Eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Inneren einer Fabrik. Eine lange Reihe von Arbeitern steht hintereinander an ihren jeweiligen Arbeitsstationen, die durch trennende Platten voneinander abgeteilt sind. Die Männer blicken alle in Richtung der Kamera. Im Vordergrund ist das Gesicht eines Mannes mit Schnurrbart angeschnitten zu sehen. Entlang der Decke und Wände verlaufen komplexe mechanische Vorrichtungen, Riemen und Maschinenteile. Der Boden besteht aus Holzdielen.
Wo die ersten Großbetriebe entstanden, fehlte es an Platz für die Menschen. Um Arbeitskräfte zu binden, errichteten die Fabrikanten eigene Siedlungen. Doch das Dach über dem Kopf hatte seinen Preis. © Vorarlberger Landesbibliothek
3.7.2026
Soziales

Der »goldene Käfig« der Fabrikanten

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Wie der betriebliche Wohnungsbau die Vorarlberger Textilindustrie prägte – und warum die Abhängigkeit von damals auch heute wieder ein Risiko birgt.

Die Industrialisierung Vorarlbergs im 19. Jahrhundert war eng mit der direkten Nutzung der heimischen Wasserkraft verbunden – lange vor dem Bau der großen Hochgebirgsstauseen trieben die Flüsse des Landes die ersten mechanischen Webstühle an. Doch wo dadurch die ersten Großbetriebe entstanden, fehlte es an Platz für die Menschen. Um Arbeitskräfte zu binden, errichteten die Fabrikanten eigene Siedlungen. Ein System, das zwar ein Dach über dem Kopf bot, im Gegenzug jedoch vollständige Anpassung und Disziplinierung forderte.

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So tiefgreifend die technischen Veränderungen in Vorarlberg verliefen, so massiv waren die sozialen Herausforderungen. Die Transformation zum mechanisierten Großgewerbe zog tausende Arbeitsmigrant:innen an – vor allem aus dem Trentino sowie den Kronländern Böhmen und Mähren. Da der private Wohnungsmarkt völlig überfordert war und ­Zugewanderte oft rücksichtslos ausgebeutet wurden, begannen große Textilunternehmen wie Getzner, F.M. Hämmerle oder Jenny & Schindler, selbst als Bauherren aktiv zu werden.

Zwischen sozialer Absicherung und sozialer Kontrolle

Die Werkssiedlungen der Fabrikanten boten Schutz vor Obdachlosigkeit, von moderner sozialer Sicherheit war die Lebenssituation der Arbeiter:innen jedoch weit entfernt. In Vorarlberg herrschte ein ausgeprägtes Herr-im-Hause-System, bei dem sich der Fabrikant als strenger, fürsorglicher Patriarch verstand, der den Beschäftigten im Gegenzug für das bereitgestellte Quartier bedingungslose Loyalität abverlangte.

Hinter der »Fürsorge« durch den Fabrikanten stand der Anspruch auf lückenlose Kontrolle. Wie tief die Eingriffe ins Privatleben reichten, belegen die Fabrik- und Hausordnungen; reglementierte Sperrstunden, Besuchsverbote und strikte Verhaltensregeln bestimmten den Alltag. Das System war ein wirksames Instrument zur Disziplinierung der Belegschaft. Da das Wohnrecht in den Werkssiedlungen direkt an die Beschäftigung in der Fabrik gekoppelt war, konnte jeder offene Konflikt im Betrieb das existenzielle Aus bedeuten. Wer sich politisch engagierte oder an Streiks beteiligte, riskierte nicht nur den Arbeitsplatz, sondern den sofortigen Rauswurf aus der Unterkunft. Die Doppelabhängigkeit gab den Fabrikanten ein höchst effektives Druckmittel in die Hand.

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Parallelen in der Gegenwart?

Beim Sprung in die Gegenwart zeigt sich ein völlig anderes Bild: ­Heute sind die Abhängigkeiten der Vergangenheit nur noch Geschichte. Oder etwa doch nicht? Wenn Betriebe im Land dazu übergehen, firmen­eigenen Wohnraum als Recruiting-Benefit anzubieten, gewinnen vergangen geglaubte Mechanismen im 21. Jahrhundert unter neuen ­Vorzeichen wieder an Aktualität. Denn die Parallele ist unübersehbar: Ist der Wohnraum direkt an den Job gekoppelt, besteht das Risiko einer doppelten Abhängigkeit. 

Wohnen ist ein Grundrecht und darf nicht ungewollt zum Hebel in der Arbeitswelt werden. Um Schritte zurück in alte Abhängigkeiten zu unterbinden, braucht es eine Wohnpolitik, die jetzt entschieden gegensteuert – allem voran durch die Stärkung und den Ausbau des gemeinnützigen Wohnbaus. Nur so wird das eigene Zuhause zu einem sicheren Rückzugsort und nicht zum goldenen Käfig.

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