2.12.2016
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Arbeiten, wenn der Chef will?

TOTALER DURCHGRIFF. Der Ruf nach einer Höchstarbeitszeit von zwölf Stunden täglich ohne Überstundenzuschlag in Betrieben mit Gleitzeit wird wieder lauter. „Das ist als Ausnahme heute schon möglich“, betont AK-Präsident Hubert Hämmerle. Wenn ein Unternehmen etwa einen richtig großen Auftrag an Land gezogen hat und ein unverhältnismäßiger wirtschaftlicher Schaden entstünde ohne die vorübergehende zusätzliche Arbeitsleistung, dann kann der Arbeitgeber mit der Gewerkschaft und/oder mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung treffen. „Die Mehrarbeit muss gut begründet werden und zeitlich begrenzt sein.“

Aber das soll sich nach dem Willen neoliberaler Kreise ändern. Keine Spielregeln mehr. Gearbeitet wird, wenn Arbeit da ist. „Das bedeutet nichts anderes als den totalen Zugriff auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der Betrieb bestimmt dann über unser Leben“, kritisiert Hämmerle, und er sagt deutlich „Nein“ zu einer solchen Regelung.

Denn gegen den Zwölf-Stunden-Tag als „Normalität“ spricht zu viel: die körperliche und psychische Überlastung, die sinkende Qualität in der Arbeit, der Stress, den der Mitarbeiter mit nach Hause in die Familie trägt. „Und das Ehrenamt geht ganz kaputt“, denn die Freizeit wird unplanbar.

Stress ohnedies hoch genug

Schon der Acht-Stunden-Arbeitstag ist in vielen Branchen so verdichtet worden, dass die Stress-Werte in den Belegschaften hoch sind und weiter steigen. Die Statistik Austria belegt das in einer stichprobenartigen Befragung von 10.761 Österreichern. 

Demnach leiden fast 40 Prozent der Erwerbstätigen „häufig“ (28,2 Prozent) oder „immer“ (11,1 Prozent) unter zeitlich bedingtem Stress. In der Freizeit wird fast die Hälfte der Erwerbstätigen zumindest gelegentlich dienstlich kontaktiert. Gut jeder Vierte (25,7 Prozent) muss mindestens einmal wöchentlich früher kommen bzw. länger bleiben. Gegen eine Ausweitung der Arbeitszeit zum Zwölf-Stunden-Tag haben sich alle Fraktionen der AK Vorarlberg in der jüngsten Vollversammlung ausgesprochen. Gründe gibt es viele, zwölf Stunden Arbeit am Stück und auf Dauer abzulehnen. Hämmerle: „Der Mitarbeiter kommt müder und noch gestresster nach Hause. Er reagiert gereizt auf Partner und Kinder. Die Tage bieten nur noch kürzere Erholungsphasen. Psychosomatische und psychische Erkrankungen nehmen zu. Die Unfallgefahr im Betrieb und auch auf dem Nachhauseweg steigt. Für Freizeit bleibt ganz wenig oder gar nichts mehr übrig. Und auch das Ehrenamt leidet, weil die Freizeit unplanbar wird.“

Warum schweigt das Land?

Stichwort Ehrenamt. Jeder zweite Vorarlberger über 15 Jahre ist in irgendeiner Form freiwillig aktiv. In absoluten Zahlen sind das rund 164.000 Personen. „Der Zwölf-Stunden-Tag gefährdet dieses Engagement“, warnt der AK-Präsident und fragt sich, wo da der Aufschrei des Landes bleibt, das ansonsten das Ehrenamt nicht hoch genug preisen kann.

AK-Präsident Hubert Hämmerle © Georg Alfare, Fotograf

Warum sträubt sich die AK so gegen den Zwölf-Stunden-Tag?
AK-Präsident Hämmerle: Wir haben uns intensiv mit dem Thema beschäftigt. 40 Betriebsrätinnen und Betriebsräte haben das Für und Wider einen Tag lang eingehend diskutiert. Und wir haben mit dem Geschäftsführer der Industriellenvereinigung, Mathias Burtscher, auch die Pro-Seite ausgiebig zu Wort kommen lassen.
Es blieb gar kein positives Argument übrig?
AK-Präsident Hämmerle: Dass ein Unternehmen in Ausnahmefällen zwölf Stunden Arbeit beantragen kann, hat gute Gründe. Aber es sollte die Ausnahme bleiben. Denn ansonsten bleibt viel zu viel auf der Strecke: diejenigen, die nicht mehr mithalten können, die eigene Gesundheit, die Familien, Freizeit, Ehrenamt usw.

IV-Präsident Georg Kapsch hat erklärt, zwölf Stunden Arbeit „tun niemandem weh“.
AK-Präsident Hämmerle: Kapsch ist auch überzeugt, dass Sozialpartnerschaft und Föderalismus die Totengräber Österreichs sind. Die Art, wie der Präsident eines Vereins mit demokratisch gewählten Institutionen umgeht, entspricht genau jener Überheblichkeit der oberen Zehntausend, die heute so vielen Menschen zu Recht sauer aufstößt. 

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