3.7.2026
Arbeit
... und wo arbeitest du so?
Arbeit,Arbeitskultur,Gesellschaft,KW9,Portrait
Wer in Vorarlberg in Vollzeit arbeitet, verbringt bis zu 40 Stunden pro Woche an seinem Arbeitsplatz, Überstunden nicht mitgerechnet. Wie prägen uns die Orte, an denen wir so viel Zeit verbringen? Und welche Spuren hinterlassen wir? Wir haben Christian, Irma und Michael bei der Arbeit besucht – und drei ganz unterschiedliche Einblicke bekommen.
Wo auch immer sein Beruf Christian Feuerstein hinführt, er kommt mit seinem Arbeitsplatz: einem eisblauen Sattelschlepper. © Martin Schachenhofer
Wo auch immer sein Beruf Christian Feuerstein hinführt, er kommt mit seinem Arbeitsplatz: einem eisblauen Sattelschlepper mit roten Zierelementen, der vollbeladen schlappe 40 Tonnen auf die Straße bringt. Damit transportiert der passionierte LKW-Fahrer Holz, Glas, Beton, Baustahl und andere Materialien für das Baunebengewerbe von A nach B. In einem Umkreis von circa 300 Kilometern ist er unter der Woche jeden Tag unterwegs, sei es in Vorarlberg, in der Schweiz, in Süddeutschland oder in Tirol. Trotzdem macht seine Zugmaschine den Eindruck, als wäre sie gerade erst vom Band gelaufen.
Ordnung ist die halbe Strecke
»Ich mag es gerne aufgeräumt«, schmunzelt Christian. Namensschilder, Wimpelketten oder anderes, was man in LKWs häufig findet, sucht man im Fahrerhaus des 59-Jährigen vergebens. Für ihn gilt: Weniger ist mehr. Und für die Dinge, die er auf der Fahrt mehr oder weniger regelmäßig braucht, gibt es genug Stauraum. Etwa für seinen Toilettenbeutel, ohne den Christian auch auf kurzen Strecken nie unterwegs ist. Schließlich hat er vor Ort ständig Kundenkontakt und geht nicht nur in Lagerhallen, sondern auch in Büros ein und aus. Da sind saubere Hände und ein ordentliches Auftreten Pflicht, auch wenn er gerade noch Zementsäcke verladen hat. Es gibt nur zwei Dinge, die in Christians Fahrerhaus nicht zur Serienausstattung gehören. Das eine ist eine metallene Brotdose auf der Mittelkonsole, mit dem Logo seines Arbeitgebers auf dem Bambusdeckel. Darin bewahrt er auf, was stets griffbereit sein muss, also verschiedene Ladekabel, Brillenputztücher und so weiter. Das andere ist eine Christophorus-Plakette, die am Armaturenbrett klebt. Die war schon da, als Christian den LKW von einem anderen Fahrer übernommen hat. »Ich habe sie behalten, kann ja nicht schaden«, sagt er schmunzelnd.
Immer griffbereit: Christians Schlüssel und die Brotbox, in der er statt seiner Jause die wichtigsten Ladekabel aufbewahrt. © Martin Schachenhofer
Faszination für schweres Gerät
Seit fast 40 Jahren fährt Christian inzwischen LKW. Fasziniert von schweren Kraftfahrzeugen aber war er schon viel früher. »Als Kind konnte ich dreimal hintereinander dieselbe Folge von ›Auf Achse‹ mit Manfred Krug anschauen und fand es immer noch spannend«, erzählt er. Früher war Christian wie sein Kindheitsidol im Fernverkehr unterwegs: Italien, England, Cannes in Frankreich – und auch auf dem Alexanderplatz in Berlin ist er mit seinem LKW schon gestanden. Heute bleibt sein Bettzeug jedoch die meiste Zeit gut in den Ablageboxen verstaut. Denn im Fahrerhaus übernachtet Christian inzwischen nur noch, wenn ein Auftrag ihn nach Genf führt. Ansonsten kommt er jeden Tag nach Hause. Wann genau, das weiß er in den meisten Fällen allerdings erst sehr kurzfristig. »Man muss in diesem Job flexibel sein«, sagt Christian. Dass er keine Kinder hat, macht es für ihn leichter. Ein aktives Vereinsleben oder andere regelmäßige Verpflichtungen sind mit seinem Arbeitsalltag schwer vereinbar. Seinen Ausgleich findet Christian deshalb vor allem bei ausgedehnten Wandertouren, die er an den Wochenenden unternimmt. Das hält ihn auch körperlich fit, denn ein paar Jahre möchte der erfahrene Trucker schon noch mit seinem rollenden Arbeitsplatz unterwegs sein.
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Wenn Irma an ihrem Platz sitzt, steht die Türe immer offen, sei es für ein süßes »Trostpflaster« bei aufgeschürften Knien oder für ein kurzes Pläuschchen zwischen Tür und Angel. © Martin Schachenhofer
Um Punkt neun Uhr öffnet das Schwimmbad Felsenau seine Pforten. »Guten Morgen!«, ruft Irma Slootmaker gut gelaunt in die Runde der Badegäste, die bereits vor der Türe warten. »Guten Morgen!«, hallt es mehrstimmig zurück, bevor ein Badegast nach dem anderen die Saisonkarte an das Lesegerät hält und zu Irma an das geöffnete Kassafenster tritt.
Man kennt sich in der Felsenau
Hier sitzt Irma an ihrem Schreibtisch fast wie in einem Bilderrahmen. Hinter ihr lehnen ein paar knallrote Sonnenschirme in der Ecke, ein Kasten steht an der Wand hinter ihr, und an der Decke zieht ein Ventilator träge seine Kreise. Wie aus dem Nichts zaubert Irma für jeden Gast, der im Bad einen Spind oder eine Kabine gemietet hat, den richtigen Schlüssel und ein paar persönliche Worte hervor. Seit 2018 wacht Irma über den Eingangsbereich des ältesten noch bestehenden Schwimmbads in Vorarlberg. Sie kennt ihre Gäste, die meisten auch beim Namen. Viele kommen schließlich fast jeden Tag und bei fast jedem Wetter. Doch auch Irma ist keine Unbekannte. Seit Irma in den späten 1980er-Jahren zum Arbeiten nach Vorarlberg kam, hatte sie immer viel mit Menschen zu tun. »Ich habe lange in einem bekannten Lokal in Feldkirch hinter der Bar gearbeitet und hatte dann noch zwei Jahre eine eigene Bar«, erzählt sie. Heute sind die Kinder groß und die inzwischen 59-Jährige arbeitet als Kassamitarbeiterin für die Freizeit Betriebe Feldkirch – von Mai bis September im Schwimmbad Felsenau und von Oktober bis April in der Vorarlberghalle. »Das hat sich sehr gut ergeben, ich wollte ja wieder in Vollzeit arbeiten«, sagt Irma. In den Sommermonaten ist im Freibad einiges los. Während von neun Uhr morgens bis acht Uhr abends Badegäste ein- und ausgehen, sorgt Irma gemeinsam mit ihren Kolleg:innen dafür, dass alles rund läuft. Sie begrüßt die Besucher:innen, gibt Tageskarten aus, verleiht Sonnenschirme und Taucherbrillen und behält im gesamten Bad den Überblick. Besonders am Herzen liegen ihr die Geranien, die hier überall in Blumenkästen blühen. Es soll schließlich hübsch aussehen, wenn die Gäste hierherkommen, um sich zu erholen.
Eine bunte Sammlung von Badeenten wacht an Irmas Seite über die Spind- und Schließfachschlüssel im Schwimmbad Felsenau. © Martin Schachenhofer
Ein offenes Ohr und eine offene Tür
Wenn Irma an ihrem Platz sitzt, steht die Türe immer offen, sei es für ein süßes »Trostpflaster« bei aufgeschürften Knien oder für ein kurzes Pläuschchen zwischen Tür und Angel. Wer hier steht, kann auch die Kinderzeichnungen über dem Drucker hängen sehen, die Irma von kleinen Badegästen geschenkt bekommen hat. Oder die gelbe Plüschente, die von der Decke baumelt – ebenfalls ein Geschenk. Überhaupt haben es die Enten Irma angetan. Auf dem Schlüsselboard thront eine ganze Reihe von Badeenten in unterschiedlichsten Aufmachungen. Eine Sammlung, die der ehemalige Bademeister angefangen hat und die Irma nun fortsetzt. Ansonsten braucht sie nicht viel, um sich an ihrem Arbeitsplatz wohlzufühlen. »Musik ist wichtig«, sagt sie. Das Radio läuft bei Irma den ganzen Tag. Aber sonst? »Ich bin glücklich, wenn ich unter Leuten bin«, sagt sie. »Hier habe ich noch dazu viel frische Luft und eine traumhafte Aussicht. Was will man mehr?«
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Wer sich nicht von der Süßigkeitenschale auf dem Besuchertisch ablenken lässt, kann einiges entdecken in Michael Schallerts Büro. © Michael Schallert
Wer in Michaels Büro möchte, landet zunächst in einer Abstellkammer. Dahinter allerdings liegt ein großzügiger Raum mit einem ebenso großzügigen Schreibtisch, einer Art Küchenzeile und einem zweiten Arbeitsplatz, der Michaels Stellvertreterin Eva gehört. Der 36-Jährige ist seit Juli 2025 Stationsleiter der Kinder- und Jugendheilkunde im Landeskrankenhaus Feldkirch. Dass er irgendwas mit Kindern machen will, wusste der gebürtige Brandner schon, als er selbst noch eins war. »Es gibt neben meiner Familie nur drei Dinge, die mir wirklich wichtig sind«, sagt er. »Fischen, Weihnachten und Kinder.«
Vertrauen ist das Wichtigste
Auf der Station werden Kinder und Jugendliche jeden Alters behandelt und gepflegt. Dabei steht nicht nur die physische und medizinische Heilung im Fokus. »Unser Ziel ist die Aufrechterhaltung des Wohlbefindens und der Schutz der Kinder«, erklärt Michael ernst. »Und das geht nur, wenn die Patient:innen und Eltern einem vertrauen.« Deshalb versucht Michael zu jedem und jeder seiner Patient:innen eine Beziehung aufzubauen. Er nimmt sich Zeit, zuzuhören, etwas noch einmal in Ruhe zu erklären oder auch einfach mal einen Keks zu holen, wenn sonst nichts mehr hilft.
Nie ohne sein Team
Seit Michael die Stationsleitung übernommen hat, sind neben der Pflege die administrativen Aufgaben deutlich mehr geworden. Das heißt, er verbringt viel Zeit im Büro. Dienstpläne, Qualitätssicherung, Urlaubswünsche, Fortbildungen und so weiter und so fort für 44 Pflegekräfte laufen über Michaels Schreibtisch – und über sein Team lässt er nichts kommen. Das macht auch die Fotocollage deutlich, die mit dem Spruch »Nie ohne mein Team« über seinem Schreibtisch hängt.
Es sind manchmal gerade die kleinen Details, durch die Michael und seine Kolleg:innen Zugang zu ihren jungen Patient:innen finden. © Michael Schallert
Ein toller Hecht und Lieblingssocken
Dass Michael in seiner Freizeit begeisterter Fischer ist, wissen seine Kolleg:innen natürlich. Das erklärt auch, wie ein plüschiger Hecht den Weg in Michaels Büro gefunden hat. »Das war ein Geschenk von meiner Kollegin Eva«, sagt er. Genauso wie einige der Tassen mit unterschiedlichsten Aufdrucken, von Weihnachtsmotiven bis zu motivierenden Sprüchen. Anders als in der aktiven Pflege arbeitet Michael in seiner aktuellen Position von Montag bis Freitag zu den klassischen Bürozeiten. An »Bürotagen« kommt er in Zivilkleidung, an anderen trägt er dieselbe Pflegedienstkleidung wie seine Kolleg:innen. Und an ganz besonderen Tagen darf es statt der langweiligen weißen Socken auch mal sein Lieblingspaar sein: das mit dem Gesicht seiner kleinen Tochter Paulina.
Ausgezeichnete Arbeit
Wer sich nicht von der Süßigkeitenschale auf dem Besuchertisch ablenken lässt, kann einiges entdecken in Michael Schallerts Büro. Doch etwas fehlt: der Pflegeaward 2026, den er gerade im Frühjahr gewonnen hat. »Der steht daheim auf der Kommode«, sagt Michael. Die Trophäe sei zwar sehr hübsch, doch noch viel mehr würden ihm die hunderten von Nachrichten bedeuten, die er nach der Verleihung bekommen habe. Eine hat ihn besonders berührt, und sie fasst zusammen, was offenbar viele von Michaels Patient:innen und deren Angehörigen empfinden. Sie lautet: »Jeder Tag, an dem Michael da war, war für uns ein guter Tag.«
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