Die AK-Lernhilfe gewährt vor allem ganz individuelle Betreuung. Das erfahren Jugendliche nach den Zeiten des Distancelearnings als Wohltat. © Jürgen Gorbach
Die AK-Lernhilfe gewährt vor allem ganz individuelle Betreuung. Das erfahren Jugendliche nach den Zeiten des Distancelearnings als Wohltat. © Jürgen Gorbach
19. August 2021
Bildung

Lernhilfe in den Sommerferien: Wenn die Basics fehlen

Bildung,Gesellschaft

Bisher haben Kinder und Jugendliche 315 Mal in der AK Vorarlberg diesen Sommer Lernhilfe erfahren. Ihre Betreuer:innen haben viel Bemühen erlebt. Aber Covid-19 hat Spuren hinterlassen.

Oft klaffen in den Basics riesige Löcher. Das rächt sich später. Wenn etwa die nächste Klasse zur unüberwindlichen Hürde wird oder der erste Lohnzettel ohne die Kenntnis der Grundrechnungsarten nur Rätsel aufgibt...

Inhaltsverzeichnis

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Den 13. September haben sich zumindest viele Eltern rot angestrichen im Kalender. An diesem Montag enden auch im äußersten Westen der Republik die großen Ferien. Für rund 57.000 Kinder und Jugendliche beginnt das neue Schuljahr.

Das alte war aufregend genug. Wie wird das neue werden? Im Vorfeld trägt es kaum pädagogische Züge. Als hätte die Covid-19-Pandemie sich einen Spaß gemacht, bleiben die üblichen Themen alle außen vor. Schularbeiten? Neue Mitschüler:innen? Eine neue Fremdsprache? Ja, ja, mag schon sein.

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Aber das kommende Schuljahr scheint schon ein Erfolg zu werden, wenn die ersten Wochen überstanden sind: Mit Testen, Impfen, Frühwarnsystem und Luftfilteranlagen. Ein wenig hört sich das wie Krankenhausalltag an. Aber die Sicherheit hat eben oberste Priorität. Und noch einmal Home-Schooling? Da sei Gott vor! 

Während die einen so versuchen, Schichtbetrieb oder Schulschließungen mit aller Kraft zu verhindern, haben andere in den Ferien sozusagen den Scherbenhaufen des vergangenen Pandemie-Schuljahrs aufgekehrt. Die AK Vorarlberg bietet den ganzen Sommer über gratis Lernhilfe auf Abruf an. Längst kann Sarah Isele nur noch einzelne Termine bei äußerster Dringlichkeit vergeben. „Wir waren rasch ausgebucht.“ 

Anja Bernhart: Ohne elterliche Unterstützung geht es nicht. „Zeig mir ein zwölfjähriges Kind, das freiwillig zwei Stunden lernt statt Fernschauen.“ © Jürgen Gorbach
Anja Bernhart: Ohne elterliche Unterstützung geht es nicht. „Zeig mir ein zwölfjähriges Kind, das freiwillig zwei Stunden lernt statt Fernschauen.“ © Jürgen Gorbach


„Bring, brang, brung“: An Basiswissen abgebaut

Ganz leise vollzieht sich der Schichtwechsel. Bevor Anja Bernhart hinter ihrem neuen Englisch-Schüler die Tür ins Schloss zieht, ruft ihr Lukas Weinguny noch scherzhaft „Bring, brang, bung?“ hinterher. Sie schmunzelt. Ja, in Schüler:innen-Ohren klingt das logischer als das unregelmäßige „brought“. Aber es hilft nix: Vergangenheit, Partizip, da müssen sie durch. 

Anja Bernhart studiert Englisch und Geschichte an der PH Vorarlberg und steht kurz vor dem Abschluss. Lukas Weinguny studiert Mathematik und Chemie und hat in den vergangenen drei Jahren schon an der MS Mittelweiherburg in Hard unterrichtet. Gemeinsam mit dem Innsbrucker Germanistikstudenten Ivo Fessler haben sie in wenigen Wochen 315 Lernhilfen geleistet, bevor die nächste Lehrer:innen-Crew übernahm. 72 Kinder und Jugendliche aus Mittelschulen und Gymnasien nutzten das Angebot. 

Da waren nicht nur Fünfer-Kandidat:innen darunter, sondern auch gute Schüler:innen, die Stoff wiederholen wollten, sagt Anja Bernhart. Allen gemeinsam steckte das vergangene Schuljahr noch in den Knochen. Sie waren in den Home-Schooling-Phasen wacker überfordert, den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen. „Reinstarren, wenn dich jemand zutextet“, beschreibt es Bernhart. Viel hängen geblieben ist da nicht. 

Wäre es manchmal klüger, eine Klasse zu wiederholen? Lukas Weinguny hält das vor allem in der Unterstufe aus Prinzip für „nicht sinnvoll. Du wirst aus sozialen Gefüge rausgerissen und als Wiederholer gebrandmarkt. Das demotiviert.“ © Jürgen Gorbach
Wäre es manchmal klüger, eine Klasse zu wiederholen? Lukas Weinguny hält das vor allem in der Unterstufe aus Prinzip für „nicht sinnvoll. Du wirst aus sozialen Gefüge rausgerissen und als Wiederholer gebrandmarkt. Das demotiviert.“ © Jürgen Gorbach


Viele haben „an Basiswissen extrem abgebaut“, bestätigt Weinguny. Dezimalzahlen richtig untereinanderschreiben, das lernt man in der ersten Klasse Mittelschule. Oder Klapustri – die sogenannten Vorrangregeln beim Rechnen namens „Klammer-Punkt-Strich“ gehören zum Basisrüstzeug. „Wie weggewischt.“ Weinguny fand auch bei deutlich älteren Schüler:innen kaum Spurenelemente mehr vor. Warum? „Der gesamte Jahresstoff wurde in manchen Klassen auf ein Minimum reduziert.“ Das Wiederholen blieb ganz auf der Strecke. „Kommt dann neuer Stoff nach, wird der Alte im Nu abgebaut.“ 

Vor Spätfolgen wird gewarnt

Kopfrechnen? Das geht gar nicht. Nun deuten gewitzte Zeitgenoss:innen auf ihr Smartphone, das ja auch einen Taschenrechner beinhaltet. Also alles halb so schlimm? Das sehen Weinguny und Bernhart anders. „Wenn du nicht verstehst, was da im Hintergrund passiert, nützt dir der schnellste Rechner nichts“, sind sie sich einig. Das zeitigt ganz praktische Folgen: Wer im Lebensmittelladen einkaufen geht, sollte schon abschätzen können, ob sich das alles ausgeht, sonst könnte es an der Kassa eng werden. Genauso sollten Lehrlinge beurteilen können, ob der erste Lohnzettel auch stimmen kann. 

Ivo Fessler: „Vor allem Nicht-Muttersprachler mit schlechten Computern zuhause hatten das Nachsehen.“ © Jürgen Gorbach
Ivo Fessler: „Vor allem Nicht-Muttersprachler mit schlechten Computern zuhause hatten das Nachsehen.“ © Jürgen Gorbach


Ivo Fessler hat ähnliche Defizite an grundsätzlichem Lernstoff im Deutsch-Förderunterricht erlebt. Vor allem Nicht-Muttersprachler:innen mit schlechten Computern zu Hause hatten das Nachsehen. Denn nicht jedes Kind hat einen PC zur Verfügung und oder ein eigenes Zimmer, um sich zum Lernen zurückzuziehen. Aber das beschwört schon wieder Home-Schooling-Szenarien herauf. Und wenn Fessler, Bernhart und Weinguny einen Satz wieder und wieder gehört haben, dann den: „Ich bin froh, dass ich wieder in die Schule gehen darf!“ Ganz analog, wie früher. Hoffentlich bleibt’s dabei.

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