Lokführer Holger Hansen lehnt aus dem Seitenfenster eines rot-weißen ÖBB-Cityjet-Zuges am Bahnsteig und blickt in die Kamera; im Hintergrund sind Gleise, ein Signal und Wohnhäuser zu sehen.
Holger Hansen fand Züge schon immer toll. Die Idee, selbst einen zu fahren, kam ihm aber erst spät. © Martin Schachenhofer
16.4.2026
Arbeit

Führerstand statt Ruhestand

Arbeit,KW9,Portrait,Vorarlberg

»Wenn mir hier alles zu doof wird, dann werde ich Lokführer.« Zu dieser Zeit ist Holger Hansen Mitte 50 und seit insgesamt über einem Vierteljahrhundert Lehrer in seiner Wahlheimat ­Dänemark. Schon länger spürt er: Der Funke ist irgendwie weg. Also tut er einmal mehr, was sich für ihn ­bewährt hat: Er stellt die Weichen neu.

Holger Hansen wächst in den 1970er- und 1980er-Jahren in gutbürgerlichem Hause in Flensburg auf. Hier im nördlichen Schleswig-Holstein, direkt an der dänischen Grenze, besucht er das Gymnasium und macht sich ansonsten keine allzu großen Gedanken um seine Zukunft. Obwohl sowohl sein Großvater als auch drei seiner Onkel bei der Deutschen Bahn beschäftigt sind, kommt ihm nie der Gedanke, ebenfalls zur Bahn zu gehen. »Ich fand Züge immer toll«, sagt er, »aber auf die Idee, selbst einen zu fahren, bin ich nie gekommen.« Und das sollte sich auch erst mehr als vierzig Jahre ­später ändern.

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Brücke oder Bank?

Rückansicht von Holger Hansen, einem glatzköpfigen Mann in Dienstkleidung (graues Poloshirt mit roten Akzenten und dunkle Hose), der durch den Gang eines modern gestalteten Zuges geht. Die Umgebung mit roten Sitzen und Haltestangen wirkt durch eine Bewegungsunschärfe dynamisch, während die Person im Zentrum scharf fokussiert ist.
Holger Hansens Arbeitsplatz sind die Züge der ÖBB. © Martin Schachenhofer

Nach dem Abitur will Holger seinen Wehrdienst ableisten. Mehr noch: Er verpflichtet sich für zwei Jahre bei der deutschen Marine und fährt von 1989 bis 1990 auf einem Kriegsschiff zur See. Seine Hauptaufgabe: Radarbeobachtung, Lagebilderstellung und der Funkkontakt mit anderen NATO-Einheiten. »Die Zeit bei der Marine war eine interessante Episode in meinem Leben«, sagt Holger rückblickend, doch bei der Bundeswehr zu bleiben steht für ihn nicht zur Debatte. Stattdessen absolviert er in seiner Heimatstadt eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Kurze Zeit später kommen Angebote aus der ehemaligen DDR. Es werden Mitarbeitende gesucht, die das Bankwesen auf westlichen Stand bringen sollen. Holger geht zunächst nach Schwerin und später nach Wittenberge, wo er als Kundenbetreuer Finanzierungsgeschäfte abwickelt und auch Lehrlinge ausbildet. Sein Ziel ist es, eine kleinere Bankfiliale zu übernehmen. Doch es zeichnet sich schon ab, dass es solche Institute nicht mehr lange geben wird. 

Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Frau Petra entscheidet sich Holger Ende 1997 für einen Reset. Er kündigt, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Das nächste halbe Jahr nutzt Holger, um sich Gedanken darüber zu machen, was er aus seinem Leben machen will. In dieser Zeit reift der Gedanke, zurück in Richtung Heimat zu ziehen. Zunächst stehen alle Zeichen auf Schleswig-Holstein. Doch schlussendlich beschließt das Paar, einen Schritt weiter zu gehen und gleich nach Dänemark zu übersiedeln.

Auf in den Norden

»Dänemark ist toll«, sagt Holger. »Die Dänen sind glücklicher, und das strahlen sie auch aus. Dort passiert alles mehr auf Augenhöhe als in Deutschland.« Womöglich sind es auch Holgers Wurzeln, die ihn dort hinziehen – seine Großeltern stammen aus Dänemark. Doch auch wenn Holger in seiner Jugend immer wieder Urlaube und Wochenenden in Dänemark verbracht hat und nach wie vor grenzüberschreitende Freundschaften pflegt, ist ihm bewusst, dass er lediglich mit einem Grundwortschatz in Dänisch nicht gleich einen Job finden wird. Übergangsweise arbeiten deshalb sowohl er als auch Petra noch eine Zeitlang in Flensburg, beide in einem Autohaus. Mit der Entscheidung darüber, was er in Dänemark beruflich tun könnte, lässt Holger sich aber bewusst Zeit: »Ich hatte weder eine Vision noch einen Masterplan«, erzählt er.

Der Weg in die Pädagogik

Eine der neuen Nachbarinnen in Dänemark unterrichtet an der »Folkeskole« in dem Ort, in dem Holger wohnt. Diese Schulform ist eine Art Gesamtschule, die alle ­Kinder gemeinsam bis zur neunten oder zehnten Schulstufe absolvieren. Bald wird der sportliche junge Mann gefragt, ob er dort Vertretungsstunden im Sportunterricht geben würde. Auch als Deutschlehrer wird Holger an der Schule gebraucht. Die Arbeit mit den Kindern macht ihm Spaß. Also entscheidet er sich, diese Aushilfstätigkeit zu seinem Beruf zu machen. Er absolviert ein Lehramtsstudium und unterrichtet ab 2005 regulär Mathematik, Sport, Geografie und Deutsch als Fremdsprache, später auch Werken. Fast zwanzig Jahre bleibt Holger Lehrer. Er unterrichtet an drei verschiedenen Schulen Kinder zwischen der vierten und der neunten, teilweise der zehnten Klasse. Viele Jahre macht er diesen Job sehr gerne. »Ich hatte immer guten Kontakt mit den Schüler:innen, und die Zusammenarbeit mit den Eltern und den Kolleg:innen war einwandfrei«, sagt er. Über die Jahre jedoch macht ihm der Lärmpegel, den der Schulbetrieb mit sich bringt, mehr und mehr zu schaffen. Doch erst, als er nicht mehr ignorieren kann, dass der Funke, der da einmal war, nicht mehr glimmt, denkt Holger an eine Veränderung. 


»Ich fand Züge immer toll, aber auf die Idee, selbst einen zu fahren wäre ich früher nie gekommen.«

Holger Hansen

Lokführer


»Das ist ein Prozess, der in einem wächst und den man lange nicht wahrhaben möchte«, sagt er rückblickend. Der Gedanke, dass er tatsächlich Lokführer ­werden könnte, kommt dann ebenfalls nicht von heute auf morgen. Doch er kommt – und irgendwann geht Holger ihm nach.

Nahaufnahme eines Schlüsselbundes, der in einem Schloss auf einer blauen Armaturentafel steckt. Über dem Schloss steht der Text „Führerraum aktiv“. Ein silberner Schlüssel steckt direkt im Zylinder, während zwei weitere Schlüssel (einer goldfarben, einer silberfarben mit der Prägung „Zeiss Ikon“) an einem Ring herabhängen.
Auch ein Zug fährt nur mit Zündschlüssel. © Martin Schachenhofer

Auf Anschlusssuche

Zunächst schaut er sich in Dänemark nach einer Ausbildungsmöglichkeit um. Doch hier gibt es keinen Bedarf, also finden auch keine Ausbildungen statt. Als Nächstes versucht Holger es bei der Deutschen Bahn. Hier hätte er auch sofort anfangen können, allerdings 200 Kilometer entfernt, südlich von Hamburg. Das ist zu weit zum Pendeln, und wieder nach Deutschland zu ziehen kommt nicht in Frage. Jetzt gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: den Traum aufgeben, oder sich noch weiter in Richtung Norden oder Süden orientieren. Die Wahl fällt auf den Süden. Sowohl Holger als auch Petra finden die Berge gut und kennen Österreich und die Schweiz aus Urlauben. Also bewirbt Holger sich bei einer Schweizer Privatbahn und bei den ÖBB. »Für mich war es nicht selbstverständlich, dass ich genommen werde, wenn ich mich da mit Mitte 50 bewerbe«, sagt er. Doch sein Alter entpuppt sich bei den ÖBB nicht als Hinderungsgrund. Auch den Bewerbungsprozess an sich empfindet er als sehr professionell und herzlich. Zunächst absolviert Holger online einige Tests und ein telefonisches Interview. Anschließend wird er zu einem persönlichen Gespräch und ­weiteren Tests nach Innsbruck eingeladen.

»Ich hatte weder eine Vision noch einen Masterplan.«

Holger Hansen

Lokführer


Nächster Halt: Vorarlberg

Im September 2024 beginnt die Ausbildung. Die Theorie absolviert Holger im Blockunterricht am Ausbildungscampus in St. Pölten, Fahrpraxis erlangt er in Begleitung eines erfahrenen Ausbilders von Bluden aus in Vorarlberg. Während Holgers junge Kolleg:innen häufig mit technischen Skills glänzen, bringt er einiges an Lebenserfahrung mit. Er kann mit stressigen Situationen umgehen, ist es gewohnt, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und Risiken sowohl einzuschätzen als auch zu minimieren – Eigenschaften, die sich wie ein roter Faden durch Holgers Berufsleben ziehen und auch am Führerstand einer Lok gefragt sind. Im September 2025 schließt Holger seine Ausbildung erfolgreich ab. Bei der Entscheidung, ob er lieber in ­Niederösterreich oder in Vorarlberg arbeiten möchte, macht Bludenz mit seinen umliegenden Bergen und der Nähe zum Bodensee das Rennen; inzwischen sind Holger und Petra auch längst in die Alpenstadt umgezogen. Heute fährt der frisch gebackene Lokführer seine Dienste im Umkreis von 60 Kilometern, sprich: zwischen Bregenz und Landeck.

»Was ich jetzt tue, fühlt sich richtig an. Vor dieser Entscheidung hatten wir schon begonnen, auf den Vorruhestand zu sparen. Das ist jetzt überhaupt kein Thema mehr.«

Holger Hansen

Lokführer

Bis zur Pension auf Schiene

»Was ich jetzt tue, fühlt sich richtig an«, sagt Holger. »Vor dieser Entscheidung hatten wir schon begonnen, auf den Vorruhestand zu sparen. Das ist jetzt überhaupt kein Thema mehr.« Er hat vor, seinen Beruf bis zum Ruhe­stand auszuüben. Und wie ist es mit der Routine? »Ich merke natürlich, dass ich bei den einzelnen Handgriffen routinierter werde«, räumt Holger ein. Aber: »Von Routine im Sinne von Langeweile ist da keine Spur. Ich freue mich nach jeder Schicht schon wieder auf die nächste.«

Holger Hansen steht lächelnd in der offenen Tür eines ÖBB Cityjet-Zuges an einem Bahnsteig. Er trägt eine dunkelblaue Fleecejacke mit roten Einsätzen und eine Brille. Der rot-weiß-graue Zug ist im Profil zu sehen, im Hintergrund erkennt man die Gleise und das Bahnhofsgelände.
„Was ich jetzt tue, fühlt sich richtig an“, freut sich Holger Hansen. © Martin Schachenhofer


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