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Arm trotz Arbeit © cliplab.pro , stock.adobe.com

AK-Studie belegt: Immer mehr Frauen arm trotz Arbeit

Im Abstand von zehn Jahren hat die Sozialwissenschaftlerin Eva Häfele im Auftrag der AK prekäre Arbeitsverhältnisse analysiert. Ihr trauriges Ergebnis: Zwischen 2008 und 2018 hat die Erwerbsarmut deutlich zugenommen. Vor allem Frauen in Teilzeit sind betroffen. Für die AK Vorarlberg ergibt sich vom dringend nötigen Mindestlohn im Ausmaß von 1700 Euro bis zum verpflichtenden Pensionssplitting eine Reihe an Forderungen.

Klar, „nicht jede atypische Beschäftigung ist gleichzeitig prekär“. Entscheidend ist in den Augen von AK-Präsident Hubert Hämmerle, „ob der Lohn für den Lebensunterhalt und die soziale Absicherung ausreicht.“ Das „Schaffa“ im Ländle soll die Menschen zufrieden machen. Schließlich sei das ja auch das tägliche Credo von Politik und Wirtschaft. „Wenn Vorarlberg im Jahre 2035 der chancenreichste Lebensraum für Kinder sein soll, kommen die Ergebnisse, Forderungen und Empfehlungen unserer Studie gerade zum richtigen Zeitpunkt.“ Denn die AK-Studie belegt eindeutig, dass die Prekarität in den vergangenen Jahren gewachsen ist. 

Das gilt vor allem für Frauen in Teilzeit. Deren Zahl ist zwischen 2008 und 2018 am stärksten gewachsen - nämlich um 6,1 auf 51,3 Prozent. Das ist österreich­weit der höchste Wert. In Vorarlberg arbeiten rund 50.000 Menschen in Teilzeit, davon sind 43.400 weiblich. 

Nahtloser Übergang

AK-Präsident Hämmerle und Studienautorin Häfele © AK Vbg.
AK-Präsident Hämmerle und Studienautorin Häfele bei der Pressekonferenz © AK Vbg.

Die meisten teilzeitbeschäftigten Frauen finden sich in Niedrig­lohn­branchen. Besonders angestiegen ist die Quote bei Frauen im Alter von 35 bis 54 Jahren. „Dieser Anstieg ist für uns auch deshalb besorgniserregend, weil so bei vielen Frauen der nahtlose Übergang von der Erwerbsarmut in die Altersarmut vorprogrammiert ist“, zeigt sich AK-Präsident Hämmerle besorgt.

Die Risikogruppen für Prekarität und Erwerbsarmut haben sich in den letzten zehn Jahren nicht verändert. „Neben Teilzeit arbeitenden Frauen haben Beschäftigte in Niedriglohnbranchen sowie Geringqualifizierte mit maximal Pflichtschulabschluss das größte Risiko, immer wieder arbeitslos zu werden bzw. in eine dauerhafte Erwerbslosigkeit zu geraten“, erläutert Eva Häfele. Sie ist auch überzeugt, dass in diesem Zusammenhang der zweite Arbeitsmarkt ein unverzichtbares Instrument darstellt, um gegenzusteuern.

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Tabelle Teilzeitbeschäftigung © AK Vbg.
Tabelle Teilzeitbeschäftigung © AK Vbg.

„Dieser Anstieg ist für uns auch deshalb besorgniserregend, weil so bei vielen Frauen der nahtlose Übergang von der Erwerbsarmut in die Altersarmut vorprogrammiert ist“

AK-Präsident Hubert Hämmerle

zum Anstieg der Teilzeit-Quote  in Niedriglohnbranchen bei Frauen im Alter von 24 bis 54 Jahren.

 


Das digitale Prekariat

Viel hat sich in diesen zehn Jahren verändert. Die Zuwanderung aus den EU-Staaten und seit 2015 auch von Geflüchteten hat neue Entwicklungen am Arbeitsmarkt ausgelöst. Digitalisierung und Automatisierung haben zugenommen und werden in den nächsten Jahren sowohl die Produktions- als auch die Dienstleistungsbranchen beeinflussen. Es geht das Schreckgespenst vom digitalen Prekariat um. Die britische Wissenschaftlerin Ursula Huws erforscht die Situation der prekär durch das Internet Beschäftigten seit 2001. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten ist zwar leicht rückläufig, dafür nehmen neue Erwerbsformen wie „Crowdworking“ und „Sharing-Plattformen“ zu. 2018 betrug die Zahl der erwerbsfähigen Erwachsenen in Österreich, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens durch Crowdwork oder durch Plattform-Arbeit verdienten, 2,3 Prozent der Befragten, für Italien 5,1, für Deutschland 2,5 Prozent.

Arbeit zu Hause

Die größte dieser Plattformen ist Amazons Mechanical Turk. Weitere Beispiele sind clickworker.de mit derzeit über einer Million registrierter MitarbeiterInnen, die sogenannte Microjobs auf Honorarbasis erledigen, sodann Freelancer, Upwork oder MyHammer. Dabei werden von Unternehmen Projekte ausgeschrieben, die in individuell bearbeitbare Pakete aufgeteilt sind und von Interessierten online und zu Hause erledigt werden können. Klingt spannend und nach viel Freiheit. Aber längst ist nicht alles Gold, was da glänzt …

Bei den selbstständig Erwerbstätigen geht das zahlenmäßige Wachstum vor allem auf die Ein-Personen-Unternehmen (EPU) zurück, hier vor allem auf die von Frauen gegründeten Unternehmen und ganz konkret auf die wachsende Zahl der selbstständigen Personenbetreuerinnen (24-Stunden-Pflege).

Bei den Arbeitskräfteüberlassungen (Leasingarbeiter) verzeichnet die AK-Studie eine Zunahme bei Personen aus dem EWR-Ausland, und auch die Zahl der ausländischen Beschäftigten nach der EU-Entsenderichtlinie steigt kontinuierlich an.

„Gerade in der aktuellen politischen Situation müssen wir noch stärker auf jene Menschen blicken, die wegen prekärer Beschäftigung an der Armutsgrenze arbeiten“, betont AK-Präsident Hämmerle. „Auch diese Menschen leisten tagtäglich ihren Beitrag zur erfolgreichen Wirtschaftsentwicklung Vorarlbergs. Arbeit soll Perspektiven eröffnen und nicht Ängste über die persönliche Zukunft erzeugen“, so Hämmerle. „Das wäre wirtschaftspolitisch falsch und auch den Risikogruppen gegenüber unfair.“


Forderungen

Forderungen und Empfehlungen der AK

  • Arbeitslosenversicherung: Viele mehrfach geringfügig Beschäftigte, die die Geringfügigkeitsgrenze überschreiten, sind zwar kranken- und pensionsversichert, jedoch nicht arbeitslosenversichert. Das ist ungerecht. Verlieren sie ihren Job, hilft ihnen niemand. Aus Sicht der AK müssen sie in die Arbeitslosenversicherung miteinbezogen werden, sollte aus den Beschäftigungsverhältnissen pro Monat ein Entgelt erzielt werden, das über der Geringfügigkeitsgrenze liegt (2018: 438,05 Euro brutto). 

  • Pensionssplitting: Mit steigendem Alter klafft die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen stärker auseinander. Verknüpft mit der lebenslangen Durchrechnung der Versicherungszeiten in der Pensionsversicherung ergibt das für viele Frauen eine deutlich niedrigere Pension und führt sehr oft zu Altersarmut. Die AK fordert deshalb ein verpflichtendes Pensionssplitting für die ersten sieben Lebensjahre des Kindes. Grundlage für die Bemessung ist die Summe der Bezüge beider Eltern. Für die Dauer des Pensionssplittings werden die Teilpensionsgutschriften zu jeweils 50 Prozent auf die Pensionskonten der Eltern übertragen. Für weitere Kinder bzw. weitere Partnerschaften werden die Berechnungsgrundlagen entsprechend der Situation der Partnerschaften angepasst berechnet.

  • Mindestlohn von 1700 Euro: Viele prekäre Arbeitsverhältnisse finden sich in den Niedriglohnbranchen. Insbesondere Frauen sind davon stark betroffen. Von 84.600 Arbeitnehmerinnen in Vorarlberg arbeiten mehr als 43.400 in Teilzeit – über 51 Prozent. Forderung der AK: Anhebung des Mindestlohns auf 1700 Euro brutto bei Vollzeit in allen Branchen.

  • Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf: 48 Prozent der Vorarlberger Familien bezeichnen die Kinderbetreuungszeiten für ihre familiäre Situation als unzureichend, bei den Alleinerziehenden sind es 72 Prozent. 76 Prozent der Alleinerziehenden sind durch die Betreuungskosten finanziell belastet. Diese Kumulation von Herausforderungen für Alleinerziehende mit Betreuungspflichten für Kinder ist speziell in den ersten sieben Lebensjahren der Kinder für die ganze Familie oft ein Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Deshalb fordert die AK eine Verbesserung der Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen sowie Ausweitung der Betreuungsangebote während der Ferien. 

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„Dieser Anstieg ist für uns auch deshalb besorgniserregend, weil so bei vielen Frauen der nahtlose Übergang von der Erwerbsarmut in die Altersarmut vorprogrammiert ist“

AK-Präsident Hubert Hämmerle

zum Anstieg der Teilzeit-Quote  in Niedriglohnbranchen bei Frauen im Alter von 24 bis 54 Jahren.