2.2.2015
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Mitten im Leben und arbeitslos

RAUSGEKIPPT. Das Arbeitsmarktservice schlägt Alarm: „Der Anteil der Arbeitslosen, die 45 Jahre oder älter sind, wuchs binnen Jahresfrist doppel so stark wie die Gesamtarbeitslosigkeit.“ Früher hatte man mit 45 das Gröbste hinter sich, heute zählen immer mehr Menschen dieses Alters schon zum alten Eisen.

Für AK-Präsident Hubert Hämmerle ist das nicht nur menschlich letztklassig, sondern auch wirtschaftlich fatal: „Wer die demografische Entwicklung sieht, weiß genau, dass viele Unternehmen ältere Arbeitnehmer brauchen werden.“ Die Fachkräfte fehlen jetzt schon. Bereits für 2020 rechnet man in Vorarlberg mit rund 50.000 Erwerbspersonen im Alter von 50 und mehr Jahren. Jeder vierte Arbeiter, Angestellte oder Selbständige wird 50 Jahre oder älter sein. „Schon der mittelfristige Erfolg von Unternehmen wird klar davon abhängen, ob sie ihre Mitarbeiter gesund am Arbeitsplatz halten können“, sagt Hämmerle und verlangt mit Nachdruck, dass die Bundesregierung endlich auf das Bonus-Malus-System zurückgreift, das zwischen 1996 und 2006 in Österreich schon einmal nachweislich gut gegriffen hat. Bei mehr als 60 Prozent aller Neueinstellungen in Vorarlberg kamen damals ältere Arbeitnehmer zum Zug, die Unternehmen wurden dafür mit Boni belohnt.

Bonus-Malus-Modell

Der Bonus
Mit einem Bonus wird die Bereitschaft von Betrieben verstärkt, bei der Stellenbesetzung auch Erwerbstätigen über 50 Jahren eine Chance zu geben. Für Dienstgeber entfällt ihr 3-Prozent-Beitrag zur Arbeitslosenversicherung.

Der Malus
Betriebe, die das Beschäftigungsverhältnis mit langjährigen Mitarbeitern auflösen, haben mit einem Malus zu rechnen. Auch er orientiert sich an der Beitragsgrundlage zur Arbeitslosenversicherung.

Mit 45 schon beim alten Eisen

 45 Jahre alt? Das bedeutet, aus dem Gröbsten raus sein. Die Schulden allmählich im Griff haben. Die Kinder werden erwachsen, der Beruf fordert. Aber es lohnt sich. So viel zur Theorie. Die Praxis erlebt AMS-Chef Anton Strini (60) oft anders. Mit 45 zählen immer mehr Vorarlberger zum alten Eisen. Sie verlieren ihren Job und finden keinen neuen.

Arbeitslose ab 45 © AK, AK

ABGEWRACKT. Dem Leiter des Arbeitsmarktservice in Vorarlberg genügt ein Blick in die jüngste Erhebung: 10.575 Menschen sind in Vorarlberg arbeitslos gemeldet. So viele Menschen, wie etwa in der Marktgemeinde Götzis zuhause sind. Im Vergleich zu Ende 2013 stieg die Zahl der Arbeitslosen im Westen der Republik um 472 Menschen oder 4,7 Prozent. Besonders betroffen sind dabei die über 45-Jährigen: „Dort stiegen die Zuwächse binnen Jahresfrist um 9,6 Prozent an.“ Zwar verlieren ältere Arbeitnehmer nicht so leicht ihren Job wie jüngere. „Wenn sie aber vor der Tür stehen, kommen sie kaum mehr rein.“ Die Generation „50plus“ war gestern. Heute brechen die schwierigen Zeiten schon mit 45 Jahren an.

Unter-25-Jährige waren 2014 durchschnittlich 53 Tage arbeitslos vorgemerkt, drei Tage länger als im Vorjahr. Bei den 45-Jährigen und Älteren kletterte die Vormerkdauer im Durchschnitt auf 136 Kalendertage. Das Plus betrug 23 Tage. „Wer also glaubt, die Pensionsversicherung müsse entlastet werden, muss dringend Beschäftigungsmöglichkeiten für Ältere schaffen“, folgert Strini. 

Anreiz und Malus

Ideen dafür gibt es lange schon. Bereits 2007 stieß die AK Vorarlberg den Dialog zum Generationenmanagement an. Die Forderung, der älteren Generation am Arbeitsmarkt durch ein Bonus-Malus-System zu Hilfe zu kommen, hat die Vollversammlung der AK Vorarlberg seit Mai 2013 gebetsmühlenartig drei Mal wiederholt. Der Lösungsansatz wäre bestechend einfach: Firmen, die älteren Arbeitnehmern eine Chance geben, werden mit einem Bonus belohnt. Wer langjährige Mitarbeiter dagegen freisetzt, muss einen Malus in Kauf nehmen. Strini ist „ein großer Verfechter“ dieses Konzepts. „Aber die entscheidende Frage lautet: Wie hoch werden Bonus und Malus angesetzt?“ 

Nur ein fauler Kompromiss?

Strini befürchtet, dass sich die Regierungsparteien nur zu einem wirkungslosen Kompromiss durchringen werden, „ähnlich wie bei den Behinderten“. Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten sind in Österreich verpflichtet, auf jeweils 25 Beschäftigte einen Behinderten einzustellen. Wird diese Beschäftigungspflicht nicht erfüllt, muss das Unternehmen Ausgleichstaxe bezahlen. Dieser „Malus“ beträgt 248 Euro pro Monat und nicht beschäftigter behinderter Person. Für Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten beläuft sich die Ausgleichstaxe auf 348 Euro, bei über 400 Mitarbeitern auf 370 Euro.

Der Effekt ist entsprechend gering: 965 Vorarlberger Unternehmen müssten laut Peter Amann vom Sozialministeriumsservice Behinderte einstellen, aber nur 252 tun das auch. 713 Firmen erfüllen diese Beschäftigungspflicht nicht oder nur zum Teil und kaufen sich lieber frei. 1634 begünstigte behinderte Personen dürfen also arbeiten, 1723 Pflichtstellen stehen bis auf Weiteres nicht zur Verfügung.

Alle Anträge der AK-Vollversammlung verlangen deshalb, dass das System von Bonus und Malus in Bezug auf die Beschäftigung älterer Mitarbeiter spürbar sein muss. Dabei brauchte man das Rad nicht neu erfinden. Zwischen 1996 und 2006 hat ein solches System bundesweit bereits existiert und auch gegriffen. Allein für das Jahr 2006 erfasste das Wiener Institut „Synthesis Forschung“ in Niederösterreich 33.590 bonusbegünstigte Beschäftigungsaufnahmen. Jeder vierte Arbeitnehmer zwischen 50 und 60 fand einen Job. Nur 1,4 Prozent scheiterten nach den ersten vier Wochen. Dem standen nur 2331 Malus-Fälle gegenüber, also Kündigungen in der Altersgruppe ab 50.

Nur Wiener Betriebe winkten ab

Auch in den anderen Bundesländern nutzten Betriebe den Bonus zumindest bei jeder vierten Neuanstellung. In Vorarlberg lag die Quote gar bei 60,6 Prozent. Lediglich die Wiener Firmen nahmen in nicht einmal einem Prozent der Fälle den Bonus in Anspruch. Aus Wien schlägt der Idee einer Wiedereinführung des Bonus-Malus-Systems auch eisiger Wind entgegen. Dabei tickt die Uhr. Dass wir länger arbeiten müssen, weiß inzwischen jeder. Nur wie das gehen soll, wird nicht bedacht.

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