Prof. Juhani Ilmarinen: „Vorteile und Stärken von Alt und Jung nützen!“

Erst das Zusammenarbeiten von Jung und Alt fördert Innovationen, ist Juhani Ilmarinen überzeugt. Der finnische Professor und AK-Berater für Generationenmanagement sagt auch, weshalb „Arbeiten-bis-67“-Pläne zum Scheitern verurteilt sind.

Sie haben erforscht, dass das Miteinander der Generationen in der Arbeitswelt primär an der sozialen Kompetenz der Vorgesetzten hängt.

Wie sehen Sie die Situation in Vorarlberg?

Prof. Juhani Ilmarinen: Ich habe etwas Bedenken, weil man hier nicht viel über Generationenmanagement spricht. Speziell in den Betrieben sehe ich so gut wie keine Aktivitäten. Der Bedarf an Lösungen ist klar vorhanden, doch die Unternehmen sind hier sehr passiv. Erst wenn konkrete Probleme im Raum stehen, wird gehandelt. Es wird aber nicht präventiv gearbeitet. Das wäre auch Teil von Führungskompetenz.

Wenn beim Generationenmanagement nichts passiert, was hat das für Auswirkungen?

Der große Vorteil bei der Zusammenarbeit zwischen den Generationen ist, dass neue Produktivität geschaffen wird und in den Grenzzonen Innovationen entstehen: Unterschiedliche Generationen bedeuten auch viele Unterschiede. Dadurch entsteht der größte Nutzen. Wenn Generationen als einzelne Säulen in den Betrieben gehandhabt werden, dann fehlen auch die Innovationen und die großen Würfe.

Was fordern Sie von den Führungskräften konkret ein?

Die Führungskräfte müssen tolerant sein, was die unterschiedlichen Generationen anbelangt. Die unterschiedlichen Vorteile und Stärken sind ein Kapital, das man verstehen, akzeptieren und benützen muss. Da muss ein Umdenken stattfinden, das sehr lange dauert, wir gehen von ca. zehn Jahren aus. Bis dahin muss etwas geschehen. Es gibt keine Alternative.

Inwiefern muss man auch die Politik zur Verantwortung ziehen?

Oft herrscht die Tatsache vor, dass zuerst Negativ-Politik und erst dann Positiv-Politik gemacht wird. Das bedeutet, dass man z. B. sagt, das Pensionsalter wird auf 67 angehoben. Alle müssen so lange arbeiten, aber es wird nicht gesagt, wie das funktionieren soll. Die finnische Politik ist anders: Sie schafft zunächst gute Voraussetzungen, dass die Menschen länger arbeiten können, wollen und dürfen. Wenn das funktioniert, wird das Rentenalter erhöht, nicht davor. Zuerst die süßen Dinge und dann erst die bitteren. In Österreich funktioniert das genau umgekehrt und deshalb werden die Politiker nie die Bevölkerung auf ihrer Seite haben. Sie verstehen ihre Möglichkeiten nicht. Es muss eine gute Balance zwischen allen Aspekten geben. Wenn Gesundheit nicht passt, stürzt das ganze Gebilde ein. Insgesamt müssen drei Fragen gestellt werden: Was kann die Politik, was können die Betriebe und was kann ich selbst verändern? Die Menschen fragen sich häufig, was sie selbst verändern können, damit sie so lange wie möglich arbeiten können – aber die Verantwortung liegt eben nur zum Teil bei ihnen selbst.

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Leitfaden zum Generationen­management

Tipp/Hinweis/Achtung

Arbeitsfähig sein – das bedeutet Sinn erleben

„Jeder Mensch ist anders“: am gemeinsamen Arbeitsplatz kann diese Binsenweisheit befruchtend oder verheerend wirken – Wirtschaftskonferenz zum Generationen-Management unterstrich Inidividualität.

Was heißt das: arbeitsfähig sein? Stress aushalten bis zum Umkippen? Oder etwas mehr als Dienst nach Vorschrift? Zwei Tage lang befassten sich Experten im Bregenzer Festspielhaus mit dem sperrigen Begriff der Arbeitsfähigkeit. Fragt man sie, warum, greift Veranstalterin Irene Kloimüller auf eine finnische Langzeitstudie zurück. 
Ab 1981 wurden mehr als 6000 44- bis 58-jährige Arbeiter und Angestellte 28 Jahre lang regelmäßig befragt. Die Forscher förderten Erstaunliches zutage. Aus der Gruppe der Männer mit mäßiger Arbeitsfähigkeit waren 2009 fast doppelt so viele verstorben wie aus jener mit exzellenter Arbeitsfähigkeit. Bei Frauen war der Unterschied nicht ganz so krass. 

Das Niveau der Arbeitsfähigkeit sagt aber nicht nur etwas über die Sterblichkeit aus: Nur ein Drittel der Arbeiter und rund 40 Prozent der Arbeiterinnen mit kritischer Arbeitsfähigkeit konnten in der Pension ihren Alltag ohne Probleme meistern, im Unterschied zu 55 Prozent bei Männern und 70 Prozent bei Frauen mit exzellenter Arbeitsfähigkeit. Im Job fit zu sein verbessert also auch die Aussichten fürs Alter. 

Sinn, Gesundheit, Kompetenz

Arbeitsfähigkeit bedeutet produktiv sein. Sich anstrengen. Das ist gesund. Die meisten Menschen wollen das. „Der Mensch wächst mit seinen Anforderungen“ ist nicht nur so dahingesagt. Nur Über- und Unterforderungen richten Schaden an.

Arbeitsfähigkeit bedeutet Sinn erleben. „Immer wieder sollten wir uns fragen, warum Arbeit für viele Zwang bedeutet und sie krank macht“, gibt Kloimüller zu bedenken. Die Experten der Bregenzer Tagung nehmen bei Klienten mit verringerter Arbeitsfähigkeit fast immer auch Sinnverlust wahr. „Und zwar Sinnverlust als Ursache“, betont Kloimüller. Die Arbeitsfähigkeit bis zum Pensionsantritt hin erhalten heißt Gesundheit und Kompetenzen fördern. Arbeitsfähigkeit ist bei jedem anders ausgeprägt. Man kann sie also nur ganz individuell behandeln. Wenn das aber gelingt, ist die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit nichts weniger als ein Schulterschluss von Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Mehr geben, als man bekommt

Oft ist das Gegenteil der Fall. Durch alle Vorträge geistern Beispiele von Arbeitern, die dauerhaft das Gefühl haben, mehr zu geben als zu bekommen. Die längst dauerhaft müde sind, erschöpft. Ihre Arbeitsfähigkeit ist aus der Balance. Kippen sie vollends weg, erleidet auch das Unternehmen Verluste.

Arbeitsfähigkeit ist nicht nur ein Thema für ältere Arbeitnehmer. Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung gewährt auf der Konferenz Einblicke in den „egotaktischen“ jungen Menschen von heute: „Der denkt nicht mehr gemeinschaftlich, das Selbst steht im Vordergrund.“ Er will erfolgreicher sein als andere, „gut performen“. Dabei geht es weniger um messbare Leistungen als um die Selbst-Inszenierung. Heinzlmaier zitiert den irischen Schriftsteller Oscar Wilde (1854–1900): „In Angelegenheiten von großer Wichtigkeit kommt es nicht auf den Ernst, sondern auf den Stil an.“ Auch heute kommt es nicht darauf an, was man macht, sondern wie man’s macht. Unternehmer brauchen nun Wege, das ästhetische Sein dieser Jugend in ihre Firma einzubinden. Das fällt umso schwerer, als „die Jugend“ nicht homogen auf den Arbeitsmarkt tritt. Die Bandbreite reicht vom Konservativ-Bürgerlichen bis zum digitalen Individualisten. Der eine blüht in einem stabilen Arbeitsverhältnis auf, der andere fürchtet genau das, weil ihm die Freiheit über alles geht. 

So zeigt sich auch an den ganz Jungen überdeutlich, dass Arbeitsfähigkeit ein höchst individuelles Gut darstellt, das auch auf die Person zugeschnitten gepflegt werden muss.