23.5.2016
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Italien lebt das Chaos als Prinzip

Irgendwie kaum zu glauben: Italien hatte seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Durchschnitt jedes Jahr eine neue Regierung. Die kürzeste Amtszeit – lediglich neun Tage – verzeichnete ein Kabinett unter Giulio Andreotti im Jahr 1972. Das Sehnsuchtsland aller Nordländer ist auch politisch ganz großes Theater.

Für ihre Leichtigkeit bewundert, für ihre Schlamperei gehasst, in ihrem künstlerischen Erbe beinah unübertroffen – sind Italiener die besseren Österreicher?

PRALLES LEBEN. Die parlamentarische Republik Italien gehört zu den Gründungsmitgliedern der EU und zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Der Satz ist richtig. Und doch stutzt man. Wer stattdessen darüber schreiben würde, dass das Geburtsland der Oper seit Ende des Zweiten Weltkriegs beinahe mehr Regierungen als Jahre verschlissen hat, wer statt Wirtschaftsleistung Marken wie Gucci, Fiat und Barilla ins Treffen führte und den stereotypen Hinweis auf mafiöse Verhältnisse wie ein Gewürz darüberstreute, der würde einen deutlich höheren Wiedererkennungswert erzielen.

Land der Extreme

Italien – der Stiefel Europas – rangiert schon immer am extremen Ende der Erfahrungsskala. Die berückenden Bilder von Goethes italienischer Reise erzählen ebenso beredt vom Verhältnis Italiens zu den wetterbedingt benachteiligten Nordländern, wie Mussolinis Faschismus das Vorbild für Nazideutschland bildete. Italien – das sind herrliche Strände und ein zugemülltes Neapel, bildschöne Frauen und sittenstrenge Kirchen. Während Verdis Oper „Nabucco“ 1996 in der Mailänder Scala Triumphe feierte, ging das berühmte venezianische Opernhaus La Fenice in der Nacht vom 29. Januar 1996 in Flammen auf. Ein Elektriker hatte den Brand gelegt, um schlicht und einfach den bevorstehenden Strafzahlungen für verspätete Renovierungsarbeiten zu entgehen.

So ist Italien. Wundervoll und unsäglich chaotisch zugleich. Eben noch gehasster Gegner in zwei Weltkriegen, im nächsten Augenblick schon Sehnsuchtsland einer ganzen Generation in den 1950er Jahren. Mit dem viermaligen Ministerpräsidenten sowie übergangsweisen Außen-, Wirtschafts- und Gesundheitsminister Silvio Berlusconi quasi als politischem Alleinunterhalter auf der Bühne Europas verstand es das Land doch intakt zu bleiben. Wohl kaum ein anderer europäischer Staat hätte all die Krisen, die Italien in den vergangenen 70 Jahren prägten, so weggesteckt.
Aber wer hinter der oft theatralen Szenerie die echten Probleme nicht sieht, wird dem Land nicht gerecht. Lange Jahre stand Italien in der Flüchtlingskrise quasi auf sich allein gestellt. Der Name der pelagischen Insel Lampedusa steht heute wie ein Synonym für das ganze Elend von Flucht und Vertreibung. Die europäische Solidarität ließ dabei Jahre lang auf sich warten.

Und heute fürchtet Italien den Frühling. Die Balkanroute ist abgeriegelt. Migranten könnten wieder verstärkt nach Italien kommen. Aber auch hier werden sie festsitzen, denn die Grenze am Brenner soll sich schließen dieser Tage. Was dann? Längst nicht alle Opern münden wie Giacomo Puccinis „Turandot“ in einem Happy end. Das im Übrigen ja nachträglich geschrieben wurde, da der Komponist, bevor er den letzten Akt zu Papier bringen konnte, starb.

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