Grafik Erwerbspersonen © Grafik: Keystone-SDA, Quelle: AKV
Interaktive Grafik der AK macht noch nicht ausgeschöpfte Potenziale am Arbeitsmarkt sichtbar © Grafik: Keystone-SDA, Quelle: AKV

Arbeitsmarkt braucht Fokus auf Ältere, Frauen und Zuwanderer

In der öffentlichen Diskussion ist es „der“ Grund zur Panik: Die Babyboomer der 1960er-Jahre gehen in Pension. Sie sind Aushängeschild und zusätzliche Beschleunigung des demografischen Wandels: die Gesellschaft altert. Aber was hat das für Konsequenzen? 

„Auf den ersten Blick bedeutet es einerseits höhere Kosten im Sozialsystem, weil die Menschen älter werden und länger Betreuung brauchen“, sagt Dominic Götz. „Immer weniger Menschen schaffen das Geld heran.“ Ein Blinder, der die Schere nicht auseinanderklaffen sieht. 

Kein Ausweg in Sicht?

Der Volkswirtschaftler hat sich für die AK die Zahlen angeschaut. Die Katastrophen-Szenarien über die Finanzierbarkeit des Sozialstaats sagen ja drastische Änderungen der Beitragssätze und Leistungsniveaus oder beim Pensionsantrittsalter vorher. Alle argumentieren sie mit der wachsenden Anzahl älterer Mitbürger. Aber stimmt das so wirklich? Die aktuelle Bevölkerungsprognose der Statistik Austria spricht eine klare Sprache. Die sogenannte „Älterenquote“ beschreibt das Verhältnis der 20- bis 65-Jährigen zu den über 65-Jährigen: Diese Quote lag 2018 bei 3,55 und wird sich bis 2030 auf 2,59, bis 2050 auf 1,92 verringern. Mit anderen Worten: Mehr Pensionisten stehen weniger Jungen gegenüber. Immer mehr Menschen beziehen immer länger Pension. Wie soll sich das ausgehen?
„Die Antwort auf diese ökonomische Frage liegt nicht (nur) in einer demografischen Zahl wie dem Verhältnis von Alten zu Jungen“, betont Götz. Spannend ist vor allem, wie viele Menschen in Zukunft wirtschaftlich aktiv, also erwerbstätig sein werden, und wie viele inaktiv, also „nur“ noch Bezieher.

Kreisdiagramme Altersgruppen in Vorarlberg © Grafik: Keystone-SDA, Quelle: AKV
Altersgruppen in Vorarlberg © Grafik: Keystone-SDA, Quelle: AKV

Mehr Arbeitskräfte verfügbar

Ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass nicht immer so viele Menschen wie heute am Arbeitsmarkt integriert waren. Eine ganz neue Analyse des Arbeitsmarktservice (AMS) 2019 zeigt, dass das Arbeitskräftepotenzial in den vergangenen zehn Jahren nicht nur stark gestiegen ist, sondern sich auch in seiner Struktur deutlich verändert hat:

  • mehr Frauen
    • 2018 standen laut AMS 1.878.594 Frauen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, das entspricht einem Frauenanteil von 46,3 Prozent.
    • Die positive Entwicklung der Erwerbsquote der Frauen ist vor allem in der Altersgruppe der 55- bis 59-Jährigen Frauen sehr deutlich zu sehen. So betrug deren Erwerbsquote laut Statistik Austria im Jahr 2006 noch knapp 40 Prozent und im Jahr 2017 bereits über 65 Prozent. Auch die anderen Altersgruppen weisen einen stark positiven Trend auf, lediglich in jungen Jahren geht die Erwerbsquote zurück aufgrund des Trends hin zu längerer Zeit im Bildungssystem.
  • deutlicher Anstieg des Ausbildungsniveaus
    • Während der Anteil der Personen mit Pflichtschulabschluss oder Lehrabschluss als höchster Ausbildung sinkt, steigt der Anteil der Personen mit einem Abschluss einer höheren Schule oder universitärer Ausbildung.
    • Im Jahr 2017 hatten 18 Prozent des Arbeitskräftepotentials bereits einen Hochschulabschluss, im Jahr 2008 waren es erst 13 Prozent
  • steigende Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitskräfte
    • Die Zahl der Personen ab 50 Jahren am österreichischen Arbeitsmarkt stieg von 2008 bis 2017 um 459.152 Personen. Das entspricht einem Zuwachs von über 69 Prozent.
  • Zuwanderung
    • 65 Prozent des Anstiegs des Arbeitskräftepotenzials innerhalb der letzten 10 Jahre geht auf zusätzliche Arbeitskräfte aus den EU-Mitgliedsstaaten zurück. 

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"Die Antwort auf den demografischen Wandel bringt nicht das Sozialsystem, sondern der Arbeitsmarkt."

Dominic Götz

Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik

Mehr Frauen

2018 standen laut AMS 1.878.594 Frauen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, das entspricht einem Frauenanteil von 46,3 Prozent.

„Unser Modell eines Pensionskorridors wäre ein Teil der Lösung.“

AK-Präsident Hubert Hämmerle

 

In Österreich ist das Arbeitskräftepotenzial in den vergangenen zehn Jahren um etwa 12,6 Prozent gestiegen, in Vorarlberg lag der Zuwachs sogar bei 15,2 Prozent. 2018 zählte der Arbeitsmarkt in Vorarlberg (potenziell) 175.776 unselbstständig beschäftigte Personen. 2008 waren es noch 152.597. Zum Vergleich: Die Zahl der 2018 in Vorarlberg wohnhaften 15- bis 64-Jährigen betrug 262.180. 

Altersvergleich reicht nicht

Es liegt auf der Hand, dass ein schlichter Vergleich von Altersgruppen wenig Aussagekraft hat. Die Erwerbsprognose der Statistik Austria greift daher die beschriebenen Trends der Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials auf und berechnet anhand dieser die in Zukunft zu erwartende Anzahl an Erwerbspersonen. Die Statistiker legen drei Varianten vor: 

  • Die Trendvariante. Sie stellt auch die Hauptvariante der Prognose dar. Ihr zufolge erreicht Vorarlberg den Höchststand an 213.000 Erwerbspersonen erst nach dem Jahr 2030. In der Berechnung werden grundsätzlich die (positiven) Trends der vergangenen zehn Jahre fortgeschrieben.
  • In der Erwerbsprognose werden aber auch andere Szenarien berechnet, die die Bedeutung des Arbeitsmarkts deutlich machen. Laut Status-quo-Variante – dabei werden die aktuellen Erwerbsquoten konstant gehalten – wird der Höchststand von 205.000 bereits 2020 erreicht werden und die Zahl der Erwerbspersonen danach konstant fallen. 
  • In positivem Kontrast dazu steht die Aktivierungsvariante, in die Annahmen zu einer verstärkten Ausschöpfung des Arbeitskräftepotenzials einfließen. Laut dieser Variante erreicht Vorarlberg den Höchststand der Erwerbspersonen (227.500) erst nach dem Jahr 2040. 

In der Trend- und der Aktivierungsvariante sind die Aussichten keineswegs übel, „nötig ist aber eine vernünftige Beschäftigungspolitik mit einem Fokus auf Ältere, Frauen und Migranten“, betont AK-Präsident Hubert Hämmerle. Er verweist erneut auf den von der AK Vorarlberg schon mehrfach vorgeschlagenen Pensionskorridor zwischen 60 und 70. Das Modell ermöglicht es den Versicherten, innerhalb dieses Rahmens selbst zu entscheiden, wann sie in Pension gehen wollen, wobei eine gleichzeitige Verstärkung des Kündigungsschutzes für ältere Arbeitnehmer aufgebaut und die Zuverdienstgrenzen für Pensionsbezieher abgeschafft werden müssten. 

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Die Bevölkerungspyramide zeigt dreierlei deutlich:

  • Vor allem bei älteren Personen und generell bei Frauen besteht ein erhebliches, noch längst nicht ausgeschöpftes Arbeitskräftepotenzial.
  • Am Arbeitsmarkt gibt es durchaus aktive Personen, die älter als 65 Jahre sind.
  • Die weitere Entwicklung der Erwerbsquoten ist daher das bedeutendste Handlungsfeld für politische Maßnahmen.

Die Antworten auf die Herausforderungen des demografischen Wandels sind also am Arbeitsmarkt zu finden und sollten in Form einer vernünftigen Beschäftigungspolitik mit einem Fokus auf Ältere, Frauen und Migranten gestaltet werden. 

Selber ausprobieren

Auf der Homepage der AK Vorarlberg finden Sie einen ausführlichen Artikel zum Thema sowie den Link zu einer interaktiven Grafik, in der Sie selbst die Bevölkerungs- und Erwerbsprognose mit verschiedenen Parametern online beeinflussen können.

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Lesetipps

Langfristprognose der Europäischen Kommission:

Im Mai 2018 ist der aktuelle Ageing Report 2018, herausgegeben von der EU-Kommission und mitgestaltet vom Bundesministerium für Finanzen (BMF), erschienen. Dabei wird in Zusammenarbeit mit der Europäischen Statistikbehörde (EUROSTAT) und im Fall von Österreich, in Kooperation mit dem BMF und dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (BMASGK) eine Demografieprojektion angestellt und in Hinblick auf wirtschaftliche und budgetäre Auswirkungen analysiert.

Trotz der, im Vergleich zur Erwerbsprognose der Statistik Austria, eher pessimistischen Annahmen in Bezug auf Erwerbsquoten, ergibt sich für Österreich ein zu bewältigendes Ergebnis:

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