Bertram Jäger: Die Menschen waren sein Maßstab
Bertram Jäger wurde am 22. Oktober 1929 als zweites von acht Kindern eines Bürser Schneidermeisters geboren. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, und es war keine Selbstverständlichkeit, dass er das Gymnasium besuchen durfte. Ursprünglich wollte er Priester werden und ging deshalb ins Bischöfliche Gymnasium Paulinum in Schwaz. Doch er brach ab, arbeitete als Hilfsarbeiter und holte die Matura am Kaufmännischen Kolleg der Handelsakademie in Bregenz nach. 1950 begann er bei der Firma Getzner Textil in Bludenz zu arbeiten. Der HAK-Maturantenkurs brachte ihm die Qualifikation zum Angestellten.
Jägers Politik, so sagten es später Festredner, richtete sich von Anfang an nach den Bedürfnissen der Menschen. Seine Herkunft prägte ihn ebenso wie die Katholische Sozialakademie in Wien, die er 1960 und 1961 besuchte. Von da an bestimmten die Katholische Arbeitnehmerbewegung und sein Einsatz für soziale Fragen sein Leben.
Große Familie
1958 heiratete er Leni Ender, mit der er vier Töchter und zwei Söhne bekam. Gemeinsam wurden sie Großeltern von 13 Enkelkindern.
Jägers politisches Engagement begann 1956 in der Gemeindevertretung von Bürs, von 1960 bis 1970 gehörte er der Bludenzer Stadtvertretung an. Ab 1956 engagierte er sich im Angestelltenbetriebsrat der Firma Getzner Textil AG, ab 1960 als dessen Obmann.
Dann ging es Schlag auf Schlag: 1964 zog Jäger in den Vorarlberger Landtag ein. Im selben Jahr wählten ihn Vorarlbergs Beschäftigte als Vertreter des ÖAAB in den Kammerrat der Vorarlberger Arbeiterkammer. Schlagzeilen machte Bertram Jäger, als er 1969 als erster „Schwarzer“ zum Präsidenten der Vorarlberger Arbeiterkammer – einer bis dahin unangefochten „roten“ Domäne – gewählt wurde. Bei den folgenden Wahlen baute er seinen Erfolg zur absoluten Mehrheit aus.
Meilensteine in der AK
Nach seinem Amtsantritt öffnete Jäger die Arbeiterkammer für alle Mitglieder. Bis dahin erhielten nur Gewerkschaftsmitglieder rechtliche Unterstützung. Erst 1992 schrieb eine Gesetzesnovelle diese Praxis allen Arbeiterkammern vor. Als AK-Präsident trieb Jäger auch die Gründung einer Fachhochschule in Vorarlberg voran. Dabei halfen ihm seine engen Kontakte zur deutschen Steinbeis-Stiftung.
Unter seiner Führung baute die AK Vorarlberg das Gastarbeiterreferat aus und gründete das Frauenreferat. Jäger stand dem damaligen Vizekanzler Alois Mock nahe und gehörte zu dessen wichtigsten sozialpolitischen Beratern. Immer wieder wurde er als möglicher Sozialminister gehandelt.
1987 erreichte Jäger den Höhepunkt seiner landespolitischen Karriere: Er wurde Landtagspräsident, ein Amt, das er bis 1994 innehatte. Auf Bundesebene war er stellvertretender Bundesobmann des ÖAAB, Vizepräsident des Österreichischen Arbeiterkammertages und Stellvertreter des ÖVP-Bundesobmanns. Der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“ diente er lange Jahre als Herausgeber.
Sozial engagiert
Beispiellos waren sein caritatives Engagement für die Straßenkinder von Pater Georg Sporschill, für Projekte in Ecuador, Burkina Faso, Tansania und Äthiopien. Bis 2011 stand Jäger dem Verein „Special Olympics Vorarlberg“ vor. Die Begegnung mit den behinderten Menschen empfand er als „etwas Wunderbares“.
Für seine Verdienste wurde Bertram Jäger mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit dem Stern der Republik Österreich, dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Vorarlberg, dem Ehrenring des ÖAAB und dem Leopold-Kunschak-Jubiläumspreis ausgezeichnet.
Bis zuletzt informiert
Als ehemaliger Tormann der „Rätia Bludenz“ hätte er mit der aktuellen Weltmeisterschaft und dem Zustand des Weltfußballverbands wohl wenig Freude gehabt. Doch Jammern lag ihm fern. Sport blieb bis ins hohe Alter Teil seines Lebens. Gleichzeitig beschäftigte er sich mit den Veränderungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung – oft mit sorgenvollen Gedanken an seine Enkel und Urenkel.
Der AK Vorarlberg blieb er bis zuletzt verbunden. Bei einem seiner letzten Besuche tauchte er in der Öffentlichkeitsarbeit im fünften Stock auf, setzte sich lässig auf einen Bürostuhl, zog seine Sonnenbrille auf und ließ den Blick schweifen. Schließlich fragte er augenzwinkernd: „So, und bei dem Augenblick künnend Ihr no schaffa?“ Dann lachte er herzlich und klopfte den Kolleg:innen freundschaftlich auf die Schulter.
Einer vom alten Schlag? Ja, ohne Zweifel. Menschen wie Bertram Jäger gibt es kaum noch. Er wird fehlen.