Expedition statt Kaffeefahrt

Die Welt zwischen 0 und 1 führt auf die eine oder andere Art in ihrer aller Leben Regie: Mitarbeiter der Julius Blum GmbH lassen sich über die Schulter schauen. Wie Digitalisierung ihre Arbeit verändert? Vielseitig. Nur eines sucht man bei Blum vergeblich: den leichenblassen Nerd mit strähnigen Haaren, dessen Welt bestenfalls 24 Zoll in der Diagonalen misst … 

Eine Welt erschlossen

Fast auf den Tag genau vor 67 Jahren schmiedete Julius Blum die ersten Hufstollen für Pferde. Heute erwirtschaften mehr als 7600 Mitarbeiter mit der Herstellung und dem Vertrieb von Möbelbeschlägen weltweit 1840 Millionen Euro Umsatz (Wirtschaftsjahr 2017/2018). Michael Grabher ist einer von ihnen. 37 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder, seit 2006 im Unternehmen. Studiert hat er betriebliches Projekt- und Prozessmanagement an der FH Vorarlberg. Heute denkt er mit 21 Kolleginnen und Kollegen über Personalfragen nach.

Das wäre schon am Standort Vorarlberg eine Herausforderung. Erst recht in einer Unternehmenswelt, die sich über sieben Zeitzonen und 41 zu bedienende Sprachen erstreckt und große kulturelle Unterschiede sichtbar macht: Während in Mitteleuropa viele noch immer so tun, als biege die Digitalisierung demnächst ums Eck, und dann geht das Licht aus, „wird in den USA das Wort gar nicht mehr verwendet. Sie findet längst statt.“

Wie Digitalisierung die Arbeitsplätze verändert, beschäftigt die Personal- und Organisationsentwicklung bei Blum seit drei Jahren intensiv. „Wir haben mehrere Pilotteams mit neuen IT-Werkzeugen ausgestattet und neue Arbeitsweisen ermöglicht.“ Gemeinsam sammelten sie wichtige Erfahrungen und legten Standards fest. „Manche Mitarbeiter waren in den neuen Welten längst zu Hause, anderen machten sie Angst.“ Ein Kompromiss war das Ziel. Weder sollten die Dinosaurier das Sagen haben, noch die Kommunikation jugendlich verfremdet über die Bildschirme flimmern: „Fehlende Satzzeichen, Stummelsätze, das wollen wir nicht.“

Heute bewegen sich Blum-Mitarbeiter weltweit auf der Wiki-Umgebung „Confluence“ sowie in der Office365-Welt von Microsoft. Sie tun das nahezu hierarchiefrei. Das blieb nicht ohne Irritationen. Abteilungsleiter, deren Texte von Mitarbeitern korrigiert werden? Kollegen, die mit ihren Ideen quer in einen Projektdialog eintreten? Die neue Form der Kommunikation stellt die herkömmlichen Strukturen vor große Herausforderungen, die es kon­struktiv zu meistern gilt.

Frage nach Kernzeiten

Die Digitalisierung stellt Blum auch an die Schwelle einer neuen Arbeitszeitgestaltung: „Wo braucht es überhaupt noch Kernzeiten?“ Wo und wie ist Tele-Working sinnvoll? Wieder sind Pilotteams die Vorreiter. Wieder wird es „mehr Expedition statt Kaffeefahrt. Dafür braucht es praktische Erfahrungen und gute Konzepte.“ Eines weiß Grabher heute schon: Hieß der Grundsatz früher, alle gleich zu behandeln ist fair, so hat sich das gewandelt. Heute geht es um die maßgeschneiderte Arbeitssituation.

Für Lukas Wolf sieht die bestimmt anders aus als für Othmar Nigsch. Der eine schließt bald seine Lehre als Elektrotechniker ab, der andere arbeitet mit 27 Jahren Berufserfahrung als IT-Koordinator im Bereich Produktion. Der angehende Elektrotechniker will nach Abschluss der Lehre die Matura nachholen, der andere hat am NTB Buchs Systemtechnik studiert und noch auf Assembler-Ebene programmieren gelernt. 

Was beide verbindet

Haben die beiden denn etwas gemeinsam? Ja, Industrie 4.0. Unter diesem Namen gingen im letzten Jahr die EuroSkills und Austrian Skills über die Bühne. Lukas Wolf (18) hat sie gemeinsam mit Manuel Franz (20) für sich entschieden. „Wir haben unter anderem eine kleine Produktionsanlage programmiert, mit Sortierstraße, Förderband, drei Rutschen …“ Dafür hatten sie drei Stunden Zeit. Gebraucht haben sie eine. 

Im August 2019 fliegen sie deshalb zur Weltmeisterschaft ins russische Kasan. Ab 11. März wird dafür trainiert. Dieselbe Anlage, die sie in Russland werden beherrschen müssen, steht bereits in Höchst für sie bereit. Aber erst retten die beiden noch das eine oder andere Maschinenleben. In der Instandhaltung operieren sie „am offenen Herzen“, immer öfter tun sie das via Fernwartung. Am Laptop verbinden sie sich mit der Software der defekten Produktions­maschine und bringen sie im Idealfall per Mausklick wieder zum Laufen. 
Wann aber Instandhaltungsarbeiten anfallen, das lesen die Teams heute aus Prozessparametern, Fertigungsmengen, Zykluszeiten. Da kommt Othmar Nigsch ins Spiel – die Fleisch gewordene Schnittstelle zwischen IT, Anwender und Organisation. Das oft überstrapazierte Wort „Industrie 4.0“ ist für ihn ein Ankerbegriff. Er betrachtet den ganzen Produktionsfluss vom Einlangen des Stahls bis zum fertigen Scharnier. Aber wann folgt welcher Arbeitsschritt? Wie verändert sich das physische Produkt? Was lässt sich daraus ableiten? Industrie 4.0 ist für Nigsch wie ein nimmermüder Informationsfluss, dessen kluge Nutzung Effizienzsteigerungen verheißt.

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