Arbeit
Home is where your heart is
Seit dreizehn Jahren lebt und arbeitet Ankur Jaiswal in Bludenz, der Heimatstadt seiner Frau Stefanie. Doch stimmt es auch für ihn, dass Heimat dort ist, wo das Herz zuhause ist?
Frau Gerenčir, vor 60 Jahren unterzeichneten Österreich und das damalige Jugoslawien ihr Anwerbeabkommen. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis heute noch?
Jagoda Gerenčir: Dieses Jubiläum führt uns vor Augen, wie sehr sich die Intention von damals und die Realität von heute unterscheiden. Österreich hatte in den 1960er-Jahren einen enormen Bedarf an Arbeitskräften und holte die Menschen aus dem damaligen Jugoslawien und der Türkei. Die Idee dahinter war das reine Gastarbeitermodell: kommen, arbeiten, wieder gehen. Das war die größte Fehlinterpretation dieser ganzen Zuwanderungsbewegung – und sie wirkt bis heute nach, weil man damals die soziale Integration schlicht vergessen hat.
Wie stark prägt diese Migrationsbewegung die Vorarlberger Wirtschaft und Gesellschaft bis heute?
Jagoda Gerenčir: Sehr stark – gerade gesellschaftlich. Was man gut an den Daten ablesen kann: Die Integration der damaligen jugoslawischen Zuwander:innen hat anfangs besser funktioniert als jene der türkischen Community. Ein wichtiger Indikator dafür ist das Heiratsverhalten; Ehen zwischen Zugewanderten und Einheimischen
sind soziologisch einer der aussagekräftigsten Indikatoren für Integration – und bei den damaligen jugoslawischen Zuwander:innen war dieser Anteil deutlich höher. Ein Grund dafür dürfte auch das Ausbildungsniveau gewesen sein: Das Anwerbeabkommen mit Jugoslawien zielte stärker auf Fachkräfte ab. Und ein wesentliches Integrationsvehikel war damals der Sport, vor allem der Fußball. Das war kein Zufall, das wurde aktiv gefördert.
Wird die Lebensleistung dieser ersten Generation in Vorarlberg heute ausreichend gewürdigt?
Jagoda Gerenčir: Eher nicht. Ich glaube, das hängt mit zwei Dingen zusammen. Erstens wurde diese Zuwanderung – wie alle historischen Zuwanderungsbewegungen – anfangs sehr kritisch beobachtet. Zweitens waren viele dieser Menschen in Berufen tätig, die wenig soziales Prestige hatten. Das schränkt die gesellschaftliche Anerkennung ein – und das wirkt nach, auch wenn sich das in der zweiten und dritten Generation deutlich verändert hat. Es ist einfach viel verschwunden, viel vergessen. Deswegen ist es so wichtig, dass man jetzt bewusst darauf aufmerksam macht.
Wenn wir die Situation vergleichen: Vor welchen völlig anderen Herausforderungen stehen Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund heute in Vorarlberg?
Jagoda Gerenčir: Der entscheidende Unterschied ist, dass Arbeitsmigration heute stark reglementiert ist. Damals kam man mit einem Visum zur Arbeitsaufnahme – die Firma hat einen geholt, der Job war da. Heute ist das ein völlig anderes Modell. Dazu kommt: Der Arbeitsmarkt für niedrig qualifizierte Berufe schrumpft generell, weil Maschinen und Roboter Tätigkeiten übernehmen, die früher Menschen ausgeübt haben. Und wenn dann noch Sprachprobleme dazukommen, wird es wirklich schwierig. Die Sprache ist der Schlüssel zur Weiterqualifizierung – für die Matura, für Weiterbildungen, für Führungspositionen.
Wo sehen Sie im Vorarlberger Arbeitsalltag die größten Stärken des interkulturellen Zusammenlebens – und wo knirscht es noch?
Jagoda Gerenčir: Die Stärke ist, dass wir in vielen Vorarlberger Betrieben eine gelebte Vielfalt haben, die einfach funktioniert – 30, 40 verschiedene Nationalitäten unter einem Dach. Was noch knirscht, ist das Bewusstsein dafür, dass unterschiedliche kulturelle Hintergründe auch unterschiedliche Feiertage, Praktiken und Bedürfnisse bedeuten. Da ist in den Chefetagen und Belegschaften noch viel Sensibilisierungsarbeit nötig. Deswegen haben wir als Ausschuss gemeinsam mit dem Verein »okay.zusammen leben« einen interkulturellen Kalender entwickelt, den wir an Betriebe, Schulen, Gemeinden und Kindergärten verteilen. Ein konkretes Werkzeug, das sichtbar macht: Wir sehen euch. Ihr gehört dazu.
Ein Nadelöhr ist die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Verlieren wir dadurch wertvolles
Potenzial im Kampf gegen den Fachkräftemangel?
Jagoda Gerenčir: Eindeutig ja. Diese Anerkennungsverfahren dauern in manchen Fällen Jahre – ausgerechnet in Mangelberufen wie Pflege und Medizin. Es ist paradox: Wir brauchen die Menschen, aber schaffen es nicht, ihre Qualifikationen rechtzeitig anzuerkennen. Was ich mir wünschen würde: Dass man nicht gleich die gesamte Ausbildung ablehnt, wenn ein Teil fehlt – sondern dass man Ergänzungsausbildungen ermöglicht, damit diese Menschen endlich das tun dürfen, wofür sie ausgebildet sind. Da gibt es enormen Aufholbedarf.
Sie arbeiten selbst im Bereich der Geflüchtetenhilfe und sind Betriebsrätin bei der Caritas. Hat sich diese Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?
Jagoda Gerenčir: Meine Zweitsprache Kroatisch hat mich 1994 direkt zur Caritas gebracht, da während der damaligen Fluchtbewegungen dringend Unterstützung für Bosnier:innen und Kroat:innen benötigt wurde. In den letzten 30 Jahren habe ich verschiedenste Stationen durchlaufen: vom Sekretariat über das Caritas-Haus in Dornbirn bis hin zur Nachbarschaftshilfe, wo ich Menschen in Arbeit vermittelt habe. Später war ich in der Administration für die gesamte Landesabrechnung im Flüchtlingsbereich verantwortlich. Wenn ich die Situation von damals mit heute vergleiche, ist die Arbeit heute wesentlich organisierter und anforderungsreicher – das beginnt schon beim gesamten System der Bewerbungsprozesse. Umso kritischer sehe ich den aktuellen Rückbau der Flüchtlingshilfe, der zu monatlichen Kündigungen führt. Das ist nicht nur für die langjährigen Mitarbeiter:innen brutal, sondern auch kurzsichtig für die Integration. Man kann nicht einerseits beklagen, dass Integration nicht funktioniere, und gleichzeitig genau jene Fachkräfte entlassen, die diese Arbeit vor Ort leisten.
Auch Ihre eigene Familie kam im Zuge dieser Migrationsbewegung nach Vorarlberg. Inwiefern hilft Ihnen diese persönliche Perspektive heute?
Jagoda Gerenčir: Sehr. Mein Vater kam im November 1967 mit 21 Jahren her, meine Mutter ein halbes Jahr später – mit 16. Man muss sich das einmal vorstellen: 16 Jahre alt, ein fremdes Land, eine fremde Sprache. Beide kamen aus demselben kleinen Dorf in Kroatien und haben sich dann in Altach kennengelernt. Mein Vater kam in eine Abteilung, wo nur Österreicher:innen waren – er musste Deutsch lernen. Meine Mutter kam in eine Abteilung, wo vor allem damalige Jugoslaw:innen waren – sie hat die Sprache langsamer gelernt. Wir Kinder haben zuhause nur Kroatisch gesprochen und Deutsch erst im Kindergarten und in der Schule gelernt. Bis heute habe ich mit meinen Eltern noch immer nicht auf Deutsch gewechselt – das war nie ein Thema. Diese Biografie bringt einfach eine andere Tiefe mit, wenn man über Integration, Sprache, Anerkennung spricht. Man weiß, wovon man redet.
Welche Botschaft möchten Sie den Arbeitnehmer:innen interkultureller Herkunft anlässlich dieses Jubiläums mitgeben?
Jagoda Gerenčir: Danke. Und Hut ab, was ihr geschafft habt. Was meine Eltern damals geleistet haben – mit 16 und 21 Jahren in ein fremdes Land, ohne zu wissen, was einen erwartet –, das ist schlicht beeindruckend. Und ich glaube, das gilt für diese ganze Generation: Sie sind gekommen, haben gearbeitet und haben damit für ihre Kinder und Enkelkinder eine ganz andere Ausgangslage geschaffen. Das verdient mehr Anerkennung, als es bekommt. Genau deswegen machen wir das.
Arbeit
Wer in Vorarlberg in Vollzeit arbeitet, verbringt bis zu 40 Stunden pro Woche an seinem Arbeitsplatz, Überstunden nicht mitgerechnet. Wie prägen uns die Orte, an denen wir so viel Zeit verbringen? Und welche Spuren hinterlassen wir? Wir haben Christian, Irma und Michael bei der Arbeit besucht – und drei ganz unterschiedliche Einblicke bekommen.
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