16.4.2026
Arbeit
Die größte Umstellung ist die Langsamkeit
Arbeit,Geschichte,KW9,Pflege
Maria Lackner arbeitet im Hospiz am See. Dort begleitet sie unheilbar kranke Menschenauf dem letzten Stück ihres Lebenswegs. 2028 wird sie in Pension gehen. Bis dahin wirddie diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin 43 Jahre lang ohne Unterbrechunggearbeitet haben. Doch wie ist es der heute 60-Jährigen gelungen, in ihrem Berufselbst gut älter zu werden? Eine Annäherung in zehn Impulsen.
Die Fahrradlampe schneidet einen hellen Lichtkegel in die beginnende Dämmerung am Bodensee. Es ist 6.40 Uhr und außer Maria sind an diesem nasskalten Morgen im März nur wenige Radfahrer:innen unterwegs. Das jedoch hält die 60-jährige diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auch heute nicht davon ab, ihren Arbeitsweg von Lauterach zu ihrem Arbeitsplatz im Hospiz am See in Bregenz auf ihrem »Bio-Bike« zurückzulegen. Seit April 2019 ist Maria hier als »ganz normale Pflegeperson« im Dienst. Doch was bedeutet »normal« in einem Beruf, in dem Alter, Krankheit und der Tod zum Alltag gehören?
Immer up to date bei der Pension
Sie wollen beim Thema Pension stets das Neueste wissen? Dann abonnieren Sie AK Newsletter und erfahren Sie regelmäßig alles Wichtige ganz bequem per Mail. Gleich anmelden und up to date bleiben!
1. Lebensqualität ist das Wichtigste
Das Hospiz am See liegt idyllisch am westlichen Rand der Landeshauptstadt, in direkter Nachbarschaft zum Kloster Mehrerau. Nach vorne hinaus fällt der Blick auf das beruhigende Grün des Mehrerauer Waldes, nach hinten hinaus kann man den nahegelegenen Bodensee sehen. Wer hier in eines der Gästezimmer einzieht, ist genau das: Gast und nicht (mehr) Patient:in. Es geht nicht mehr um Heilung, aber auch nicht nur um das Sterben: Es geht um Lebensqualität bis zum Schluss. Dafür orientiert sich das gesamte Team an den Bedürfnisse jedes einzelnen der bis zu zehn Gäste, die hier leben. Das bedeutet aber auch, dass es nur wenige Routinen gibt. Eine davon ist die Übergabe vom Nacht- an den Tagdienst. Nach dieser ersten Orientierung macht Maria ihre Runde, strengen Zeitplan verfolgt sie dabei allerdings keinen. »Wenn jemand bis um 10 Uhr schläft, dann lassen wir die Person schlafen«, gibt Maria ein Beispiel. »Und wenn jemand schon um 8 Uhr wach ist und Lust auf einen Kaffee oder eine Dusche hat, dann schauen wir, dass wir das auch gleich ermöglichen können.«
2. Auf den Körper hören
Maria macht ihre Arbeit nach wie vor mit viel Herzblut. Die Pflege sowieso, aber auch die Betreuung der An- und Zugehörigen, die ebenfalls ein wichtiger Teil ihrer Aufgaben ist. Besonders viel Freude macht ihr darüber hinaus die Arbeit mit Nachwuchs-Pflegekräften. Als Praxisanleiterin ist die erfahrene Gesundheits- und Krankenpflegerin verantwortlich für die Ausbildung im Haus. Ihre Dienste absolviert Maria hauptsächlich wie heute ab sieben oder ab neun Uhr oder ab nachmittags bis 22 Uhr. Nachtdienste macht sie nicht mehr so gerne. Da ist sie sie sehr froh, dass die jüngeren Kolleg:innen gerne übernehmen. »Früher war das überhaupt kein Thema«, sagt Maria, »aber heute kann ich tagsüber nicht mehr schlafen, und auch das Wachbleiben in der Nacht fällt mir schwerer.«
Die Abschlussklasse 1985 der Krankenpflegeschule Feldkirch mit Maria Lackner (8. v. l.) © privat
3. Teilzeit für mehr Vielfalt
Maria arbeitet seit vielen Jahren in Teilzeit. Neben ihrer 80-Prozent-Anstellung bleibt ihr dadurch etwas Zeit, um sich anderen interessanten Aspekten ihres Berufs zu widmen, zum Beispiel als Referentin in Letzte-Hilfe-Kursen, in Kommunikationsseminaren oder im Palliativen Basislehrgang. Von 1996 bis 2008 war Maria Leiterin des ambulanten Bereichs in der Connexia Gesellschaft für Gesundheit und Pflege gGmbH. Anfang der 2000er-Jahre kam die Frage nach der Qualitätssicherung für Pflegegeldempfänger:innen auf – ein Thema, das auch Maria brennend interessierte. Doch neben ihrem Vollzeitjob sah sie keine Möglichkeit, sich auch diesem Projekt zu widmen. Deshalb reduzierte sie dafür ihre Arbeitszeit – und ist seitdem dabei geblieben.
4. Weniger Führungsverantwortung
Während ihrer beruflichen Laufbahn hatte Maria mehrere Führungsaufgaben inne. Nach ihrer Ausbildung in allgemeiner Gesundheits- und Krankenpflege an der Krankenpflegeschule Feldkirch begann sie 1985 als Pflegerin auf der Inneren Medizin am LKH Feldkirch. Dort arbeitete sie in der Nephrologie (Therapie und Nachsorge von Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen) und der Angiologie (Gefäßmedizin) sowie in der Schüler:innenbegleitung. 1991 übernahm sie die Stationsleitung auf der Angiologie. Heute ist Maria stellvertretende Pflegedienstleiterin. Neben der Praxisanleitung ist ihr das heute Führungsverantwortung genug.
5. Rauskommen aus dem gewohnten Schritt
Nach zehn Jahren in der Akutpflege im LKH Feldkirch fand Maria, es sei Zeit für eine Veränderung – und so wechselte sie 1996 zur Connexia, die damals noch »Institut für Gesundheits- und Krankenpflege (IGK)« hieß. Dort übernahm sie die Leitung der Service- und Koordinationsstelle für die Hauskrankenpflege. »Dieser Wechsel von der aktiven Pflege auf die Meta-Ebene war hochinteressant. Ich habe viel gelernt«, erzählt Maria. Der Umgang mit den allerorts gerade einziehenden Computern war damals Neuland für sie, »… und ich musste mich erst daran gewöhnen, dass ich nicht mehr im Stechschritt durch die Gänge laufen musste.« Das ist auch im Hospiz nicht notwendig – und damit etwas, was die Arbeit hier für Maria ganz wesentlich von anderen Pflegebereichen unterscheidet: »Die größte Umstellung ist die Langsamkeit«, sagt sie. »Wer aus anderen Arbeitsbereichen oder aus der Ausbildung kommt, kommt hier ganz schnell raus aus dem gewohnten Schritt.«
6. Offen sein für Neues
»Wenn ich etwas mache, dann will ich es mit ganzem Herzen und ganzer Seele machen«, betont Maria. Wenn etwas nicht mehr passe, dann sei es Zeit für eine Veränderung. Ein Grundsatz, dem sie stets treu war. Maria kündigte ihre Anstellungen stets, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt. Jedes Mal freute sie sich auf eine längere Auszeit, doch immer kam ein interessantes Angebot dazwischen. So auch 2009, als ihr eine Stelle in der Parkresidenz in Dornbirn angeboten wurde. Zunächst arbeitete sie dort in der sozialen Begleitung, übernahm aber bald auch wieder diverse koordinative sowie Leitungsfunktionen und wurde Palliativbeauftragte. »Alter, Sterben und Tod waren schon immer Teil meines Berufs«, sagt sie. Bevor sie sich jedoch im Hospiz am See ganz der Pflege und Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase widmen sollte, bekam Maria ein ganz anderes Angebot, das sie auch sehr interessierte.
»Wenn ich etwas mache, dann will ich es mit ganzem Herzen und ganzer Seele machen«, sagt Maria. © Martin Schachenhofer
7. Das Leben vom Anfang und vom Ende her betrachten
Eigene Kinder hat Maria keine. »Dafür hat mir zur richtigen Zeit der richtige Mann gefehlt«, schmunzelt sie. Und dennoch spielten insbesondere Babys für die gebürtige Feldkircherin einige Jahre eine wichtige Rolle. 2015 wurde auf der Geburtenstation im Krankenhaus der Stadt Dornbirn dringend Unterstützung gesucht. Maria, gerade wieder im Begriff, eine Auszeit zu nehmen, wurde gefragt, ob sie einspringen wolle. »Ich hatte keine Ahnung, ob ich das kann, aber ich war bereit, es mir anzuschauen.« Die Erfahrung mit den Neugeborenen und den glücklichen Eltern sei wunderbar gewesen, sagt Maria. Doch der Workload wurde für die damals Anfang 50-Jährige zu viel. Ob da vielleicht auch die Wechseljahre eine Rolle gespielt haben? Heute eine Frage, über die offen gesprochen wird. Doch bis vor wenigen Jahren war das im Berufsalltag, selbst im Gesundheitsbereich, ein kaum diskutiertes Thema. Auch Maria hat darüber nie nachgedacht. »Bewusst aufgefallen wäre mir nichts«, meint sie, »aber es wäre natürlich schon möglich, dass das ebenfalls eine Rolle gespielt hat.«
8. Ein Ziel vor Augen haben
Unabhängig davon wusste Maria nach dieser Erfahrung das erste Mal ganz genau, wo es beruflich als Nächstes hingehen sollte. Denn damals war bereits ein Hospiz für Vorarlberg in Planung, wenn auch noch nicht spruchreif. Maria, die als Pflegeexpertin an der Entwicklung des Projektes beteiligt war, war sich jedoch von Anfang an sicher: Hier möchte sie arbeiten, sobald es so weit ist. Deshalb absolvierte sie bereits 2016 den den interprofessionellen Palliativbasislehrgang. In ihre Abschlussarbeit ließ sie auch ihre Erfahrungen von der Geburtenstation mit einfließen. »Ich habe die Geburt und das Sterben verglichen. Da gibt es viele Parallelen«, sagt Maria.
Fast 41 Jahre Berufserfahrung liegen zwischen heute und dieser Aufnahme der frisch diplomierten 19-jährigen Maria. © Martin Schachenhofer
9. Sich der eigenen Bedürfnisse bewusst werden
Wenn Maria heute auf ihren Werdegang zurückblickt, ist sie zufrieden: Alles hat sich gut gefügt, und von gröberen Krisen ist sie zum Glück verschont geblieben. Die Akutpflege allerdings, wo es immer hektisch zu-geht, war nie das ihre, das ist ihr heute klar. »Ich hatte schon immer gerne längere Beziehungen und pflege gerne ältere oder chronisch kranke Menschen.« Eine gute Zusammenarbeit – im Pflegeteam und zwischen
den Berufsgruppen genauso wie mit der Führungsebene – war Maria bei jeder ihrer beruflichen Stationen sehr wichtig. Im Hospiz gehört das zu ihrem Arbeitsalltag. »Wir haben einen sehr wertschätzenden und achtsamen Umgang, untereinander, aber genauso auch mit den vielen Ehrenamtlichen, die uns jeden Tag in unserer Arbeit unterstützen.«
10. Vorfreude auf das, was kommt
Noch knapp drei Jahre sind es, bis Maria Lackner Ende 2028 in Pension gehen wird. Mental bereitet sie sich jetzt schon auf den Übergang vor. Noch steht nicht fest, ob sie die ersten Jahre geringfügig weiterarbeiten wird, etwa um bei Krankenständen oder in der Urlaubszeit einzuspringen. In der Erwachsenenbildung möchte sie aber jedenfalls weiterhin aktiv bleiben. Die Enkelkinder ihres Partners, ihr Garten mit alten Gemüsesorten, ein Ehrenamt oder der lange gehegte Wunsch, die Menschen in der Ukraine vor Ort zu unterstützen … Pläne und Ideen für die Zeit nach ihrer Pensionierung hat Maria viele. Nicht zuletzt deshalb wird sie auch weiterhin auf ihre Gesundheit achten und sicherlich auch dann noch oft mit dem Fahrrad unterwegs sein, wenn sie nicht mehr jeden Tag zur Arbeit fährt.
Auf der FastLane der AK finden Sie alle Ausbildungsmöglichkeiten und Finanzierungen.
DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN
30.12.2025
Arbeit
Andreas Wassner: Ich bin ein glücklicher Mensch
Schon als Student bringt Andreas Wassner sich an seine Grenzen – und weit darüber hinaus. Das Resultat: Burnout mit Ende zwanzig und Absturz in eine schwere Depression. Diese Erfahrung lässt ihn das Leben mit anderen Augen sehen. Trotzdem – oder gerade deswegen – sagt er heute von sich: »Ich bin ein glücklicher Mensch.«
16.4.2026
Arbeit
Vera Prantl-Stock: Musik ist meine Leidenschaft
Vera Prantl-Stocks Herz schlägt für die Musik. So sehr, dass sie ihre Leidenschaft nie zum Beruf machen wollte. Dennoch spielt vor allem das Singen in Veras Leben eine zentrale Rolle – in ihrer Freizeit sowieso, aber auch bei der Arbeit.
16.4.2026
Arbeit
Führerstand statt Ruhestand
»Wenn mir hier alles zu doof wird, dann werde ich Lokführer.« Zu dieser Zeit ist Holger Hansen Mitte 50 und seit insgesamt über einem Vierteljahrhundert Lehrer in seiner Wahlheimat Dänemark. Schon länger spürt er: Der Funke ist irgendwie weg. Also tut er einmal mehr, was sich für ihn bewährt hat: Er stellt die Weichen neu.