13.10.2026
Arbeit
„Viele fragen sich: Wofür weiterbilden, wenn man sich trotzdem kein Zuhause leisten kann?“
Arbeit,Arbeitskultur,Gesellschaft,Interview,KW9,Mitbestimmung,Vorarlberg,Wissen
Steuern, Arbeitsmarkt, Vereinbarkeit: Als Betriebsrätin bei der Drogeriemarktkette dm steht Nadja Djuric täglich mit den Beschäftigten im Austausch. Als Vorsitzende des AK Ausschusses für Steuer- und Arbeitsmarktpolitik fordert sie mutige Reformen – von leistbarem Wohnraum bis hin zu fairer Besteuerung.
Frau Djuric, als Betriebsrätin kennen Sie die Realität der Arbeitnehmer:innen aus erster Hand. Was sind derzeit die drängendsten Sorgen, mit denen die Menschen zu Ihnen kommen?
Nadja Djuric: Ein ganz zentrales Thema ist die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Öffnungszeiten im Handel passen oft überhaupt nicht mit den Kinderbetreuungszeiten zusammen. Viele Frauen stecken in der Teilzeitfalle, weil sie Betreuungspflichten haben oder Angehörige pflegen. Daraus entsteht rasch die nächste Sorge: die Armut im Alter. Viele merken erst viel zu spät, wie gering ihre Pension durch die jahrelange Teilzeit ausfallen wird. Bei den älteren Kolleg:innen kommt zudem eine wachsende Unsicherheit durch den rapiden technologischen Wandel und ständige Software-Updates hinzu.
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Gerade diese Generation 50+ macht einen großen Teil der Langzeitarbeitslosen aus – und das bei gleichzeitig hohem Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?
Nadja Djuric: Das liegt oft an einem veralteten Denken in den Führungsetagen. Ältere Arbeitnehmer:innen werden fälschlicherweise primär als teuer, öfter krank und weniger leistungsfähig abgestempelt. Dabei wird völlig ignoriert, dass diese Menschen eine ganze »Bibliothek« an Wissen und Erfahrung mitbringen, von der junge Kolleg:innen enorm profitieren könnten. Seit der Abschaffung des erhöhten Kündigungsschutzes für Ältere im Jahr 2017 hat sich ihre Lage am Markt weiter verschlechtert. Wir müssen den Fokus dringend weg vom reinen Lebensalter und hin zur tatsächlichen Berufserfahrung rücken. Ältere lösen viele Aufgaben durch ihre Routine schlicht schneller und besonnener.
Am anderen Ende stehen Jugendliche, die nach der Schule den Einstieg ins Berufsleben nicht schaffen oder in prekären Jobs landen. Woran liegt das?
Nadja Djuric: Medial wird oft die veränderte Arbeitseinstellung der jungen Generation betont – der Unmut über die klassische 40-Stunden-Woche, befeuert durch Social Media. Das gibt es, es ist aber aus meiner Sicht nicht der Hauptgrund. Viel entscheidender sind Bildungsdefizite und soziale Herkunft. Kinder aus bildungsferneren Familien erhalten meist weniger Unterstützung, und in den Schulen fehlt es an Personal, um in zu großen Klassen individuell auf Stärken einzugehen. So bleibt es oft beim bloßen Pflichtschulabschluss – und genau das erschwert den Berufseinstieg.
Die Bundesregierung hat die Bildungskarenz durch die Weiterbildungszeit und -teilzeit ersetzt. Hilft das Menschen mit geringen formalen Abschlüssen?
Nadja Djuric: Ich bin sehr skeptisch, ob das ausreicht. Wer sich weiterbildet, muss meist auf einen Teil des Einkommens verzichten. Bei den extrem hohen Lebenshaltungskosten in Vorarlberg können sich das viele Menschen schlicht nicht leisten. Und natürlich fragen sich auch viele, wofür sie sich weiterbilden sollten, wenn sie aufgrund der extremen Kosten ohnehin keine Wohnung kaufen oder kein Haus bauen können. Wir brauchen echte Anreize, damit Menschen nicht beim Pflichtschulabschluss stehen bleiben.
Apropos Wandel: Algorithmen und Künstliche Intelligenz halten Einzug in die Arbeitswelt. Ist KI für die Beschäftigten eine Chance oder eine Bedrohung?
Nadja Djuric: KI kann das Arbeitsleben erleichtern, etwa beim Formulieren von Texten. Gleichzeitig löst sie große Existenzängste aus. Viele Sorgen drehen sich darum, dass Maschinen den Menschen komplett ersetzen. Wenn wir unser Denken vollends an die Technik abgeben, verlernen wir wichtige Kompetenzen. Ein Blick in die USA zeigt bereits, dass KI echte Jobs kostet – allen voran in der Verwaltung und bei einfachen Bürotätigkeiten. Langfristig wird die Automatisierung fast alle Branchen verändern, auch vermeintlich sichere wie das Handwerk oder die Medizin.
Wenn Software bei Dienstplänen, Leistungsanalysen oder Bewerbungen entscheidet: Wo verläuft die rote Linie?
Nadja Djuric: Die rote Linie ist überschritten, wenn Algorithmen autonom darüber entscheiden, wer eingestellt oder entlassen wird. KI-Systeme sind nicht neutral. Sie werden meist von einer sehr homogenen Gruppe – oft jungen, weißen Männern – programmiert und mit Daten der Vergangenheit gefüttert. Dadurch spiegeln sie bestehende Vorurteile wider: Eine KI könnte eine Bewerberin aussortieren, weil sie durch Kinderbetreuung Fehlzeiten aufweist – selbst wenn sie fachlich die Bestqualifizierte wäre. Das führt zu diskriminierenden Entscheidungen und raubt Unternehmen wertvolles Potenzial.
Neben dem technologischen Druck belastet die Teuerung die Menschen. Während Vorarlberger:innen unter Wohn- und Lebenskosten ächzen, besitzen die reichsten fünf Prozent 55 Prozent des Privatvermögens (so die Daten der Europäischen Zentralbank). Im Eurozonen-Vergleich liegt Österreich auf Platz 1 der Ungleichverteilung: Der reichste Mensch in Österreich besitzt (laut der »trend«-Reichenliste) 126.000-mal so viel wie der Durchschnitt. Wie schaffen wir hier wieder Gerechtigkeit?
Nadja Djuric: Gerechtigkeit entsteht dann, wenn extrem hohe Vermögen angemessen besteuert werden, anstatt Schlupflöcher über Auslandsgesellschaften oder GmbH-Konstrukte zu dulden. Ein riesiger Treiber der Ungerechtigkeit ist der Wohnungsmarkt. Weil es zu wenig gemeinnützigen Wohnbau gibt, explodieren die Preise. Wohlhabende Investor:innen kaufen Wohnungen als Spekulationsobjekte, die dann das ganze Jahr leer stehen. Während sich Konzerne die besten Grundstücke zuspielen, bleibt für Normalverdiener:innen leistbarer Wohnraum auf der Strecke. Hier muss die Politik endlich Kante zeigen.
»Gerechtigkeit entsteht dann, wenn extrem hohe Vermögen angemessen besteuert werden, anstatt Schlupflöcher über Auslandsgesellschaften oder GmbH-Konstrukte zu dulden.«
Nadja Djuric
AK Kammerrätin und dm Betriebsrätin
Vier von fünf Milliardär:innen in Österreich haben ihr Vermögen nicht erarbeitet, sondern geerbt (hat Datapulse errechnet). Braucht es wieder eine Erbschaftssteuer?
Nadja Djuric: Absolut. Eine Erbschaftssteuer wird in der Debatte oft bewusst falsch dargestellt – so als würde man »Häuslebauer:innen« oder Durchschnittsverdiener:innen etwas wegnehmen. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um Multimillionär:innen und Milliardär:innen. Dass es hier keine fairen Abgaben gibt, liegt einzig am fehlenden politischen Willen und am Einfluss starker Lobbys.
Wenn Sie der Vorarlberger Landespolitik und den Arbeitgeberverbänden drei Hausaufgaben ins Heft schreiben dürften: Welche wären das?
Nadja Djuric: Erstens: der Schaffung von leistbarem Wohnraum oberste Priorität einräumen. Die aktuellen Miet- und Grundstückspreise sprengen jedes normale Budget. Zweitens: die Kinderbetreuung flächendeckend und kostenlos ausbauen, um echte Wahlfreiheit und Vereinbarkeit zu garantieren. Und drittens: die Reallöhne in Vorarlberg kritisch hinterfragen. Wegen der enormen Lebenshaltungskosten im Land geraten immer mehr Menschen trotz Vollzeitarbeit in finanzielle Bedrängnis. Das dürfen wir als Gesellschaft nicht hinnehmen.
Ein Satz zum Schluss: Sie sind Betriebsrätin und Ausschussvorsitzende in der AK Vollversammlung. Was treibt Sie persönlich an?
Nadja Djuric: Mich treibt der tief verwurzelte Wunsch nach Gerechtigkeit an. Ich sehe täglich im Betrieb, wie hart die Kolleg:innen arbeiten und vor welchen Hürden sie im Alltag stehen. Zu wissen, dass man durch die Arbeit in der Arbeiterkammer und als Betriebsrätin konkrete Verbesserungen für die Menschen erreichen, Schwächere stärken und ihnen eine lautstarke Stimme geben kann – das ist mein größter Ansporn.
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