23.6.2017
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Industrie 4.0 geht uns alle an

NEUE WELT. Dämmert mit der Industrie 4.0 eine schöne neue Welt herauf, die auf den zweiten Blick gefährliche Züge trägt – Maschinen statt Menschen? Nein, Industrie 4.0 bedeutet zunächst die enge Vernetzung von Mensch, Produkt und Maschine. Das ist der folgerichtige Schluss aus der Digitalisierung, die längst praktisch alle Lebenswelten erreicht hat. Oder wären nicht die allermeisten Zeitgenossen privat ohne Internet ziemlich aufgeschmissen? Warum also nicht auch im Arbeitsprozess? Aus dem Produkt von einst wird ein „wissendes Werkstück“, das sich selber organisiert. Maschinen sind lernfähig und können künftig mit dem Objekt, das sie fertigen, kommunizieren. Der ganze Produktionsprozess wird digital gesteuert und vernetzt sein.

Was heißt das für den Menschen?

Das klingt alles verlockend, wirft aber auch jede Menge Fragen auf. Die wichtigste von allen formuliert AK-Präsident Hubert Hämmerle: „Was heißt das alles für den Menschen?“ Industrie 4.0, das bedeutet die Notwendigkeit völlig neuer Arbeitszeitmodelle. Mitarbeiter müssen sich weiterbilden, dafür aber auch die zeitlichen Möglichkeiten erhalten. Denn das ist eine der wenigen Gewissheiten: Die Zahl der Arbeitsplätze für niedrig Qualifizierte wird sinken. Was aber geschieht mit jenen, die auf diese Jobs angewiesen sind?

Wie das „Internet der Dinge“ Arbeit verändert

Rollt Industrie 4.0 wie ein digitaler Tsunami auf uns zu? – Vernetzung von Mensch, Produkt und Maschine wird die Arbeitswelt stark verändern – der Arbeitnehmer darf dabei nicht auf der Strecke bleiben.

HERAUSFORDERUNG. Die Redewendung vom „digitalen Tsunami“ hat in Bezug auf Industrie 4.0 schon ihre Berechtigung. Auf der Hannover-Messe 2011 erblickte der Begriff „Industrie 4.0“ das Licht einer erweiterten Öffentlichkeit. In kürzester Zeit schwappte die Wendung aus einem engeren Fachdiskurs in die allgemeine Wahrnehmung. Das hatte auch sein Gutes: Die industrielle Produktion wurde wieder zum Thema. Sie war schon fast vergessen worden, nur noch „old economy“. Mit einem Mal ist sie nun der Kern IT-basierten Fortschritts. Industrie- und Wirtschaftspolitik haben Industrie 4.0 als zentrales strategisches Ziel entdeckt.

Revolution an der Werkbank

Das war längst überfällig, maulen die Verfechter von Industrie 4.0, die ihrer Ansicht nach nichts weniger als eine Revolution darstellt. Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Informatisierung der Industrie hält nun das Internet der Dinge und Dienste Einzug in die Fabrik. Und das bedeutet was?
„Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander, und das ständig“, bringt es Mag. Eva King von der AK Vorarlberg auf den Punkt. Das verändert viel. Unternehmen vernetzen ihre Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel als Cyber-Physical Systems (CPS) weltweit. Unvorstellbar viele Daten pflastern diesen Weg. Nicht nur das sich durch den Arbeitsprozess bewegende Teil, sondern alle Sensoren in den beteiligten Maschinen senden Daten über ihren aktuellen Zustand. Das mündet dann in nicht allzu ferner Zukunft im fahrerlosen Transportdienst, der das bestellte Produkt ausliefert. Wenn Arbeitnehmervertreter an diesem Punkt Mitsprache reklamieren, ist es zu spät.

Neue Arbeitszeitmodelle

Deshalb befasst sich die AK lange schon mit den sich abzeichnenden Veränderungen. „Mit Industrie 4.0 werden traditionelle Arbeitszeitregelungen und -modelle aufgeweicht.“ Deshalb müssen Eva King zufolge „zum Schutz der Gesundheit und der Arbeitnehmerinteressen faire Arbeitszeitmodelle und gerechte Entlohnung für Mehrarbeit gewährleistet sein“. Wie kann das gehen? Industrie 4.0 und der Weg dorthin wird den Arbeitnehmern viel Flexibilität abringen. Aber „Flexibilität wird es auch in Zukunft nicht zum Nulltarif geben“. Und Geld „ist eine Möglichkeit zur Kompensation“. Genauso wichtig ist, dass es nicht zu einer übergangslosen Vermischung von Arbeit, Familientätigkeit und Freizeit kommt, auf Kosten der Gesundheit der arbeitenden Menschen.

Die Diskussion um Industrie 4.0 geht mit den erstaunlichsten Zukunftsbildern einher, einschließlich sogenannter „Wearables“, also digitaler Geräte, die direkt am Körper der Beschäftigten angebracht werden – von der Datenbrille, die bei der Instandhaltung Informationen einblendet, bis zum smarten Handschuh, der vor Fehlgriffen in der Montage warnt oder den Stresslevel anhand der Vitaldaten erkennt. Was vielen Menschen schon privat so viel Freude macht – Smartphones, Tablets, Apps und Social Media – soll an vielen Stellen bis an Produktionsarbeitsplätze vordringen. Schöne neue Welt also?

Wer wird seinen Job verlieren?

Da warnt die AK vor zu großer Euphorie. Noch weiß niemand, ob die Industrie 4.0 mehr Arbeitsplätze vernichten oder schaffen wird. Ganz sicher aber werden niedrigqualifizierte Arbeitsplätze verloren gehen. „Also muss die Wirtschaft rechtzeitig und vorausschauend für die Menschen Arbeitsmöglichkeiten schaffen.“ Das kann in der Industrie 4.0 geschehen, wird aber auch Aufgabe des zweiten Arbeitsmarktes sein.
Vor allem werden die Veränderungen durch die Industrie 4.0 die größten Herausforderungen an die Qualifikationen der Mitarbeiter stellen. Betriebe werden flächendeckend Weiterbildung, Höherqualifizierung und Facharbeiterausbildung ermöglichen und den Arbeitnehmern entsprechende Anreize bieten müssen, wie etwa Bildungsauszeit und berufsbegleitende Fortbildung. Denn ohne Menschen findet auch diese Revolution nicht statt.

Hubert Hämmerle © AK/Jürgen Gorbach

Die wichtigste Frage muss lauten: Was heißt das für den Menschen?

Die Entwicklung zur Industrie 4.0 wird die Arbeitswelt völlig verändern, und die Arbeitnehmer werden diesen Prozess mitgestalten.

●    Was bedeutet Industrie 4.0 aus Sicht der Arbeiterkammer?

Industrie 4.0 beschert als Vernetzung von Mensch, Maschine und Produkt Arbeitgebern und Arbeitnehmern eine Fülle an neuen Möglichkeiten, die heute noch niemand wirklich überblicken kann. Deshalb kann ich nur sagen, was es aus unserer Sicht nicht bedeutet: Industrie 4.0 ist nicht die menschenleere Fabrik der Zukunft. Denn wenn Menschen massenweise wegrationalisiert werden, verdienen sie auch nichts mehr. Und wer soll die Produkte dann kaufen?

●    Und wie geht die AK mit dem Thema um?

Wie mit allen neuen Entwicklungen, die von allen Seiten jubelnd begrüßt werden. Wir schauen uns die Industrie 4.0 gut an. Interessiert und kritisch. Das sind wir den Menschen im Arbeitsprozess schuldig.

●    Kommen die Arbeitnehmer in den Überlegungen derzeit zu kurz?

Zumindest ist es erstaunlich, wenn das Land Vorarlberg mit Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer ein eigenes Netzwerk gründet für die „Intelligente Produktion“ der Zukunft, und die Arbeitnehmer, die das alles ja stemmen sollen, außen vor lässt, als ginge sie das schlichtweg nichts an. Vielleicht ist ja doch die menschenleere Fabrik das Ziel?

●    Was brennt Ihnen als Arbeitnehmervertreter unter den Nägeln? 

Dafür reicht der Platz hier nicht aus. Aber so viel ist sicher: Wenn es eine Industrie 4.0 gibt, dann muss es auch einen Arbeitnehmerschutz 4.0 geben. Am Schluss all unserer Überlegungen muss wie das Amen im Gebet die Frage stehen: Was heißt das für den Menschen? Denn um den geht es letztendlich, um nichts anderes.

Jobkiller oder Motor der Arbeitsmärkte?

Voraussagen klaffen weit auseinander – Kernfrage: Wo schlagen Rationalisierungseffekte zu?

ARBEITSMARKT. Um diese eine Frage kreist die Diskussion seit Anbeginn, und sie pendelt zwischen ängstlichem Unterton und Zuversicht am Rande der Hysterie.

Total unterschiedlich 

Zwei Beispiele: Durch Digitalisierung und Roboterisierung – Industrie 4.0 – werden bis 2020 zwei Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – aber sieben Millionen verloren gehen. Unterm Strich bleibt ein Verlust von fünf Millionen Jobs in den nächsten vier Jahren. Zu diesem ernüchternden Schluss kam eine Studie des Weltwirtschaftsforums 2016. Zehn Monate später traten die Forscher der deutschen Bundesagentur für Arbeit mit zwei Nachrichten vors Publikum. Die gute: Durch Industrie 4.0 würden zunächst fast gar keine Jobs verloren gehen. Die schlechte: Viele Menschen werden sich dennoch einen neuen Beruf suchen müssen, weil es ihre „alten“ Berufe so nicht mehr gibt.

Es gibt nicht eine Industrie 4.0 

Tatsächlich wird bis heute um eine einigermaßen taugliche Zukunftsperspektive allerorten gerungen. Und warum weiß das niemand? Industrie 4.0 hat viele Gesichter. Was sich in welchen Branchen durchsetzen wird, hängt stark von der je unterschiedlichen Gemengelage aus Automatisierungsgrad, Produktkomplexität, Wertschöpfungsketten, Produktionstechnologien und vielem mehr ab.

„Zu einer sehr negativen Einschätzung kommen US-amerikanische und europäische Forscher, demgemäß könnten 44 bis 60 Prozent aller Arbeitsplätze durch Digitalisierung in den nächsten 20 Jahren verloren gehen“, hat Eva King recherchiert. „Zu einer weniger drastischen Einschätzung gelangen Untersuchungen, die Rationalisierungseffekte nicht auf Berufe, sondern einzelne Tätigkeiten beziehen, demnach wären nur rund zwölf Prozent aller Arbeitsplätze in Österreich betroffen.“

Bildung, Bildung, Bildung …

Nur das lässt sich derzeit mit Sicherheit sagen: Niedrigqualifizierte Tätigkeiten werden noch seltener werden. Daraus ergibt sich das gemeinsame Credo aller Beteiligten: Bildung, Bildung, Bildung. Freilich wird auch der zweite Arbeitsmarkt wachsen, sonst stehen rasch soziale Konflikte auf der Tagesordnung.

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