4.11.2016

Mit Reiselust gegen den Europa-Frust

Könnte die EU den 18-Jährigen die europäische Idee schmackhaft machen, indem sie ihnen Interrail-Tickets zum Geburtstag schenkt? Diese Projektidee wird diskutiert.

ERFAHRUNG. Das waren noch Zeiten! Sind Sie auch eines Tages mit Rucksack und Schlafsack losgezogen? Mit der Bahn quer durch Europa? Den Mief der Abteile in der Nase und den Kopf voller Bilder? Am Strand von Cannes übernachtet und von den Straßenreinigern dann unsanft entfernt worden? In Wartehallen übernachtet – dem schmalen Reisebudget zuliebe? Interrail war nicht bequem, aber man pfiff auf Bequemlichkeit. Interrail war das Tor zur Welt. Und jetzt denkt die EU darüber nach, es wieder aufzustoßen.

Mit Reiselust gegen Europa-Frust © Fotos: AK, Fotolia, Grafik: KEYSTONE, Quelle: Interrail
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Geschenk zum Geburtstag

Der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion, Manfred Weber (CSU), hat im September vorgeschlagen, jedem EU-Bürger zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zum Zugfahren in Europa zu schenken. Dahinter steckt politisches Kalkül, denn die Jugend Europas gilt als Problemfall. Sie ist entweder frustriert und perspektivlos oder zu bequem und mit sich selbst beschäftigt, um etwa den Brexit zu verhindern. Die EU scheint kein Ziel zu sein, für das zu streiten sich lohnt.

Bis jetzt reagierten die Regierungen mit Programmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, die oft nur schleppend langsam greifen. An Ideen, Europa wieder attraktiv zu machen, mangelt es. Daher das Interrail-Geschenk – es macht Europa erfahrbar.

Wer soll das bezahlen?

Die Idee stieß nicht nur auf Begeisterung, unklar ist vor allem die Finanzierung. So lehnen mehrere EU-Abgeordnete eine Finanzierung des Interrail-Passes aus den Töpfen des EU-Bildungsprogrammes „Erasmus plus“ ab. Die EU-Kommissarin Violeta Bulc bekräftigte, grundsätzlich gefalle ihr die Idee. Sie wolle nun aber Kosten, Finanzierungsmöglichkeiten und Verwaltungsaufwand prüfen. Möglicherweise könne ein solches Ticket neben der Bahn auch für andere Verkehrsmittel gelten.

Auch Österreichs Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) begrüßte den Vorschlag. „Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, unser gemeinsames Europa zu erleben, ist eine grandiose Idee. Mit diesen persönlichen Erfahrungen schafft man mehr Wir-Gefühl als mit Sonntagsreden und teuren Image-Kampagnen“, so Leichtfried. Die Idee selber ist noch älter als Webers Initiative. Die beiden Berliner Studenten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer haben den Gedanken vor knapp einem Jahr in die Welt gesetzt und werben seither unermüdlich um Unterstützung für #FreeInterrail. Das Vorhaben, durch Reisen Europa kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und Weltoffenheit zu fördern, wird seither auch von der Wochenzeitung „Die Zeit“ unterstützt.

Angefangen hat das Projekt quasi stilgerecht mit einer Reise im Jahr 2014. Im Süden Europas war die Arbeitslosigkeit als Folge der Finanzkrise vor allem unter Jugendlichen gestiegen. Mit ihr wuchsen Frust und Zukunftsangst, britische Soziologen sprachen von „einer verlorenen Generation“. Herr und Speer wollten sich selbst ein Bild machen. Also fuhren sie los, mit Interrail kreuz und quer durch Europa, 14 Länder in sechs Wochen. „Wir wollten Leute kennenlernen und wissen, wie es jungen Europäern geht“, sagt Herr. Das Ergebnis ernüchterte ihn. „Selbst in Schweden waren die Jugendlichen frustriert. In einem Gespräch mit dem Schriftsteller Robert Menasse entstand dann die Idee des kostenlosen Interrail-Tickets.“

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