3.7.2026
Arbeit
Home is where your heart is
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Seit dreizehn Jahren lebt und arbeitet Ankur Jaiswal in Bludenz, der Heimatstadt seiner Frau Stefanie. Doch stimmt es auch für ihn, dass Heimat dort ist, wo das Herz zuhause ist?
Wenn Ankur nach der Arbeit zu Fuß heimgeht, begegnen ihm manchmal nur eine Handvoll Menschen. Manche grüßen, und er grüßt zurück. Man kennt sich eben in Bludenz. Niemand hupt, und wenn er die Straße überqueren möchte, kann er das an jedem Zebrastreifen gefahrlos tun. Heute kommt ihm das ganz normal vor, doch das war nicht immer so.
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Zuhause in Indien
In Kanpur, Ankurs Heimatstadt im Norden Indiens, leben circa 2,8 Millionen Menschen. Hier herrscht Tag und Nacht reger Betrieb, der Verkehr ist laut und chaotisch – und auch zuhause ist Ankur praktisch nie allein: Er wächst mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder, seiner Tante und seinem Onkel mit deren Familien und mit Oma und Opa unter einem Dach auf. Der Unternehmerfamilie fehlt es an nichts – und dem jungen Ankur genauso wenig. Mit seiner Oma reist er kreuz und quer durch Indien, und auch sonst genießt er alle Freiheiten. »Meine Eltern haben immer gesagt: Du kannst machen, was du willst, Hauptsache, du hast eine gute Ausbildung«, erzählt er. Ankur entscheidet sich für Marketing. Sein Studium möchte er mit einem Post-Graduate-Diplom abschließen. Dafür zieht er das erste Mal von zuhause aus, rund 1.400 Kilometer weiter in den Süden, nach Pune – mit doppelt so vielen Einwohner:innen, doppelt so viel Verkehr und tropischem Klima.
Auch privat ist Ankur in Vorarlberg angekommen. © Martin Schachenhofer
Herz über Kopf
Mit seinem Abschluss in der Tasche beschließt Ankur, zunächst in Pune zu bleiben. Er bekommt einen Job und arbeitet als Store Manager bei einer großen Modekette. Alles läuft nach Plan … bis er 2010 über einen gemeinsamen Freund in Kontakt mit einer jungen Frau aus Vorarlberg kommt. Die beiden skypen und finden sich ganz sympathisch. Als Stefanie ein paar Wochen später wie geplant auf ihrer Reise nach Indien kommt, lernen sie sich persönlich kennen – und lieben. »Ich bin noch nie zuvor einem Menschen wie ihr begegnet«, sagt er und seine Augen leuchten noch all die Jahre später, wenn er an die erste Begegnung mit der Frau denkt, die er inzwischen längst geheiratet hat. »Sie ist spontan, eins mit sich und zerdenkt die Dinge nicht.« Das gefällt Ankur sehr. Denn bei ihm muss alles durchdacht, strukturiert und geplant sein. »Ich bin ein totaler Kopfmensch«, lacht er. Nur, dass er sich so sehr verlieben würde, dass sich sein ganzes Leben auf eben diesen stellen würde, das war nicht geplant.
Kalte Füße hin oder her
Aus drei Wochen Urlaub werden drei Monate, bis Stefanie nichts anderes übrig bleibt, als wieder nach Hause zu fliegen. Über zwei lange Jahre führen die beiden eine Fernbeziehung. Doch dass sie zusammen leben wollen, steht außer Frage. Also müssen sie eine Entscheidung treffen. »Wir haben uns für Vorarlberg entschieden, weil es für mich leichter sein würde, hier Fuß zu fassen«, sagt Ankur. Vor allem die Sprache ist für ihn die kleinere Hürde. Seine Studiensprache war Englisch, und er hatte auch schon begonnen, ein wenig Deutsch zu lernen. 2012 kommt der damals 26-Jährige schließlich das erste Mal nach Vorarlberg – ausgerechnet im Februar. Während in Pune Temperaturen um die 30 °C herrschen, trägt Ankur im winterlichen Bludenz zwei Jacken und zwei Paar Socken übereinander und geht nie ohne Mütze und Handschuhe aus dem Haus. »Mir war noch nie so kalt«, lacht er. Doch davon lässt er sich nicht abhalten. Nach drei Monaten steht für das Paar dann fest: Ankur würde nach Vorarlberg auswandern.
Irgendwie Fuß fassen
Die ersten Monate leben die beiden im Haus von Stefanies Eltern. Hier wird der Schwiegersohn in spe mit offenen Armen aufgenommen. »Damals mussten wir uns noch mit Händen und Füßen unterhalten, aber verstanden haben wir uns trotzdem auf Anhieb«, freut er sich. Weniger einfach ist es, eine Anstellung zu finden. Die Jobsuche bleibt monatelang erfolglos, bis ein Bekannter seines Schwiegervaters den Kontakt zu Getzner Textil herstellt. Dort wird in der Garnfärberei jemand gesucht. Nicht gerade das, was Ankur sich vorgestellt hatte, doch er nimmt den Job an. »Ich wollte unbedingt arbeiten, die Sprache lernen und irgendwie hier Fuß fassen. Die Kolleg:innen dort haben mir das Gefühl gegeben, dass ich es schaffen kann.« Und so ist es auch. Ankur lernt immer besser Deutsch und knüpft erste Kontakte. Doch er möchte weiterkommen. Als er sich nach einer Fortbildungsmöglichkeit erkundigt, schlägt ihm das Unternehmen eine berufsbegleitende Ausbildung in Textilchemie vor. Ankur nimmt das Angebot an. Eine gute Entscheidung, wie er rückblickend sagt, doch einfach sei es nicht gewesen. Die ersten Wochen brütet er praktisch Tag und Nacht mit rauchendem Kopf und der Übersetzungs-App im Dauerbetrieb über seinen Büchern. Neben der Schichtarbeit und dem Blockunterricht bleibt kaum Zeit für anderes. Doch Ankur beißt sich durch. 2019 schließt er die Ausbildung erfolgreich ab und bekommt direkt einen Job in der Färberei-Garnfreigabe.
Schritt für Schritt voran
Heute ist Ankur noch einen Schritt weiter: Inzwischen arbeitet er in der Qualitätssicherung. Hier ist er verantwortlich für die Einhaltung der Qualitätsrichtlinien für buntgewebte Hemdenstoffe, also jene, die aus bereits gefärbtem Garn gewoben werden. »Dieser Job ist sehr interessant und abwechslungsreich«, sagt Ankur. Dass er nach seinem Studium in Vorarlberg praktisch noch einmal von vorne anfangen musste, stört ihn nicht. Im Gegenteil. »Jeder Schritt hat mich weitergebracht«, sagt er. »Ich habe viel Unterstützung bekommen und bin sehr zufrieden damit, wie sich alles entwickelt hat.«
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Zuhause in Vorarlberg
Auch privat ist der inzwischen 40-Jährige in Vorarlberg angekommen. Gemeinsam mit seiner Frau lebt Ankur längst in einer eigenen Wohnung. Seine Freizeit verbringt er am liebsten draußen, beim Radfahren oder Motorradfahren, beim Angeln mit seinem Schwiegervater, beim Bummeln am Bodensee mit seiner Frau oder beim Tennisspielen mit Freund:innen und Arbeitskolleg:innen. »Ich bin von Anfang an sehr offen aufgenommen worden und habe sowohl privat als auch bei der Arbeit sehr viele nette Menschen kennengelernt«, sagt Ankur. Das habe es ihm leicht gemacht, sich in Vorarlberg von Anfang an sehr wohlzufühlen. Vieles, an das er sich nach dem Leben in der indischen Großstadt erst gewöhnen musste, gehört heute ganz selbstverständlich zu seinem Alltag: die Ruhe, die Berge, der geordnete Straßenverkehr … und die Kälte? »Die ist noch immer nicht meins«, lacht er. Einmal pro Jahr fliegt Ankur nach Indien. In diesen drei Wochen besucht er seine Familie, trifft Freund:innen, genießt die Wärme und den Trubel und isst, so viel er kann. Denn: »Das indische Essen vermisse ich manchmal schon«, gesteht er schmunzelnd. Und wenn die drei Wochen um sind? »Dann freue ich mich auch schon wieder auf Zuhause – hier in Vorarlberg.«
Fischen ist eines der liebsten Hobbys von Ankur. © Martin Schachenhofer
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