13.10.2026
Soziales
„Ich möchte einfach helfen“
Arbeit,Bildung,Erfolg,Gesellschaft,KW9,Migration,Portrait,Vorarlberg
2015 musste Mohaimen Al-Doori vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat fliehen. Inzwischen hat der Iraker in Vorarlberg nicht nur ein Zuhause, sondern auch seine Berufung gefunden.
Es ist noch früh an diesem Freitagnachmittag Anfang September – und dementsprechend ruhig in der offenen Jugendarbeit »Graf Hugo« in Feldkirch. Mohaimen Al-Doori holt eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und gesellt sich zu einer Clique, die es sich gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht hat. »Normalerweise bin ich in der Stadt, am Bahnhof oder im Skatepark in Gisingen unterwegs«, sagt er – also überall dort, wo sich Jugendliche treffen, um zusammen abzuhängen.
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Mohaimen ist für die mobile Jugendarbeit verantwortlich. Dort zu sein, wo die Jugendlichen sind, mit ihnen zu reden und zu verstehen, was sie gerade beschäftigt, ist der Türöffner für seine Arbeit. Dass seine Muttersprache Arabisch ist, ist dabei enorm hilfreich, gerade wenn es um den Austausch mit Jugendlichen aus Syrien oder Somalia geht. »Es ist schwer, über persönliche Themen zu reden, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht«, sagt der gebürtige Iraker.
Flucht aus dem Irak
2015 flüchtet Mohaimen aus seiner Heimatstadt Bagdad, in einer Zeit, in der die Hauptstadt im Zentrum des anhaltenden irakischen Bürgerkriegs steht. In einer sechsmonatigen Odyssee über die Türkei und Griechenland gelangt er schließlich nach Vorarlberg. »Die Caritas hat mich aufgefangen«, sagt er. Er kommt in die Grundversorgung und findet in einer Unterkunft für Geflüchtete in Wolfurt ein erstes Dach über dem Kopf.
Umgeben von etlichen anderen jungen Männern ohne Gewissheit und ohne Perspektive beginnt das zermürbende Warten auf den Asylbescheid. Eine schwierige Zeit, in der Mohaimen sich selbst Deutsch beibringt, ansonsten aber auch nicht weiß, wohin mit sich. Er zieht sich zurück und versucht, Ärger aus dem Weg zu gehen. »Damals habe ich mich sehr alleine gefühlt«, sagt er.
Ein negativer Asylbescheid als Wendepunkt
Seine erste Anhörung hat Mohaimen im August 2018 – mit einem Ergebnis, das all seine Hoffnungen in sich zusammenfallen lässt: Sein Asylantrag wird abgelehnt. »Damals war das ein Schock, heute bin ich dankbar dafür«, sagt er und ergänzt: »Das war ein Weckruf für mich.« Zu der Zeit lebt Mohaimen nach mehreren Umzügen in Feldkirch. Eine Frau aus der dortigen Nachbarschaft bringt ihn auf die Idee, sich ehrenamtlich zu engagieren. Sie erzählt ihm von der offenen Jugendarbeit. Mohaimens Interesse ist sofort geweckt, und kurz darauf beginnt er, im Graf Hugo mitzuhelfen.
Mohaimen Al-Doori ist angekommen. © Martin Schachenhofer
Eine gute Sache
Das Team, die jungen Leute und die Art, wie er von allen ganz selbstverständlich aufgenommen wird, gefallen ihm auf Anhieb. Am Anfang bringt er den Müll raus und kümmert sich um allerlei solche Dinge. Dabei beobachtet er aufmerksam den Job der Jugendarbeiter:innen. Mohaimen spürt: Das ist eine gute Sache, das will er auch. Nach Rücksprache mit der Bereichsleitung meldet er sich 2020 für den Diplomlehrgang für Jugendarbeit in Schloss Hofen an. Die Sprachbarriere, ein Lockdown nach dem anderen und eine Operation fordern ihn sehr, halten ihn aber nie davon ab, am Unterricht teilzunehmen. Und als eine erneute Anhörung 2021 doch noch zu einem positiven Asylbescheid führt, wird Mohaimen fix in Vollzeit angestellt, noch bevor er 2022 seine Ausbildung abschließt.
Jugendarbeiter mit Leib und Seele
Mohaimen Al-Doori hat Dinge erlebt, die nur schwer vorstellbar sind. Doch er lässt es, wie er sagt, nicht zu, dass das Erlebte ihn schwach macht – im Gegenteil. Er spricht offen darüber. Vor allem dann, wenn er das Gefühl hat, es könnte einem jungen Menschen helfen, eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Wenn eine*r der Jugendlichen durch seine Unterstützung eine Ausbildung beginnt, einen Job findet oder einfach nicht mehr in Schwierigkeiten gerät, macht das den Jugendarbeiter stolz – ganz besonders auf seinen Schützling, und ein kleines bisschen auch auf sich selbst. »Jeder Tag, an dem ich auch nur einem oder einer Jugendlichen helfen kann, ist für mich auch jetzt noch ein guter Tag«, sagt Mohaimen. Sein Job war für ihn lange Zeit der wichtigste Halt. Doch inzwischen hat der Jugendarbeiter mit Leib und Seele auch gelernt, nach Feierabend die Arbeit Arbeit sein zu lassen. Denn zu Hause wartet heute nicht nur seine Frau, sondern seit April 2026 auch sein kleiner Sohn auf ihn – das größte Glück für diesen Mann, der sein Leben in Österreich ganz alleine begonnen hat.
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