13.10.2026
Bildung
Im Turbomodus in die Erschöpfung
Arbeit,Arbeitskultur,Digitalisierung,Gesundheit,KW9,Künstliche Intelligenz
Effizienter, einfacher, angenehmer soll Künstliche Intelligenz die Arbeit machen. Die Realität nach vier Jahren: KI macht vieles schneller – aber nicht alles leichter.
Künstliche Intelligenz würde die Arbeit effizienter machen, einfacher würde es werden und schließlich sogar die Arbeit angenehmer. Als die KI scheinbar aus dem Nichts auf der Bildfläche erschien und in Rekordzeit ins Bewusstsein von Millionen drang, stieß dieses Versprechen bei vielen auf offene Ohren. Doch auch Angst verbreitete sich: Was wird am Ende von der Arbeitswelt, wie wir sie kennen, noch bleiben?
Immer up to date mit dem AK Wissensvorsprung
Melde dich jetzt für den kostenlosen AK Wissensvorsprung an und sichere dir damit wertvolle Informationen.
In welchem Tempo sich die Technologie verbreiten würde, das hat wohl auch die Macher:innen des Sprachmodells überrascht, das am 30. November 2022 als »ChatGPT« veröffentlicht wurde und die KI-Lawine lostrat. Hätte OpenAI diese Entwicklung vorausgesehen, hätte das Unternehmen dem Kind wohl einen anderen Namen gegeben. Rund um die Künstliche Intelligenz entwickelte sich eine Hoffnung. Routineaufgaben, die ermüden, wird die Künstliche Intelligenz übernehmen, damit Beschäftigte mehr Zeit für anderes haben; ein Produktivitäts- und Entlastungshebel wird sie sein. Ihr Einsatz in den Unternehmen verbreitete sich rasant. Vor allem in die Techbranche, dicht gefolgt von Marketing und Verkauf, zog KI ein.
Knapp vier Jahre nach dem ersten Release von ChatGPT zeigt sich einmal mehr: Es kommt anders, als man denkt. Eine Studie von Aruna Ranganathan und Xingqi Maggie Ye, die im Februar 2026 in der »Harvard Business Review« veröffentlicht wurde, zeichnet ein eher entzauberndes Bild. Statt Entlastung stellten die Forscherinnen in einem US-amerikanischen Technologieunternehmen mit rund 200 Beschäftigten eine Arbeitsintensivierung fest, und die hat es in sich. Die Erkenntnis: Seit die Mitarbeiter:innen KI nutzen, arbeiten sie schneller, übernehmen eine größere Bandbreite an Aufgaben und verlängern sogar ihre Arbeitszeit – von selbst, ohne darum gefragt worden zu sein. Der Dialog mit der Maschine, die scheinbar alles weiß und kann, ist wie ein Turbo fürs Gehirn. Eine Wirkung, die berauscht. Das Problem dabei: Die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit löst sich endgültig auf.
Und der Produktivitätsboost?
Der Einsatz von KI steigert zunächst die Produktivität, doch dieser Zuwachs hat einen Preis: Mitarbeiter:innen machen mehr Fehler, sie leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, einem mentalen Nebel und einer Entscheidungsschwäche, stellten Ranganathan und Ye fest. Der größte Stressfaktor: Weil Künstliche Intelligenz immer fehlerhaft ist und man nie weiß, in welchem Ausmaß, steigt der Druck auf die Mitarbeiter:innen. Die Ergebnisse müssen ständig kontrolliert und korrigiert werden, denn die Verantwortung tragen am Ende immer die Menschen.
Lust auf mehr spannende Geschichten?
Bestellen Sie sich das KW9 einfach nach Hause – viermal jährlich automatisch, kostenlos und portofrei.
Dr. Sabrina Schneider ist Professorin an der Fachhochschule Vorarlberg. In ihrer Arbeit lässt sie kleinere Aufgaben bereits von Künstlicher Intelligenz erledigen. Bei anspruchsvolleren Aufgaben lässt sie sich höchstens Vorschläge oder Anregungen von der KI geben. © Schneider
KI ohne K. o. - Wie schaffen wir das, Frau Dr. Schneider?
Dr. Sabrina Schneider ist Professorin an der Fachhochschule Vorarlberg. In ihrer Arbeit lässt sie kleinere Aufgaben bereits von Künstlicher Intelligenz erledigen. Bei anspruchsvolleren Aufgaben lässt sie sich höchstens Vorschläge oder Anregungen von der KI geben.
Woran erkennt man im Arbeitsalltag, dass einem der Einsatz von KI mehr Arbeit macht, als guttut?
Dr. Schneider: Direkte Nachteile bemerken wir meist schnell: Wenn KI mehr Aufwand verursacht, ohne bessere Ergebnisse zu liefern, nutzen wir sie für diese Aufgabe nicht lange. Schwieriger sind indirekte Folgen, etwa weniger Austausch mit Kolleg:innen, wenn KI viele Fragen beantwortet. Viele dieser Effekte erforschen wir erst – um sie zukünftig bei der Gestaltung von Arbeit mitdenken zu können.
Wie entscheidet man, wann man der KI eine Aufgabe überlässt und wann nicht?
Dr. Schneider: Entscheidend sind drei Fragen: Wie zuverlässig liefert die KI gute Ergebnisse? Wie weitreichend sind die Folgen möglicher Fehler? Und stärkt mich die Nutzung langfristig oder macht sie mich abhängig? KI sollte unser Denken ergänzen, nicht ersetzen. Sie ist dann besonders wertvoll, wenn sie hilft, Kompetenzen zu erweitern und bessere Entscheidungen zu treffen.
Was können Arbeitnehmer:innen und Unternehmen konkret tun, damit KI sinnvoll genutzt wird?
Dr. Schneider: Erstens: KI selbst ausprobieren, um ihre Stärken und Grenzen kennenzulernen. Zweitens: neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Menschen und KI entwickeln, statt nur über Ersatz nachzudenken. Drittens: Veränderungsfähigkeit fördern, denn KI ist keine einmalige Technologieeinführung, sondern ein fortlaufender Wandel.
DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN
27.1.2025
Bildung
KI, Emotionen und Daten: Prof. Moore im Interview
Im Interview warnt Professorin Phoebe V. Moore vor der Verwechslung von künstlicher mit menschlicher Intelligenz und betont die Risiken der übermäßigen Datensammlung am Arbeitsplatz. Sie plädiert für mehr Skepsis gegenüber KI und fordert, den Menschen statt der Technologie in den Mittelpunkt zu stellen.
6.3.2026
Bildung
Wie die KI Frauen unsichtbar macht
KI-Forscherin Eugenia Stamboliev erklärt, warum künstliche Intelligenz kein neutrales Werkzeug ist – und wie Algorithmen Frauen systematisch abwerten, unsichtbar machen oder auf Stereotype reduzieren. Ein Interview über Macht, Deepfakes und die Zukunft der Demokratie.
13.10.2026
Arbeit
„Wollen dem Vertrauen in uns gerecht werden“
Was ist Arbeit in Vorarlberg wert? Und was braucht es in Zukunft, damit gute Arbeit für alle möglich ist? Ein Gespräch mit dem neuen AK Direktor Manuel Ganahl und AK Präsident Bernhard Heinzle.