Als »MC Pille One« feiert er mit der Band »LinksabbiegA« einige Erfolge. Sein Geld jedoch verdient Philipp Böhler als Grafiker – bis er in der offenen Jugendarbeit seine Leidenschaft für Hip-Hop irgendwie doch noch zum Beruf macht.
Mitte der 1990er-Jahre ist Philipp Böhler fünfzehn und total geflasht von Hip-Hop. DJing, Rappen, Beatboxen und Graffiti … ihm taugt einfach alles daran. »Hip-Hop ist für mich eine Lebensschule«, sagt er. »Heute geht es viel um Geld und Erfolg, aber damals konntest du einfach kreativ sein und es gab eine Community, die sich gegenseitig unterstützt und gefördert hat.« Wahrscheinlich sind es diese Erfahrungen, die ihm heute einen so guten Draht zu Kindern und Jugendlichen ermöglichen. Denn in dieser komplizierten und hochglanzpolierten Welt haben es vor allem junge Menschen oft schwer. Den eigenen Gefühlen auf konstruktive Art Ausdruck zu verleihen, auch mal Fehler machen zu dürfen oder jemanden zu haben, der da ist, wenn man Halt und Orientierung braucht, ist für viele keineswegs selbstverständlich. In der offenen Jugendarbeit hat Philipp eine Möglichkeit gefunden, junge Menschen genau darin zu unterstützen und dabei viel von dem einzubringen, was der Hip-Hop ihn gelehrt hat.
»Hip-Hop ist für mich eine Lebensschule.«
Philipp Böhler
MC PilleOne
Erst Schulabbruch, dann Zeilenumbruch
Während seiner Schulzeit hat Philipp viel mehr Spaß daran, seine Schulhefte mit Graffitis vollzukritzeln, als dem Unterricht zu folgen. Er bleibt zweimal sitzen, wechselt die Schule und den Schultyp, doch nichts ist so richtig seins. Bis heute ist er seinen Eltern dankbar, dass sie ihn immer unterstützt haben. Auch als er sich entscheidet, die Schule ganz abzubrechen und stattdessen eine Ausbildung zum Druckvorstufentechniker zu machen. Damals eine gute Entscheidung; er mag den Job und wird schließlich selbst Lehrlingsausbilder, um seinerseits sein Fachwissen an Jugendliche weitergeben zu können. Erst als einige Zeit später ein großes Vorarlberger Industrieunternehmen jemanden im Marketing sucht, der sich mit Gestaltung und Bildbearbeitung, aber auch mit Druckprozessen und all dem auskennt, wechselt Philipp von der Druckvorstufe in die Grafik. Damit erweitert sich sein Aufgabengebiet und auch seine Eigenverantwortung – und lange Zeit ist Philipp sehr zufrieden.
Parallel zum Job bleibt der Hip-Hop ein fixer Bestandteil von Philipps Leben. Schon während der Lehrzeit nimmt er mit Freunden ein Freestyle-Tape nach dem anderen auf. Später schreibt er als »MC Pille One« alleine Songs und rappt zu seinen eigenen Beats. Als dann eines Tages Eddie um die Ecke kommt, gründen die beiden die Band »LinksabbiegA«. Die nächsten Jahre sind sehr produktiv; die Band spielt Konzerte, tritt auf Festivals im ganzen Land auf und ist im Radio zu hören. Doch der Gedanke, hauptberuflich Musik zu machen, erledigt sich für Philipp schon früh. Ihm ist klar: Wenn er von seiner Musik leben will, muss er mehrere Projekte parallel am Laufen halten. Das heißt jedes Wochenende Auftritte und ständig unterwegs sein – ohne Garantie auf Erfolg. Da will der inzwischen erfahrene Musiker sein Wissen lieber an Junge weitergeben. Also beginnt er, Hip-Hop-Workshops für Kinder zu geben – mit viel Herzblut und mit überwältigender Resonanz. »Die Freude der Kinder ist für mich mehr wert als jede Gage für einen Gig«, sagt er.
Die Luft ist raus
Während rundherum immer etwas los ist, verändert sich beruflich nur wenig. Seit fünfzehn Jahren arbeitet Philipp inzwischen als Grafiker im selben Unternehmen. Der Job ist sicher, gut bezahlt und er hat genug Zeit für seine Musik und die Workshops. Trotzdem nagt etwas an ihm: Routine, Langeweile und hin und wieder auch Rückenschmerzen. Im Grunde spürt er einfach: Es ist Zeit für eine Veränderung. »Ich wollte etwas Soziales machen, etwas, bei dem ich mit Leuten zu tun habe«, erzählt er. Lange tut sich nichts in diese Richtung – bis zum Herbst 2025. Bei einer Skateboard-Ausstellung in der offenen Jugendarbeit in Lustenau ist Philipp vom ersten Moment an total begeistert von der Institution und dem Vibe dort. Da zu arbeiten, das wär’s. Also fragt er ganz spontan, ob es in der »OJaL« nicht einen Job für ihn hat. Ganz ernst gemeint ist die Frage nicht. Das spontane »Ja, klar!«, das er als Antwort bekommt, hingegen sehr wohl.
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Doch schon am nächsten Tag kommen bei Philipp Zweifel auf. Klar, er hat Erfahrung als Trainer bei den Hip-Hop-Workshops und auch als Lehrlingsausbilder. Aber sonst? Er hat keine Ausbildung als Sozialarbeiter, kein Studium, nichts. Wie soll das funktionieren? Doch die Chance ist zu gut, um sie verstreichen zu lassen. Also geht er aufs Ganze und kündigt seinen alten Job. Die Reaktionen von seinem Chef und dem gesamten Team bestätigen seine Entscheidung. Sie alle sehen, was Philipp spürt: Dieser neue Job ist genau das Richtige für ihn.
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Ein Job wie Hip-Hop
Am 1. Dezember 2025 hat Philipp seinen ersten Arbeitstag in der offenen Jugendarbeit. Mit einem Grundkurs holt er sich berufsbegleitend die nötige Qualifikation für seinen Quereinstieg. Neben seiner Arbeit im aktiven Tagesgeschehen ist er auch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Hier schließt sich der Kreis zu dem, was Philipp bisher beruflich gemacht hat. Am meisten Freude aber machen ihm die Aspekte seiner Arbeit, die mit den Jugendlichen zu tun haben: Wenn Gespräche auf Augenhöhe entstehen, wenn es ihm gelingt, Vertrauen aufzubauen und wenn die jungen Menschen die vielfältigen Angebote der offenen Jugendarbeit gerne nutzen. Denn dadurch wird überhaupt erst möglich, was der Sinn der Sache ist: junge Menschen aufzufangen, ihnen dabei zu helfen, ihre Talente zu entdecken, sie zu fördern und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Eben das, was Hip-Hop auch macht, irgendwie.
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