Schwarz-Weiß-Foto einer Kundgebung auf einer Straße. Eine Menschenmenge hält Transparente hoch, auf dem vordersten steht: „Wir fordern den freien Samstag Nachmittag“. Im Hintergrund ist ein weiteres Transpartent mit Text wie „Trotz Samstag 12h Ladenschluss im Montafon, entwickeln sich die Betriebe prächtig“ zu sehen.
Angeführt durch Arbeiterkammer und Gewerkschaft forderten die Handelsangestellten Gleichstellung. © Helmut Klapper
13.10.2026
Arbeit

Sie forderten den freien Samstagnachmittag

Arbeit,Arbeitskultur,Arbeitsrecht,Arbeitszeit,Erfolg,KW9,Vorarlberg

450 Handelsangestellte ziehen mit ­Schildern in der Hand durch Bregenz. Der Grund für ihren Unmut: Während ­andernorts am Samstagmittag Schluss ist, stehen sie in den Geschäften. Die ­Ladenschlussdemo zeigt uns bis heute: Wer ­Veränderung will, muss sie fordern – auch wenn der Ausgang unklar ist.

»Sind wir Menschen zweiter Klasse?«, »Auch wir wollen ein verlängertes Wochenende!«, »Wir sind keine Kulis!« – Ausgestattet mit handgeschriebenen Tafeln zieht am 3. Mai 1973 eine bemerkenswerte Demonstration durch die Straßen von Bregenz. 450 Handelsangestellte bewegen sich zum alten Landhaus in der Jahnstraße. Der Grund für den Protest? Während Banken, Ämter und andere öffentliche Einrichtungen samstags mittags schließen, müssen die Handelsbeschäftigten weiterarbeiten – für sie eine Ungerechtigkeit, die ihr Familienleben belastet. Unterstützt durch Arbeiterkammer und Gewerkschaft fordern sie die Gleichstellung.

Nichts mehr verpassen mit dem AK Wissensvorsprung

Melde dich jetzt für den kostenlosen AK Wissensvorsprung an und sichere dir damit wertvolle Informationen.

Manche Schilder zielen direkt auf Landeshauptmann Herbert Keßler: »Der Keßler-Hut muss weg!« heißt es da, und »Demokratie oder Keßler-Diktatur?«. Die beiden Fotografen Helmut Klapper und Oscar Spang halten die Demonstration mit ihren Kameras fest. Ihre Aufnahmen erzählen die Geschichte eines Tages der Auflehnung und Solidarität. Es sind wertvolle Dokumente, die daran erinnern, dass soziale Errungenschaften nicht vom Himmel fallen, sondern erstritten werden müssen. Klar, nicht jeder Protest führt zu Veränderung, aber jede Veränderung beginnt damit, dass Menschen sich äußern. Die Landesregierung verspricht, die Ladenschlussverordnung zu prüfen. Am Ende lehnt sie die Forderungen ab.  

Szene aus einer anderen Welt

Heute wirkt die Ladenschlussdemo wie eine Szene aus einer anderen Welt. In einer Zeit, in der Geschäfte samstags bis 18 Uhr und unter der Woche bis 21 Uhr geöffnet sein dürfen, scheint die Forderung eines freien Samstagnachmittags für Handelsangestellte beinahe utopisch. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, wie soziale Errungenschaften wieder ins Wanken geraten können. Während Ladenöffnungszeiten immer weiter ausgeweitet wurden, blieb die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten lange ungehört. Die Einführung der 40-Stunden-Woche 1975 war aus Sicht der Arbeitnehmer:innen ein wichtiger Erfolg, doch die letzte allgemeine Arbeitszeitverkürzung in Österreich liegt mehr als fünfzig Jahre zurück. Und nicht nur das, seither gab es sogar Rückschritte (Stichwort: 12-Stunden-Tag und 60-Stunden-Woche). Doch auch Fortschritt ist möglich, wie etwa der Kollektivvertrag im privaten Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich zeigt: Seit dem 1. Jänner 2022 gilt erstmals die 37-Stunden-Woche als Normalarbeitszeit – eine Arbeitszeit­verkürzung bei vollem Lohnausgleich. 

Lust auf mehr spannende Geschichten?

Bestellen Sie sich das KW9 einfach nach Hause – viermal jährlich automatisch, kostenlos und portofrei.

Veränderung braucht Solidarität

Was lässt sich aus der Demonstration von damals für heute und für die Zukunft lernen? Wer etwas verändern will, muss es aussprechen, und zwar so, dass es gehört wird – auch dann, wenn man damit nicht immer Erfolg hat. Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt: Proteste haben Wirkung. Solidarität und gemeinsames Handeln machen Veränderung möglich. 

Arbeit, Wohnen, Soziales: Wofür die AK Vorarlberg sich einsetzt

Dafür setzen wir uns ein


Schwarz-Weiß-Vogelperspektive einer großen Demonstration in einer Stadtstraße. Zahlreiche Menschen ziehen mit Schildern und Transparenten durch die Straße. Auf den Transparenten stehen Forderungen wie „die Forum Angestellten fordern den freien Samstag Nachmittag“, „Längeres Offenhalten – Höhere Preise!“ und „Demokratie oder Keßlerdiktatur?“. Rechts sind Geschäfte wie „Feinkost Leissing“ und „LUTZ, WEBER & CO“ zu sehen.
Protest für den freien Samstagnachmittag im Handel – heute fast unvorstellbar. © Helmut Klapper


DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Das Bild zeigt ein altes Werbeplakat für Unterwäsche, ein Mann trägt darauf zwei Frauen in Unterwäsche unter dem Arm.
30.12.2025

Konsum

Sexismus in der Werbung

Werbung soll verlocken. Doch was einst als harmlos galt, war schon ­damals verletzend. Ein Rückblick auf sexistische Stereotype in der ­Werbung – und wie sie bis heute ­nachwirken.

Eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Inneren einer Fabrik. Eine lange Reihe von Arbeitern steht hintereinander an ihren jeweiligen Arbeitsstationen, die durch trennende Platten voneinander abgeteilt sind. Die Männer blicken alle in Richtung der Kamera. Im Vordergrund ist das Gesicht eines Mannes mit Schnurrbart angeschnitten zu sehen. Entlang der Decke und Wände verlaufen komplexe mechanische Vorrichtungen, Riemen und Maschinenteile. Der Boden besteht aus Holzdielen.
3.7.2026

Soziales

Der »goldene Käfig« der Fabrikanten

Wie der betriebliche Wohnungsbau die Vorarlberger Textilindustrie prägte – und warum die Abhängigkeit von damals auch heute wieder ein Risiko birgt.

Zwei Männer in hellen Hemden blicken gemeinsam durch eine Glasscheibe nach links draußen. Der Mann links hat krauses Haar, der rechts eine Glatze, einen Vollbart und eine schwarze Brille. In der Scheibe spiegelt sich die grüne Umgebung.
13.10.2026

Arbeit

„Wollen dem Vertrauen in uns gerecht werden“

Was ist Arbeit in Vorarlberg wert? Und was braucht es in Zukunft, damit gute Arbeit für alle möglich ist? Ein Gespräch mit dem neuen AK Direktor Manuel Ganahl und AK Präsident Bernhard Heinzle.

Aktuelle Ausgabe

Cover-Motiv der Ausgabe Nr. 5 des AK Magazins zum Thema „Zuhause“. Zu sehen ist eine urige, detailreiche Heimwerkstatt mit Holzwänden, die von hellen Neonröhren erleuchtet wird. Auf und vor der Werkbank reihen sich Autoreifen, Werkzeuge, Kanister und historische Werbeschilder (u.a. Continental Reifen und Osram) aneinander. Über dem Bild liegt der große, gelbe Titel-Schriftzug „KW9“.

Kostenlos Abonnieren

Unser Magazin wird an alle AK Mitglieder versendet. Du bist kein AK Mitglied? Du kannst KW9 auch kostenlos bestellen.

KW9 bestellen



Newsletter

AK für die Inbox. Jeden Montag neu.


Stark für dich

Als AK Mitglied profitierst du von Services zu Arbeit, Bildung und Konsum.


AK Vorarlberg Service