20.5.2016
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8500 Schüler sind auf Nachhilfe angewiesen

Derzeit würden viele Vorarlberger Schüler die vorgegebenen Lernziele ohne außerschulische Nachhilfe nicht erreichen. Über 70 Prozent der Eltern wünschen sich mehr schulische Nachmittagsbetreuung mit individueller Förderung.

NACHHILFEBEDARF. Eine aktuelle Eltern-Befragung vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) ergab, dass der Bedarf für Nachhilfe in Vorarlberg immer noch ungebrochen hoch ist. Beinahe jeder fünfte Schüler in Vorarlberg nimmt Nachhilfe, fast jeder Zweite dafür, um die nächste Schulstufe zu erreichen. Das Angebot und die Qualität der schulischen Nachmittagsbetreuung und des Förderunterrichts machen den Unterschied. In Schulen, in denen dies regelmäßig und qualitativ hochwertig geschieht, sinkt der Nachhilfebedarf um die Hälfte. Ein Indiz dafür, dass verschränkte ganztägige Angebote Sinn machen, wenn sie bedarfsorientiert sind.

Die Gesamtbelastung für Nachhilfe beläuft sich für die betroffenen Schüler in Vorarlberg im Schnitt auf 810 Euro. Damit steht Vorarlberg nach Wien (930 Euro) auf dem unrühmlichen zweiten Platz in der Bundesländerwertung. Insgesamt geben Eltern in Vorarlberg bis zum Ende des laufenden Schuljahres mindestens fünf Millionen Euro für bezahlte außerschulische Nachhilfe aus.

Gute Noten von Eltern

„Die Nachmittagsbetreuung bekommt in Vorarlberg gute Noten von den Eltern“, sagt Gerhard Ouschan, Leiter der AK-Bildungspolitik. „Die Qualität der schulischen Förderung spielt eine wesentliche Rolle und kann nur im Zusammenspiel mit dem Unterricht gesteigert werden“, und so fordert Ouschan den Ausbau ganztägiger schulischer Angebote, bei denen Unterricht, Freizeit, individuelle Förderung und Stärkung sozialer Kompetenzen über den Tag verteilt stattfinden.

Diese Forderung kommt auch von den Eltern direkt, denn über 90 Prozent wünschen sich, dass der Unterricht so gestaltet wird, dass Kinder den Lehrstoff wirklich verstehen. Bei den Elternwünschen zur Eindämmung der Nachhilfe ergeben sich im Jahresvergleich nur wenig Änderungen.

Grafik zur Nachhilfe © Quelle: Ifes, AK

Finanziell belastet

„Immer wieder wird der Vorwurf laut, dass Eltern zu wenig mit ihren Kindern lernen. Wir stellen bei der Befragung aber regelmäßig fest, das zeitliche Engagement ist sehr hoch. 70 Prozent der Eltern von Volksschülern üben täglich oder mehrmals in der Woche mit ihren Kindern“, so Ouschan.
Die finanzielle Belastung durch bezahlte Nachhilfe ist besonders bei Haushalten mit geringem Einkommen und bei Alleinerzieherinnen hoch. Bis zu einem Einkommen von 1600 Euro netto fühlen sich österreichweit 32 Prozent der Befragten sehr stark belastet und 41 Prozent spürbar belastet. Bei Alleinerziehenden sind es 28 und 32 Prozent.
„Die Zahlen zur finanziellen Belastung zeigen aus unserer Sicht auf, dass wir von Bildungsgerechtigkeit weit entfernt sind. Oft wird bezahlte Nachhilfe nicht in Anspruch genommen, weil das Geld dafür einfach fehlt. Gerechtigkeit sieht für mich anders aus“, so Ouschan. Fast jedes vierte Kind in Österreich ist von Armut oder Ausgrenzung betroffen, für diese Familien ist schon die Finanzierung von Alltäglichem ein Problem. Bezahlte Nachhilfe kommt einem nicht in den Sinn, wenn man sich den Kopf darüber zerbricht, wie man die monatlichen Fixkosten bestreiten soll.

Belastungen senken

Erfreulicherweise hat sich die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus stark verbessert. Nur noch sechs Prozent der Eltern wissen nicht, ob zusätzlicher Förderunterricht an der Schule ihres Kindes angeboten wird.  
„In einigen Details der Eltern-Befragung zeichnen sich dieses Jahr Verbesserungen ab. Es gibt aber aus unserer Sicht noch vieles zu tun, um die Belastungen für Schüler und Elternhaus zu senken. Es kann nicht sein, dass Familien mit schulpflichtigen Kindern durch eine außerschulische bezahlte Nachhilfe ein zweites Mal zur Kasse gebeten werden, obwohl sie mit ihren Steuerleistungen das Schulsystem schon finanzieren“, so Gerhard Ouschan abschließend.

„Herausforderungen der Schule sind seit Jahren bekannt“ 

NACHHOLBEDARF. Seit mehreren Jahren führt das Institut für empirsche Sozialforschung (IFES) im Auftrag der AK Vorarlberg Befragungen zum Nachhilfebedarf durch. Die Ergebnisse gleichen sich, der Bedarf lässt nur geringfügig nach.

„Die Herausforderungen der Schule sind seit Jahren bekannt. Darauf bauen auch unsere Forderungen auf. Man könnte, ohne großartig in Gesetze einzugreifen, maßgebliche Veränderungen durchführen“, so Ouschan. Durch Vorträge, wie etwa den von Joachim Bauer zum Thema „Beziehungsorientierte Pädagogik“, versuche man auch immer wieder Bewusstseinsbildung zu betreiben.

Forderungen der AK Vorarlberg

Aus den Ergebnissen der bisherigen Befragungen leitet die AK Vorarlberg folgende Forderungen ab:

  • Sicherstellung des Ausbaus von Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht unter strenger Qualitätskontrolle. Wir benötigen Angebote, die die Handlungsfähigkeit der Kinder stärken und verbessern. Die Entwicklungen müssen sich an den Kompetenzen orientieren, die unsere Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden benötigen, also mehr als fachgebundenes, kognitives Wissenstraining. Erst dann entsteht ein Gesamtpaket aus kultureller, praktischer, sozialer und personaler Bildung. Diese Modelle müssen von ausgezeichneter Qualität sein, dann werden sie auch angenommen. Zudem benötigen Eltern mehr Informationen dazu, was unter „verschränkter“ Ganztagsklasse (Unterricht, Üben, Sport und Freizeit sind über den ganzen Tag verteilt) zu verstehen ist, am besten dadurch, dass gute Beispiele an Schulen sichtbar und erlebbar gemacht werden. Damit einher geht auch der Ausbau qualitativ hochwertiger Förderangebote an den Schulen. Das Nachhilfe-Monitoring zeigt ganz klar, dass Nachhilfe durch die Ganztagsschule eingedämmt werden kann.
  • Neuausrichtung der Schulfinanzierung unter Berücksichtigung der Entwicklung einer qualitativen, ergebnisorientierten Schulautonomie. Eine indexbasierte Mittelverteilung soll mittelfristig sicherstellen, dass alle Kinder die gleichen Chancen erhalten, unabhängig vom sozialen Status ihrer Familien. Dadurch können Schulen auf diese Situationen reagieren und durch eine ergebnisorientierte Autonomie die Ressourcen bedarfsgerecht einsetzen.
  • Zukunftsorientierter Unterricht stellt sicher, dass die Schüler lernen, das Gelernte auch im Alltag anzuwenden. Verbessert werden muss der Unterricht inklusive Üben, Festigen und Anwenden des Gelernten im „Angstfach“ Mathematik, wo am häufigsten Nachhilfe durch andere Personen nötig ist.
  • Je besser die pädagogische Qualität im Kindergarten und dann in der Volksschule, desto größer sind die Bildungschancen der Kinder. Und damit später auch die Chancen am Arbeitsmarkt und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
  • Unterstützung der Schulen durch Verwaltungspersonal und einen Expertenpool (Beratungslehrer, Psychologen, Logopäden, Sozialpädagogen etc.), auf den die Schule zugreifen kann. Schulleiter sollen in ihrer Verwaltungsarbeit entlastet werden, um mehr Zeit für pädagogische Innovationen und Schulentwicklung zu haben. Ein erweitertes Schulmanagement dient ebenfalls zur Entlastung der Leiter.




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