16.3.2017
Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen

Früher Bildungsabbruch: Hohe Kosten – vergeudete Potenziale

AK-Studie: Der Schlüssel zur Vermeidung von Schulabbrüchen liegt in tief greifenden Bildungsreformen.

Die Pflichtschule als höchste abgeschlossene Bildungsstufe bedeutet wesentlich geringeres Einkommen, weniger Steuerabgaben und Beiträge in die Sozialversicherung sowie eine reduzierte Kaufkraft. Dazu kommt das höhere Risiko der Arbeitslosigkeit. Eine Studie des Instituts für Höhere Studien Wien (IHS) im Auftrag der AK Vorarlberg zeigt die Dramatik von Bildungsarmut in neuen Dimensionen. 


„Wenn 6.000 Jugendliche in Vorarlberg in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung abgeschlossen haben, ist das nicht nur ein Armutszeugnis für die Bildungspolitik, sondern auch verschwendetes Potenzial für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg“, ärgert sich AK-Direktor Rainer Keckeis über die wenig erfreulichen Ergebnisse der IHS-Studie „Arbeitsmarkt- und bildungsferne Jugendliche in Vorarlberg“. Mit einem Anteil von 12,6 % an der besagten Altersgruppe liegt Vorarlberg über dem österreichischen Durchschnitt bei Jugendlichen ohne Bildungsabschluss.

Hinsichtlich der Arbeitsmarktkarrieren von PflichtschulabsolventInnen zeigen die IHS-Ergebnisse, dass rund 10 % aller PflichtschulabsolventInnen dauerhaft nicht oder prekär in den Arbeitsmarkt integriert sind. Studienautor Mag. Hermann Kuschej erläutert, dass dabei Frauen mit 57 % deutlich und darüber hinaus auch Personen mit Migrationshintergrund überrepräsentiert sind, wie folgende Abbildung verdeutlicht:  

Merkmale nichtintegrierter Jugendlicher in Vorarlberg (Altersjahrgang 1991/92)

Bildungsarmut Vorarlberg © Grafik: AK Quelle: IHS


Quelle: STATcube – Statistische Datenbank von STATISTIK AUSTRIA; IHS-Berechnungen.

Kuschej bestätigt, dass die Kluft von niedrig- und höherqualifizierten Arbeitsplätzen weiter aufgeht und mit ihr die in Vorarlberg ohnehin schon ausgeprägte geschlechtsspezifische Segregation noch größere Probleme verursacht. „Frauen sind sehr viel stärker im weniger attraktiven Dienstleistungsbereich und Männer mehr in der attraktiveren Sachgüterproduktion beschäftigt“, so Kuschej. Er erwartet aber auch, dass sich der Anteil an Arbeitsplätzen im Bereich der Sachgüterproduktion durch den anhaltenden Trend zur Leiharbeit weiter verringern wird.  

„Unsere Untersuchung zeigt, dass die Arbeitskräfteüberlassung durch häufigere AMS-Episoden und ein unterdurchschnittliches Lohnniveau gekennzeichnet ist“, so Kuschej. Er betont diesbezüglich auch, dass diese Entwicklung zu einer Reduktion langfristig gesicherter und qualifizierter Arbeitsplätze führt und ein wachsendes Segment den Beschäftigten keine kontinuierlichen Erwerbskarrieren bietet, mit allen Konsequenzen für die soziale (Alters-)Sicherung. „Für Firmen natürlich eine günstige und risikoarme Strategie Arbeitsspitzen abzufangen und nicht auf Stammpersonal zu setzen“, zeigt sich Keckeis von den Erkenntnissen des IHS wenig überrascht. 

Regionalspezifische Aspekte 

Das IHS hat für diese Untersuchung auch regionalspezifische Analysen nach Anteilen an allen Beschäftigten in Vorarlberg und der Verfügbarkeit über- bzw. unterdurchschnittlich hoch entlohnter Arbeitsplätze durchgeführt. „Das Rheintal und der Walgau weisen mehr Bereiche mit überdurchschnittlichem Lohnniveau auf und geringere Werte in schlechter bezahlten Bereichen“, erläutert Hermann Kuschej die heterogene Situation der regionalen Wirtschaftsstandorte. Den Gegenpol dazu bilden das Kleinwalsertal und die Region Arlberg/Klostertal mit hohen Anteilen schlechter bezahlter Bereiche und geringen Indexwerten bei höher bezahlten Arbeitsplätzen.
„Vorarlberg steht angesichts dieser regional konzentrierten Angebotsstruktur vor arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen, die sich mittelfristig weiter verstärken dürften und insbesondere auch jugendliche Risikogruppen betreffen. Darauf hat das schulische, betriebliche und außerschulische Aus- und Weiterbildungssystem dringend zu reagieren“, appelliert Studienautor Kuschej. Insbesondere sind ihm zufolge auch alle Regionen, die sich nicht auf das Rheintal und den Walgau konzentrieren, in strategische Überlegungen miteinzubeziehen.

Finanzielle Dimensionen 

Im Rahmen dieser Studie wurden erstmals auch jene Kosten berechnet, die sich durch den frühen Bildungsabbruch für die Betroffenen, aber auch für Staat und Gesellschaft ergeben. Demnach verdienen Personen ohne Berufsausbildung durchschnittlich 648 Euro pro Monat weniger als Absolventen einer Lehrausbildung, im Jahr beträgt die Differenz der Nettoerlöse 9.072 Euro.  

Neben den geringeren Einkommen bedeutet das durch fehlende Formalqualifikation bedingte Lohndefizit natürlich auch ein geringeres Aufkommen an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, abgesehen von der reduzierten Kaufkraft der Betroffenen. Das vom IHS berechnete Verhältnis der durchschnittlichen Gesamtabgaben beträgt 64 zu 100 zugunsten ausgebildeter Personen.  

„Bildungsarmut ist ein Teufelskreis, der erst in seiner finanziellen Dimension ernsthaft sichtbar wird“, betont Rainer Keckeis und ergänzt, dass diese erstmalige finanzielle Bewertung von sogenannter „Hilfsarbeit“ überhaupt zeigt, warum es geht. Nicht nur, dass Geringqualifizierte weniger Einkommen lukrieren, auch die Folge von entgangenen Abgaben und Beiträgen müsste zu denken geben. „Berücksichtigt man die Entwicklung der Lebenshaltungskosten, insbesondere der Wohnungskosten, liegt es auf der Hand, dass es für Niedrigqualifizierte immer schwerer wird, über die Runden zu kommen“, so Keckeis. 

Auch wenn diese ökonomische Betrachtung der Arbeit von Niedrigqualifizierten rein spekulativ anmuten mag, stellt sich trotzdem die Frage, wie viele Menschen ohne berufliche Ausbildung tatsächlich niedrigqualifizierte Tätigkeiten ausüben. „Wir haben bereits bei unserer letzten Studie zu diesem Thema vor drei Jahren viele Unternehmer vor den Vorhang geholt, die klar gesagt haben, dass es die klassische Hilfsarbeit nicht mehr gibt und auch sogenannte niedrige Tätigkeiten besondere Qualifikationen erfordern“, sagt Direktor Keckeis und erinnert an den regelmäßigen Ruf der Wirtschaft nach „Hilfskräften“. „Diese oft saisonale Nachfrage betrifft in der Regel niedriger qualifizierte und geringer entlohnte Arbeitskräfte“, bestätigt auch Kuschej diese aus ökonomischer Sicht nachvollziehbare Reaktion des Arbeitsmarktes.  

„Es wird immer Tätigkeiten geben, die vorzugsweise an Niedrigqualifizierte delegiert werden. Es ist aber oft nicht die Nachfrage nach Niedrigqualifizierten oder Unqualifizierten, sondern die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, die Aufgaben erfüllen sollen, die als unqualifiziert eingestuft werden“, ist AK-Direktor Keckeis überzeugt, dass „niedrigqualifizierte“ Arbeit und die dafür benötigten Mitarbeiter ein Stück weit auch System hat.  

Lösungsansätze 

Das IHS bietet in der Studie auch Lösungsansätze. Ziel arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen muss es für diese jugendlichen Gruppen daher sein, den Ausbildungsfluss nach dem Pflichtschulabschluss nicht abreißen zu lassen. Bei der ab Juli 2017 geltenden Ausbildungspflicht für Jugendliche gilt es dabei sozialpolitisch ins Kalkül zu ziehen, dass von der Ausbildungspflicht hauptsächlich jene Jugendlichen profitieren sollen, deren sozial-familiärer Hintergrund einen erfolgreichen bzw. zukunftsfähigen Abschluss der Pflichtschule nicht zugelassen hat. „Dieser Einfluss haftet dem österreichischen Schulsystem nach wie vor an. Wäre dem nicht so, hätten sich ja schulischer Erfolg oder Misserfolg auch bisher schon unabhängiger vom Elternhaus gestaltet“, sagt Kuschej und betont, dass es die Schule offensichtlich nicht schafft, ausreichend Chancengerechtigkeit herzustellen. 

„Mit der Ausbildungspflicht lösen wir – wenn überhaupt – nur einen kleinen Teil des Qualifizierungsproblems. Angesetzt werden müsste bereits im Pflichtschulbereich. Der Übergang Schule/Beruf ist der entscheidende Angelpunkt, den es zu bearbeiten gibt. Und hier darf niemand ausgenommen werden. Nicht die Pädagogen, nicht die Eltern, nicht die Jugendlichen und schon gar nicht die Politik“, positioniert sich Rainer Keckeis ganz klar für die frühe Intervention gegen den Bildungsabbruch. „Wir können nicht ewig Reparaturdienste dafür anbieten, dass offensichtlich – und das bestätigen auch die Studienautoren – das Schulsystem unsere Jugendlichen nicht ausreichend mit den notwendigen Qualifikationen auszustatten vermag“, fordert Keckeis endlich die Umsetzung tief greifender Maßnahmen im Bildungsbereich und speziell für den Übergang Schule und Beruf. 

„Wenn wir wissen, dass vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund die größten Probleme für einen Bildungsanschluss und Bildungsabschluss haben, müssen wir genau hier die entsprechenden Maßnahmen setzen“, unterstützt Hermann Kuschej die Forderungen des AK-Direktors.

„Es geht nicht nur um die Leistbarkeit unseres Sozialsystems, das sich Millionen an Beiträgen entgehen lässt, es geht auch um die Verhinderung von Altersarmut. Und die betrifft insbesondere Frauen, die sehr oft „niedrigqualifizierte“ Tätigkeiten ausüben. Das ist nicht nur eine moralische Verantwortung, die wir zu übernehmen haben, hier geht es in erster Linie um Gerechtigkeit, die jeder Mensch erfahren muss“, so Keckeis.

„Ohne tiefgreifende Reformen im Pflichtschulbereich werden wir noch viele Jahre keine spürbaren Verbesserungen erleben. Die Ausbildungspflicht wird nicht per Gesetz oder Bestrafungen ausgerechnet jene Zielgruppen erreichen, die jetzt schon schwer für Qualifizierung erreichbar sind. Die Studie zeigt klar, dass Bildung nicht nur vererbt wird, sondern die fehlende Bildungsmobilität in erster Linie soziodemografisch bedingt ist.“  

Studienfazit

Die Nachhaltigkeit von Maßnahmen im Rahmen arbeitsmarktpolitischer Risikoprävention nimmt mit Fortschreiten schulischer bzw. beruflicher Karrieren radikal ab! Spätere teure Interventionen können durch verbesserte schulische Basisausbildung vermieden werden. Investitionen in den Elementarbereich und das System schulischer Ausbildung werden durch höhere individuelle Bildungserträge mehr als kompensiert. 

Vorschläge und Forderungen von (Präventions-)Maßnahmen im Sinne jugendlicher Risikogruppen und der Prosperität Vorarlbergs insgesamt: 

Vermeidung von Bildungsabbruch im Elementarbereich und der Schule 

  • Förderung der Sprachkompetenz bei Migrationshintergrund. Intensivierung der vorschulischen Sprachförderung.
  • Zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder, die es benötigen.
  • Höhere Chancengerechtigkeit bei nachteiligen Bildungshintergründen der Eltern durch Ausbau verschränkter Ganztagesschulen
  • Identifizierung von Risikobezirken und Risikoregionen anhand regionaler Arbeitsmarkt- und Sozialindices (Chancen-Index)
  • Bedarfsorientierte Ressourcenzuweisung für Sicherstellung von Basiskompetenzen und Berufsorientierung. Monitoring von Schulstandorten mit hohem Anteil an Schulabbrechern.

Kompensatorische Maßnahmen nach der Schule

  • Ausbildungspflicht bis 18: Begleitete Integration in Lehrausbildungen.
  • Kooperation arbeitsmarktrelevanter Akteure: Lehrlinge (Eltern), AMS, Sozialarbeit, Betriebe. Entwicklung individueller Frühwarnsysteme unter Einbeziehung der Eltern.
  • Auch Sensibilisierung der Problemgruppe hinsichtlich der Folgen fehlenden Formalqualifikationen und der Folgen für den finanziellen Erwerbsverlauf.
  • Den Wert von Weiterbildung in Maßnahmen der Basisbildung, von Sprachkompetenz oder des Nachholens von Pflichtschulabschlüssen noch stärker transportieren.
  • Besonderes Augenmerk auf weibliche Jugendliche mit Migrationshintergrund legen!

Arbeitsmarktfördernde Maßnahmen (betriebliche Ebene)

  • Anreize für Betriebe (Beschäftigungsförderung), Jugendliche ohne Lehrabschlüsse höher zu qualifizieren: Höheres Qualifikationsniveau steigert Produktivität, damit steigen Löhne, Wohlstandsniveau und Attraktivität der Region (Betriebsansiedlungen, verbesserte Dienstleistungsangebote durch höhere Kaufkraft, Abschmelzen gering qualifizierter und schlecht bezahlter Arbeitskräfte)
  • Eindämmung des Trends, Fixanstellungen durch Leiharbeit zu ersetzen (starker Trend im Produktionssektor!), Gefahr der Dequalifizierung und Senkung allgemeinen Lohnniveaus: Keine Vermittlung von Personen ohne Berufsabschluss (berufsbegleitende Förderungen).
  • Förderung kollektivvertraglich bedingten Lohndifferenzen, die aus der Höherqualifizierung von Unqualifizierten resultieren.
  • Entlegenere Talschaften in Gesamtstrategien integrieren/berücksichtigen: Durch Qualifizierungsverbünde und Sicherstellung eines bedarfsorientierten Kinderbetreuungsangebotes (VIF)
  • Die individuelle Rentabilität von Höherqualifizierung sichtbarer machen: Höheres Qualifikationsniveau steigert individuelle Bildungsrendite und damit Mobilitätsbereitschaft.

      Facebook-Funktion aktivieren

      Drucken
      Zu Merkzettel hinzufügen
      TeilenZu Merkzettel hinzufügen
      Zum Seitenanfang
      Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
      Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen dazu sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen.
      OK