Ein Mann mit schulterlangen, braunen Haaren und einem Bart steht lächelnd in der Mitte eines hellen Raumes und blickt direkt in die Kamera. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, weite schwarze Shorts und weiße Sneaker. Seine Arme hat er vor der Brust verschränkt; in der rechten Hand hält er ein klassisches, silbernes Mikrofon im Vintage-Stil, in der linken Hand eine Friseurschere und einen schwarzen Kamm. Direkt hinter ihm an der weißen Wand befindet sich eine vertikale, leuchtend pinke Farbfläche, die wie ein Rahmen um seinen Oberkörper wirkt. Flankiert wird er von zwei großen, bodentiefen Fenstern, die den Blick auf einen gepflasterten Innenhof mit Pflanzen freigeben.
»Alles Große, was in meinem Leben passiert ist, war ungeplant, also lasse ich einfach auf mich zukommen, was kommen will«, sagt Matthias. © Martin Schachenhofer
3.7.2026
Arbeit

Föhn und Wellen

Arbeit,Arbeitskultur,Gesellschaft,KW9,Portrait

Wenn ein Friseur aus Dornbirn auf einem Kreuzfahrtschiff die Welt bereist, ist das schon eine spannende Geschichte. Doch Matthias Steurer hat in seinem Leben gleich mehrfach die Spur gewechselt. Allein, was  bei dem 39-jährigen Dornbirner auf der Nebenfahrbahn so alles los war, würde Stoff für ein ganzes Buch liefern.

Schon als Kind ist Matthias fasziniert von Haaren. Er liebt es, die Barbie-Puppen seiner Schwester zu frisieren. Und als es dann Zeit wird, sich eine Lehrstelle zu suchen, führt sein erster Weg in den Salon in Haselstauden, in dem sich Familie Steurer seit Jahren die Haare schneiden lässt. Doch statt mit einem Job kommt Matthias mit einer Absage nach Hause. »Mein Chef hat mich damals für zu schüchtern gehalten, weil ich kaum den Mund aufbekommen habe«, erinnert er sich und muss grinsen. Aber Matthias ist niemand, der schnell aufgibt. Nach dem Poly versucht er es nochmal – und ­bekommt die Lehrstelle. Was damals je­doch kaum jemand weiß: Noch lieber als Friseur würde Matthias Sänger werden.

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Eine Draufsicht vor einem leuchtend hellblauen Hintergrund, auf dem verschiedene Haarschnitte von Puppen arrangiert sind. Am oberen Bildrand ist kopfüber der obere Teil des Gesichts einer Puppe zu sehen, deren glattes, kastanienbraunes Haar sich kreisförmig nach oben hin ausbreitet. Quer durch die Mitte des Bildes verläuft horizontal eine glatte, blonde Haarsträhne, die im Zentrum kunstvoll zu einer runden Schleife verschlungen ist. Am unteren Bildrand blickt eine weitere Puppe nach oben, deren voluminöses, gewelltes blondes Haar sich weit nach oben fächert und mit einzelnen leuchtend pinkfarbenen Strähnen durchsetzt ist.

Vom Starmania-Casting in die Boyband-WG

2006 nimmt Matthias all seinen Mut zusammen und geht mit einer Freundin zum Starmania-Casting im Funkhaus in Dornbirn. In die Show schafft er es zwar nicht, doch bei der Gelegenheit lernt er Falco kennen, einen Casting-Teilnehmer aus Bludenz, der später mit der Boyband »jetzt anders!« bekannt werden sollte. Nach einem gemeinsamen Abend trennen sich ihre Wege. Matthias schließt seine Lehre ab und hat seinen ersten Auftritt als Sänger bei der Mr.- und Mrs.-Fitness-Wahl im Kulturhaus in Dornbirn. Doch es zieht ihn hinaus aus Vorarlberg. Also meldet er sich bei Falco, der inzwischen in Wien lebt und gerade dabei ist, seine Musik-Karriere ins Laufen zu bringen. Er ist es auch, der Matthias den Kontakt zu einem Friseursalon in Wien legt, wo er einen Job bekommt. Auch Falcos WG- und gleichzeitig Bandkollegen lernt Matthias kennen. Besonders mit Tom Neuwirth versteht er sich auf Anhieb. »Wir waren wie Brüder«, erzählt Matthias.

Kein Platz für ein eigenes Leben

Bald teilen sie sich eine Zweier-WG, und als Toms Karriere als Conchita Wurst Fahrt aufnimmt, reißt es Matthias mit. Er wird der Personal Hairdresser der Kunstfigur und ist überall dort, wo Conchita auch ist. Der Preis für das Promi-Leben, das er über acht Jahre mitführt, ist genau das: Es ist nicht sein eigenes Leben. Matthias versucht zwar, selbst in der Musikbranche Fuß zu fassen und feiert auch kleine Erfolge, aber: »Am Ende war ich immer nur der Mitbewohner von Tom oder der Friseur von Conchita Wurst«, erzählt er heute. Als Conchita 2014 am Song Contest teilnimmt, fiebert Matthias neben ihr in der Österreich-Loge mit, beim Life Ball 2015 macht er ihr das letzte Mal die Haare. Danach trennen sich ihre Wege im Guten. Matthias sucht sich eine eigene Wohnung und nimmt noch einmal Anlauf für eine eigene Musikkarriere. 


Eine kunstvolle Draufsicht vor einem kräftig blauen Hintergrund, auf dem verschiedene Souvenirs von Seereisen und Utensilien des Friseurhandwerks arrangiert sind.  Im oberen Bereich sieht man eine geöffnete Buchseite mit einer farbigen Landkarte von Südamerika sowie diverse Kühlschrankmagnete, darunter einer mit einer roten Lokomotive („Ushuaia“), einer mit einem Seelöwen („San Antonio“) und einer mit einer bunten Wal-Illustration („Puerto Madryn“). Links liegen eine weiße Crew-ID-Karte des Kreuzfahrtschiffs „AIDAperla“ mit dem Namen Matthias Steurer und einem Porträtfoto sowie sein goldenes Namensschild mit der Aufschrift „Matthias Steurer – Spa Friseur“.  Im unteren Drittel zieht sich eine lange, geschwungene Strähne aus blondem Echthaar quer durch das Bild. Auf den Haaren sitzt ein aus einer Landkarte gefaltetes Papierschiffchen. Ganz unten links liegen eine goldene Friseurschere, ein schwarzer Kamm und ein kleiner Muschel-Magnet, während unten rechts eine kleine, blau gemusterte Schildkrötenfigur platziert ist.
Insgesamt zwei Jahre war Matthias als singender Friseur auf See unterwegs. Derzeit hat er einen Hafen in seiner Heimatstadt Dornbirn gefunden. © Martin Schachenhofer

Eine große Chance und zwei schwere Krisen

Im selben Jahr ergibt sich endlich seine »große Chance«. In der gleichnamigen Castingshow kann er vor großem Publikum zeigen, was er kann. Doch sein Ruf haftet ihm stärker an, als ihm lieb ist. Man kennt ihn in der Branche »als den Friseur von …«, und das wirkt wie eine Bremse. Trotzdem steckt Matthias viel Geld und Energie in seine musikalische Entwicklung. Doch als sein Vater mit nur 56 Jahren an Krebs stirbt, verpasst das auch seinen Ambitionen einen kräftigen Dämpfer. »Damals hatte ich keine Ahnung, wie es weitergeht und wo ich hinsoll« – und das sollte nicht das letzte Mal sein. Sieben Jahre und eine gescheiterte Beziehung später hat Matthias endgültig von allem die Nase voll, von der Arbeit, von der Liebe und von der Stadt. Selbst die Musik kann ihn nicht mehr weit genug von dem Loch fernhalten, in das er einmal mehr zu fallen droht. »Ich habe gewusst, ich muss etwas ändern, aber ich hatte keine Ahnung, was«, erzählt Matthias. Im Mai 2023 nimmt er erst einmal Urlaub und besucht einen Bekannten. Auch der rät ihm dringend zu einer Auszeit. Er erzählt ihm von seiner eigenen Zeit als DJ auf einem Kreuzfahrtschiff und davon, wie gut ihm das getan habe. Matthias denkt nicht lange darüber nach: Zurück in Wien bewirbt er sich bei einer großen deutschen Reederei. 

Andere Luft und ein anderer Alltag

Als er die Zusage bekommt, weiß Matthias: Jetzt muss er alles andere auch geregelt bekommen. Er kündigt seinen Job und seine Wohnung, verschenkt und verkauft alles, woran nach 16 Jahren Wien sein Herz nicht mehr hängt. Er absolviert eine einwöchige Grundausbildung und alle Gesundheitschecks. Schon im August sitzt er mit zwei Koffern im Flugzeug nach Mallorca und geht in Palma an Bord des ersten Schiffes. Für die kommenden sechs Monate würde das sein Zuhause sein. Auf dem Schiff arbeitet Matthias praktisch rund um die Uhr, mit einem halben Tag Pause pro Woche. Dafür muss er sich sonst um nichts kümmern und kann seine knappe Freizeit bei Landgängen, beim Sonnenbaden oder Jetskifahren in vollen Zügen genießen. »Als Kind war ich nie großartig im Urlaub«, erzählt er. »Dieses Leben war einfach mega – ich wollte gar nicht mehr runter von dem Schiff.« Natürlich gibt es auch weniger glamouröse Seiten, etwa dass er sich eine Kabine mit einem Arbeitskollegen teilen muss. Doch ansonsten hat er an Bord alles, was er braucht, und ist umgeben von tollen Menschen aus aller Welt. Das Wichtigste für Matthias aber ist: »Niemand hat mich gekannt. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, wieder zu mir selbst zu finden.« … und damit findet auch die Musik wieder zu ihm.


Eine Draufsicht vor einem leuchtend gelben Hintergrund, auf der Symbole für Musik und das Friseurhandwerk kombiniert sind.  Im oberen Bereich liegt horizontal ein glänzendes, silbernes Vintage-Mikrofon mit einem schwarzen Ein- und Ausschalter. Darunter befindet sich ein weißes Notenblatt mit den Noten und dem Titel des Songs „Aquarius / Let the Sunshine In“ aus dem Musical „Hair“. Quer über das Notenblatt schmiegt sich eine lange, sanft geschwungene blonde Haarsträhne. Ein dunkelbrauner Stielkamm steckt im rechten Teil der Strähne, als ob das Haar gerade gekämmt würde.

Der singende Friseur

Einmal wöchentlich findet auf dem Schiff ein Event statt, das Crew-Mitglieder für die Gäste gestalten. »Weil ich neu war, wollte mein Team mich gleich am Anfang zu einem Auftritt verdonnern«, erzählt Matthias. Als sich herausstellt, dass er singen kann, hat er einen fixen Gig im Theatrium. Auf allen Kreuzfahrten, bei denen er tagsüber als Friseur arbeitet, performt er einmal pro Woche vor zwei- bis dreitausend Menschen Balladen und Romantic Pop auf der großen Bühne – mit Akustikgitarre oder ganz groß mit Orchesterbegleitung, Lichtshow und allem Drum und Dran. In der Karibik schafft es sogar einer seiner eigenen Songs auf die Bühne. 

Zurück an Land

Insgesamt zwei Jahre ist Matthias als singender Friseur auf See unterwegs. Er sieht die ganze Welt – und kommt doch nie wirklich irgendwo an. Nach seiner letzten Fahrt, einer Weltreise auf der Südhalbkugel, zieht es den gebürtigen Dornbirner zurück in seine Heimat. Seit März 2025 lebt ­Matthias wieder in seiner Heimatstadt und arbeitet derzeit im »haaremacher atelier«. Pläne in Richtung Musikkarriere macht er momentan bewusst keine. »Alles Große, was in meinem Leben passiert ist, war ungeplant, also lasse ich einfach auf mich zukommen, was kommen will«, sagt er. Dass er jetzt nur mehr an vier statt an sieben Tagen von früh bis spät arbeitet, genießt Matthias sehr. An seinen freien Tagen zelebriert er eine für ihn ganz neue Form der Freiheit: »Ich habe letztes Jahr endlich den Führerschein gemacht und mir ein Auto gekauft«, lacht er. Jetzt nutzt Matthias jede Gelegenheit für eine Spritztour, vor allem, wenn das Gefühl sich wieder anschleicht, Vorarlberg sei zu klein für ihn. »Einerseits habe ich das Bedürfnis, endlich sesshaft zu werden«, gesteht er. »Aber andererseits brauche ich die Gewissheit, dass die Tür einen Spalt weit offen ist.« Ob er schließlich durchgehen wird oder nicht, das wird er sehen, wenn es so weit ist.

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