16.3.2017

Früher Bildungsabbruch: Für Migranten ist das Risiko hoch

Jugendliche, deren Umgangssprache nicht Deutsch ist, haben in Vorarlberg ein sechsfach höheres Risiko, nach der Pflichtschule keine weiterführende Ausbildung zu absolvieren. 

Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat für die Arbeiterkammer eine Untersuchung über den Bildungsabbruch und dessen Gründe in Österreich durchgeführt. Rund 75.000 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren konnten im Jahr 2012 nach der Pflichtschule keinen weiterführenden Abschluss machen. Das sind fast acht Prozent der gesamten Altersgruppe. 

„Diese Ergebnisse müssen wir ernst nehmen und für Vorarlberg genau analysieren“, sagt Gerhard Ouschan, Leiter des AK-Bildungsbereichs. Deshalb wolle man im Herbst die Studienautoren nach Vorarlberg holen, um deren Einschätzung über die Aussagekraft der Untersuchung für das Ländle in der Breite diskutieren zu können. 

Kleine Erfolge

Seit 2008 lässt die Arbeiterkammer regelmäßig untersuchen, wie sich der Anteil der so genannten frühen Bildungsabbrecher an allen Jugendlichen in Österreich entwickelt. Einen kleinen Erfolg gibt es: Im Jahr 2008 hatten genau zehn Prozent der 15- bis 24-Jährigen keinen weiterführenden Abschluss nach der Pflichtschule, im Jahr 2012 waren es nach der vorliegenden Untersuchung 7,9 Prozent. Das sind aber immer noch 75.000 Betroffene. 

„Jeder Einzelne, der aus dem Bildungssystem ohne vollwertigen Abschluss ausscheidet, ist einer zu viel. Das verursacht Kosten in vielen nachfolgenden Systemen, wie etwa dem Sozialsystem oder beim Arbeitslosengeld und verstärkt bei den Betroffenen das Gefühl der Ungerechtigkeit“, so Ouschan. 

Schere in Vorarlberg weit geöffnet

Dramatisch ist vor allem, wer vom frühen Bildungsabbruch betroffen ist: Besonders schwer haben es Kinder, deren Eltern selbst nur die Pflichtschule abgeschlossen haben. Von ihnen haben 18,2 Prozent keinen weiterführenden Abschluss. Unter den Kindern von Zugewanderten sind in der ersten Generation 22,6 Prozent frühe Bildungsabbrecher, in der zweiten Generation 13,4 Prozent. 

In Vorarlberg ist die Schere so weit geöffnet wie in keinem anderen Bundesland. 2,8 Prozent der deutschsprachigen Schüler bleiben ohne Pflichtschulabschluss, bei den nichtdeutschsprachigen sind es 16,9 Prozent (Österreichdurchschnitt: 2,7 und 9,6 Prozent). Dabei handelt es sich um Jugendliche, die im Schuljahr 2008/09 14 Jahre alt waren und bis 2010/11 noch keinen positiven Pflichschulabschluss erreicht haben. 

Einen direkten Zusammenhang sieht die Studie auch mit dem Ausmaß der Überrepräsentation von Migranten in Sonderschulen. In Vorarlberg sind Menschen mit Zuwanderungsgeschichte mit 73 Prozent in Sonderschulen sehr häufig anzutreffen, der durchschnittliche Wert für Österreich liegt bei 52 Prozent. „Es ist beschämend, dass wir in Österreich im 21. Jahrhundert alle Hebel auf Exklusion stehen haben und intelligente, lernwillige junge Menschen in einen Teufelskreis schicken, aus dem sie nur sehr schwer und mit Glück wieder herauskommen“, so Ouschan.

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Studie

Endstation Bildungsabbruch?

Grafik

Bildungsarmut in Vorarlberg © Quelle: STATcube – Statistische Datenbank von STATISTIK AUSTRIA; IHS-Berechnungen., AK
Grafik Bildungsarmut in Vorarlberg © Quelle: STATcube – Statistische Datenbank von STATISTIK AUSTRIA; IHS-Berechnungen., AK

 "Es wird immer Tätigkeiten geben, die vorzugsweise an Niedrigqualifizierte delegiert werden. Es ist aber oft nicht die Nachfrage nach Niedrigqualifizierten oder Unqualifizierten, sondern die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, die Aufgaben erfüllen sollen, die als unqualifiziert eingestuft werden."

Rainer Keckeis, AK-Direktor

Er ist überzeugt, dass „niedrigqualifizierte“ Arbeit und die dafür benötigten Mitarbeiter ein Stück weit auch System hat. 

Regionalspezifische Aspekte 

Das IHS hat für diese Untersuchung auch regionalspezifische Analysen nach Anteilen an allen Beschäftigten in Vorarlberg und der Verfügbarkeit über- bzw. unterdurchschnittlich hoch entlohnter Arbeitsplätze durchgeführt. „Das Rheintal und der Walgau weisen mehr Bereiche mit überdurchschnittlichem Lohnniveau auf und geringere Werte in schlechter bezahlten Bereichen“, erläutert Hermann Kuschej die heterogene Situation der regionalen Wirtschaftsstandorte. Den Gegenpol dazu bilden das Kleinwalsertal und die Region Arlberg/Klostertal mit hohen Anteilen schlechter bezahlter Bereiche und geringen Indexwerten bei höher bezahlten Arbeitsplätzen. „Vorarlberg steht angesichts dieser regional konzentrierten Angebotsstruktur vor arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen, die sich mittelfristig weiter verstärken dürften und insbesondere auch jugendliche Risikogruppen betreffen. Darauf hat das schulische, betriebliche und außerschulische Aus- und Weiterbildungssystem dringend zu reagieren“, appelliert Studienautor Kuschej. Insbesondere sind ihm zufolge auch alle Regionen, die sich nicht auf das Rheintal und den Walgau konzentrieren, in strategische Überlegungen miteinzubeziehen. 

Finanzielle Dimensionen 

Im Rahmen dieser Studie wurden erstmals auch jene Kosten berechnet, die sich durch den frühen Bildungsabbruch für die Betroffenen, aber auch für Staat und Gesellschaft ergeben. Demnach verdienen Personen ohne Berufsausbildung durchschnittlich 648 Euro pro Monat weniger als Absolventen einer Lehrausbildung, im Jahr beträgt die Differenz der Nettoerlöse 9.072 Euro.  Neben den geringeren Einkommen bedeutet das durch fehlende Formalqualifikation bedingte Lohndefizit natürlich auch ein geringeres Aufkommen an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, abgesehen von der reduzierten Kaufkraft der Betroffenen. Das vom IHS berechnete Verhältnis der durchschnittlichen Gesamtabgaben beträgt 64 zu 100 zugunsten ausgebildeter Personen.  „Bildungsarmut ist ein Teufelskreis, der erst in seiner finanziellen Dimension ernsthaft sichtbar wird“, betont Rainer Keckeis und ergänzt, dass diese erstmalige finanzielle Bewertung von sogenannter „Hilfsarbeit“ überhaupt zeigt, warum es geht. Nicht nur, dass Geringqualifizierte weniger Einkommen lukrieren, auch die Folge von entgangenen Abgaben und Beiträgen müsste zu denken geben. „Berücksichtigt man die Entwicklung der Lebenshaltungskosten, insbesondere der Wohnungskosten, liegt es auf der Hand, dass es für Niedrigqualifizierte immer schwerer wird, über die Runden zu kommen“, so Keckeis. Auch wenn diese ökonomische Betrachtung der Arbeit von Niedrigqualifizierten rein spekulativ anmuten mag, stellt sich trotzdem die Frage, wie viele Menschen ohne berufliche Ausbildung tatsächlich niedrigqualifizierte Tätigkeiten ausüben. „Wir haben bereits bei unserer letzten Studie zu diesem Thema vor drei Jahren viele Unternehmer vor den Vorhang geholt, die klar gesagt haben, dass es die klassische Hilfsarbeit nicht mehr gibt und auch sogenannte niedrige Tätigkeiten besondere Qualifikationen erfordern“, sagt Direktor Keckeis und erinnert an den regelmäßigen Ruf der Wirtschaft nach „Hilfskräften“. „Diese oft saisonale Nachfrage betrifft in der Regel niedriger qualifizierte und geringer entlohnte Arbeitskräfte“, bestätigt auch Kuschej diese aus ökonomischer Sicht nachvollziehbare Reaktion des Arbeitsmarktes.  „Es wird immer Tätigkeiten geben, die vorzugsweise an Niedrigqualifizierte delegiert werden. Es ist aber oft nicht die Nachfrage nach Niedrigqualifizierten oder Unqualifizierten, sondern die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, die Aufgaben erfüllen sollen, die als unqualifiziert eingestuft werden“, ist AK-Direktor Keckeis überzeugt, dass „niedrigqualifizierte“ Arbeit und die dafür benötigten Mitarbeiter ein Stück weit auch System hat.  

"Es ist beschämend, dass wir in Österreich im 21. Jahrhundert alle Hebel auf Exklusion stehen haben und intelligente, lernwillige junge Menschen in einen Teufelskreis schicken, aus dem sie nur sehr schwer und mit Glück wieder herauskommen."

Gerhard Ouschan, Abteilungsleiter Bildungspolitik und direktor-stellvertreter

Einen direkten Zusammenhang sieht die Studie auch mit dem Ausmaß der Überrepräsentation von Migranten in Sonderschulen. In Vorarlberg sind Menschen mit Zuwanderungsgeschichte mit 73 Prozent in Sonderschulen sehr häufig anzutreffen, der durchschnittliche Wert für Österreich liegt bei 52 Prozent. „

Lösungsansätze 

Das IHS bietet in der Studie auch Lösungsansätze. Ziel arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen muss es für diese jugendlichen Gruppen daher sein, den Ausbildungsfluss nach dem Pflichtschulabschluss nicht abreißen zu lassen. Bei der ab Juli 2017 geltenden Ausbildungspflicht für Jugendliche gilt es dabei sozialpolitisch ins Kalkül zu ziehen, dass von der Ausbildungspflicht hauptsächlich jene Jugendlichen profitieren sollen, deren sozial-familiärer Hintergrund einen erfolgreichen bzw. zukunftsfähigen Abschluss der Pflichtschule nicht zugelassen hat. „Dieser Einfluss haftet dem österreichischen Schulsystem nach wie vor an. Wäre dem nicht so, hätten sich ja schulischer Erfolg oder Misserfolg auch bisher schon unabhängiger vom Elternhaus gestaltet“, sagt Kuschej und betont, dass es die Schule offensichtlich nicht schafft, ausreichend Chancengerechtigkeit herzustellen.  

„Mit der Ausbildungspflicht lösen wir – wenn überhaupt – nur einen kleinen Teil des Qualifizierungsproblems. Angesetzt werden müsste bereits im Pflichtschulbereich. Der Übergang Schule/Beruf ist der entscheidende Angelpunkt, den es zu bearbeiten gibt. Und hier darf niemand ausgenommen werden. Nicht die Pädagogen, nicht die Eltern, nicht die Jugendlichen und schon gar nicht die Politik“, positioniert sich Rainer Keckeis ganz klar für die frühe Intervention gegen den Bildungsabbruch. „Wir können nicht ewig Reparaturdienste dafür anbieten, dass offensichtlich – und das bestätigen auch die Studienautoren – das Schulsystem unsere Jugendlichen nicht ausreichend mit den notwendigen Qualifikationen auszustatten vermag“, fordert Keckeis endlich die Umsetzung tief greifender Maßnahmen im Bildungsbereich und speziell für den Übergang Schule und Beruf. 

„Wenn wir wissen, dass vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund die größten Probleme für einen Bildungsanschluss und Bildungsabschluss haben, müssen wir genau hier die entsprechenden Maßnahmen setzen“, unterstützt Hermann Kuschej die Forderungen des AK-Direktors.

„Es geht nicht nur um die Leistbarkeit unseres Sozialsystems, das sich Millionen an Beiträgen entgehen lässt, es geht auch um die Verhinderung von Altersarmut. Und die betrifft insbesondere Frauen, die sehr oft „niedrigqualifizierte“ Tätigkeiten ausüben. Das ist nicht nur eine moralische Verantwortung, die wir zu übernehmen haben, hier geht es in erster Linie um Gerechtigkeit, die jeder Mensch erfahren muss“, so Keckeis.

„Ohne tiefgreifende Reformen im Pflichtschulbereich werden wir noch viele Jahre keine spürbaren Verbesserungen erleben. Die Ausbildungspflicht wird nicht per Gesetz oder Bestrafungen ausgerechnet jene Zielgruppen erreichen, die jetzt schon schwer für Qualifizierung erreichbar sind. Die Studie zeigt klar, dass Bildung nicht nur vererbt wird, sondern die fehlende Bildungsmobilität in erster Linie soziodemografisch bedingt ist.“  

Studienfazit 

Die Nachhaltigkeit von Maßnahmen im Rahmen arbeitsmarktpolitischer Risikoprävention nimmt mit Fortschreiten schulischer bzw. beruflicher Karrieren radikal ab! Spätere teure Interventionen können durch verbesserte schulische Basisausbildung vermieden werden. Investitionen in den Elementarbereich und das System schulischer Ausbildung werden durch höhere individuelle Bildungserträge mehr als kompensiert. 

Vorschläge und Forderungen von (Präventions-)Maßnahmen im Sinne jugendlicher Risikogruppen und der Prosperität Vorarlbergs insgesamt:

Vermeidung von Bildungsabbruch im Elementarbereich und der Schule

  • Förderung der Sprachkompetenz bei Migrationshintergrund. Intensivierung der vorschulischen Sprachförderung.
  • Zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder, die es benötigen.
  • Höhere Chancengerechtigkeit bei nachteiligen Bildungshintergründen der Eltern durch Ausbau verschränkter Ganztagesschulen
  • Identifizierung von Risikobezirken und Risikoregionen anhand regionaler Arbeitsmarkt- und Sozialindices (Chancen-Index)
  • Bedarfsorientierte Ressourcenzuweisung für Sicherstellung von Basiskompetenzen und Berufsorientierung. Monitoring von Schulstandorten mit hohem Anteil an Schulabbrechern.

Kompensatorische Maßnahmen nach der Schule

  • Ausbildungspflicht bis 18: Begleitete Integration in Lehrausbildungen.
  • Kooperation arbeitsmarktrelevanter Akteure: Lehrlinge (Eltern), AMS, Sozialarbeit, Betriebe. Entwicklung individueller Frühwarnsysteme unter Einbeziehung der Eltern.
  • Auch Sensibilisierung der Problemgruppe hinsichtlich der Folgen fehlenden Formalqualifikationen und der Folgen für den finanziellen Erwerbsverlauf.
  • Den Wert von Weiterbildung in Maßnahmen der Basisbildung, von Sprachkompetenz oder des Nachholens von Pflichtschulabschlüssen noch stärker transportieren.
  • Besonderes Augenmerk auf weibliche Jugendliche mit Migrationshintergrund legen!

Arbeitsmarkt­fördernde Maßnahmen (betriebliche Ebene)  

  • Anreize für Betriebe (Beschäftigungsförderung), Jugendliche ohne Lehrabschlüsse höher zu qualifizieren: Höheres Qualifikationsniveau steigert Produktivität, damit steigen Löhne, Wohlstandsniveau und Attraktivität der Region (Betriebsansiedlungen, verbesserte Dienstleistungsangebote durch höhere Kaufkraft, Abschmelzen gering qualifizierter und schlecht bezahlter Arbeitskräfte)
  • Eindämmung des Trends, Fixanstellungen durch Leiharbeit zu ersetzen (starker Trend im Produktionssektor!), Gefahr der Dequalifizierung und Senkung allgemeinen Lohnniveaus: Keine Vermittlung von Personen ohne Berufsabschluss (berufsbegleitende Förderungen).
  • Förderung kollektivvertraglich bedingten Lohndifferenzen, die aus der Höherqualifizierung von Unqualifizierten resultieren.
  • Entlegenere Talschaften in Gesamtstrategien integrieren/berücksichtigen: Durch Qualifizierungsverbünde und Sicherstellung eines bedarfsorientierten Kinderbetreuungsangebotes (VIF)
  • Die individuelle Rentabilität von Höherqualifizierung sichtbarer machen: Höheres Qualifikationsniveau steigert individuelle Bildungsrendite und damit Mobilitätsbereitschaft.