23.1.2015
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Spitäler stellen sich der umfassenden Diagnose

In Workshops wollen Mitarbeiter der fünf Landesspitäler ihre psychischen Belastungen und Lösungsvorschläge diskutieren. Betriebsrat warnt vor Sparvariante: Nur kleine homogene Gruppen bringen etwas.

AUSGEPOWERT. Im Sommer 2014 brachte es die AK Vorarlberg mit einer Mitarbeiterbefragung an den Tag: Vom „zfrieda schaffa im Krankahus“ trennt viele der 3500 Beschäftigten noch die harte Wirklichkeit: Zu hohe seelische und körperliche Belastungen, zu wenig Anerkennung, zu viele Überstunden.

Dabei kann die Arbeit von Ärzten und Pflegepersonal kaum hoch genug geschätzt werden. Jährlich betreuen sie rund 85.000 stationäre und 155.000 ambulante Patienten und Patientinnen an fünf Standorten in Vorarlberg.

Kritik konkreter fassen 

Mehr als 1500 Mitarbeiter haben sich an der AK-Befragung beteiligt - das sind in etwa 40 Prozent der Belegschaft an den fünf Landesspitälern Bludenz, Bregenz, Hohenems, Feldkirch und Rankweil. In hunderten persönlichen Anmerkungen machten sie ihrem Unmut Luft. Zentralbetriebsratsobmann Thomas Steurer kann nun ein halbes Jahr später an seinem großen Wandkalender erste Konsequenzen der Befragung ablesen.

Zunächst wollen die Landeskrankenhäuser in eigenen Workshops die psychischen Belastungen genauer erheben. Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) hat für diesen Zweck das Instrument der Arbeits-Bewertungsskala entwickelt. In vierstündigen Workshops diskutieren die Mitarbeiter dabei in kleinen Gruppen ihre persönlichen Belastungen und schlagen Lösungen vor. „Das Landeskrankenhaus Feldkirch wird ab Jänner ein Jahr und drei Monate lang dran sein“, sagt Steurer. Bregenz beginnt im April: „Bis alle Workshops durch sind, wird ein Jahr vergangen sein.“ Es braucht dazu kleine, höchstens zwölfköpfige Gruppen, und sie sollten homogen sein: „Die Raumpflegerin hat eben andere Bedürfnisse als ein Oberarzt.“ Wenn aus Spargründen die Workshops zusammengefasst oder die Mitarbeiter zur Teilnahme gezwungen werden, „bringt das gar nichts“.

Gesprächsbedarf gibt es genug. 57,1 Prozent der Befragten klagen über Zeitdruck, 42,8 Prozent über emotionale Belastungen. Zwar kommen 63,8 Prozent nach eigenen Angaben gut damit klar. Aber jeder Dritte fühlt sich wenigstens einmal pro Woche am Abend leer und verbraucht.

Der Bregenzer Krankenhausseelsorger Johannes Heil kennt die Vielfalt an seelischen Bruchstellen gut: Wenn Patienten sterben, familiäre Konflikte am Krankenbett aufbrechen, wenn Angehörige Druck machen oder Kinder leiden müssen. Junge Menschen auf der Intensivstation, „da denkt doch jeder: Das könnte mein Sohn, mein Bruder sein“. Mit all dem muss das Personal fertig werden und trotzdem professionell gute Arbeit leisten. „Deshalb müssen die Mitarbeiter als Erstes ernst genommen werden“, fordern Heil und Steurer. Die Workshops sind ein erster Schritt in diese Richtung. 

Schichtarbeit und hoher Zeitdruck

Die Mitarbeiter der Spitäler beklagten in der Befragung seelisch und körperlich belastende Arbeitsbedingungen. Dazu zählen hoher Zeitdruck, die Pflicht, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, Schichtarbeit, emotionales Engagement und die Arbeitsmenge an sich. Auf der Beziehungsebene fallen fehlende Anerkennung und ein geringes Vertrauen ins Management ins Gewicht. Studienautor Prof. Dr. Heinrich Geissler verweist in dem Zusammenhang auf die demografische Entwicklung: „In zehn Jahren wird die Hälfte der Beschäftigten an Vorarlberger Krankenhäusern über 50 Jahre alt sein.“ Ältere Mitarbeiter aber halten dem Druck noch schlechter stand als junge.

KRANKENHAUSSTUDIE: Persönliche Anmerkungen der Betroffenen

Zukunftsaussichten

Die Zukunftsaussichten in der Pflege sind sehr bedrückend!
(Arbeitsaufwand, Finanzierung, Personalmangel, Zeitmangel, seine Arbeit zu seiner Zufriedenheit auszuführen).
LKH Bludenz, Medizinische Assistenz

Anerkennung

Angestellte sind nicht viel wert, was die Motivation sehr beeinträchtigt. Auf Kritik und Vorschläge von Mitarbeitern wird nur sehr selten eingegangen und etwas verändert. Eigenständiges Denken ist nicht erwünscht.
LKH Bregenz, Medizinische Assistenz

Gehalt

Hätte durch Optimierung ins neue Gehaltsschema einen Gesamtverlust von über 100.000 Euro! Ärzte in meinem Alter profitieren Belastungen sehr vom neuen Gehaltsschema, ich überhaupt nicht!
LKH Feldkirch, Fachkraft

Gesundheit

Die, die es wissen müssten, arbeiten am ungesündesten!
LKH Feldkirch, Medizinische Assistenz

Wir haben zu wenig Personal. Ich kann mich nicht operieren lassen, wenn ich es brauche, ich muss meine OP drei bis vier Monate lang verschieben. Bis dahin arbeite ich jeden Tag mit Schmerzen.
LKH Feldkirch, Medizinische Assistenz

Belastung

Gehaltssystem ist für Ärzte gut, Pflege Belastungen schlecht. Psychischer Druck nimmt zu. Hoher Stressfaktor. Gutes Teamklima.
LKH Rankweil, Medizinische Assistenz

Befragung

Ich wünsche mir den Mut, die Ergebnisse dieser Befragung wirklich zu veröffentlichen. Vielleicht ändert sich dann etwas!
LKH Rankweil, Medizinische Assistenz

Arbeitsbedingungen

Ich gehe meist sehr gern zur Arbeit und fühle mich im Unternehmen sehr wohl!
LKH Rankweil, Fachkraft

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