weg wurde offensichtlich nicht gefunden. Exemplarisch zitiert Kellermayr auf ihrer Website wahllos Schreiben, die sie anonym erhalten hat. Es kommt einem das Grausen: Ein gewisser Claas nennt sie ein „dummes Stück Scheiße“ und verspricht ihr, sie zu kriegen. Ihre MitarbeiterInnen werde er „abschlachten“ und sei dabei zusehen lassen. Sie werde „vor Volkstribunale“ gezerrt, usw. Die Spuren führen ins rechtsradikale deutsche Milieu. Ausgeforscht haben die Behörden bislang niemanden. 

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Betroffen und hilflos

Der Fall Kellermayr ist nur die traurige Spitze einer Entwicklung, die seit Beginn der Pandemie völlig aus dem Ruder läuft. Die junge Frau aus Wels hat seit März 2020 im hausärztlichen Notdienst tausende PatientInnen zuhause besucht. Sie wurde, weil medial präsent, rasch zur Zielscheibe radikaler Impfgegner. Das Ergebnis ist bekannt und hat selbst Bundespräsident Alexander Van der Bellen zum Appell bewogen: „Beenden wir dieses Einschüchtern und Angst machen.“ Das klingt hilflos. Und ist es auch. 

Gesetzliche Handhabe

Eine gesetzliche Handhabe gäbe es. Als Justizministerin Alma Zadić (Grüne) im September 2020 ein ganzes Gesetzespaket gegen Hass im Netz präsentierte, sorgte dies für viel Aufsehen. Seit 1. April 2021 müssen Onlineplattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter einfachere Möglichkeiten bieten, rechtswidrige Inhalte zu löschen. Neben einer Meldestelle bzw. einem Formular zur Meldung von Hass-Kommentaren direkt auf der Seite müssen die Sozialen Netzwerke nun eine zustellungsberechtigte Person im EWR-Raum namhaft machen, um die Erreichbarkeit etwa für die Zustellung von Klagen sicherzustellen.

Buchtipp: Hass im Netz

Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können.
Von Ingrid Brodnig

Wir leben in zornigen Zeiten: Hasskommentare, Lügengeschichten und Hetze verdrängen im Netz sachliche Wortmeldungen. Die digitale Debatte hat sich radikalisiert, ein respektvoller Austausch scheint unmöglich. Dabei sollte das Internet doch ein Medium der Aufklärung sein: Höchste Zeit, das Netz zurückzuerobern. Das Buch deckt die Mechanismen auf, die es den Rüpeln im Internet so einfach machen. Es zeigt die Tricks der Fälscher, die gezielt Unwahrheiten verbreiten, sowie die Rhetorik von Hassgruppen, um Diskussionen eskalieren zu lassen. Damit die Aggression im Netz nicht sprachlos macht, werden konkrete Tipps und Strategien geliefert: Wie kann man auf untergriffige Rhetorik reagieren? Wie entlarvt man Falschmeldungen oder Halbwahrheiten möglichst schnell? Was tun, wenn man im Netz gemobbt wird?

ISBN: 978-3-7106-0035-7, 232 Seiten, Softcover, Preis 9,90 Euro

Kaum in Anspruch genommen

Aber ein Jahr später macht sich Ernüchterung breit. Gerade mal 65 Personen machten bisher von der Möglichkeit Gebrauch, anonyme Täter von Behörden ausforschen zu lassen. Von den insgesamt über drei Millionen Euro Budget für die psychosoziale Prozessbegleitung wurden insgesamt nur knapp 11.500 Euro genutzt.

Fälle zuhauf

Gibt es denn keine Fälle? Aber ja. Trotz der gesetzlichen Regelungen gegen Hass im Netz ist nach Erfahrungen von Experten die Online-Aggression nicht annähernd im Griff. Allein die Beratungsstelle „Zara“ in Wien hat in den vergangenen fünf Jahren 8000 Fälle registriert. Über weite Strecken war Corona bei den Hass-Postings das Hauptthema. 

Aber die traurige Wahrheit ist, dass Hass im Netz noch immer nicht ernst genug genommen wird. Weder in der Gesellschaft, noch in Justiz und bei Behörden. Wohin das führen kann, beweist die tragische Geschichte der Lisa-Maria Kellermayr eindrücklich. Sie wurde am 29. Juli 2022 tot in ihrer Ordination aufgefunden. Fremdverschulden wird ausgeschlossen. Ihren Abschiedsbriefen zufolge fühlte sie sich am Ende völlig alleingelassen. 

  • Die juristischen und technischen Expert:innen der Internet Ombudsstelle helfen kostenlos bei Streitigkeiten im Internet und beantworten rechtlichen Fragen zu digitalen Themen. Zum Hass im Netz haben sie einen eigenen Wissensort aufgebaut. 
  • Seit 1. Jänner 2021 ist das Gesetz gegen Hass im Netz in Kraft. Der gesamte Gesetzestext findet sich hier.
  • Über rechtliche Neuerungen hinaus wurde die Beratungsstelle #GegenHassimNetz eingerichtet, die Nutzerinnen und Nutzer dabei unterstützen soll, gegen Hass und Hetze im Internet vorzugehen.

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