1300 Teilnehmer mit aufgespannten Schirmen © Mathis Fotografie
Über 1300 Bedienstete aus dem Sozialbereich machten am Mittwochabend ihrem Ärger Luft © Mathis Fotografie

Zu karger Lohn für helfende Hände

Es hagelt Bekenntnisse: Wir brauchen dringend mehr Pflegekräfte! Die Kinderbetreuung muss ausgebaut werden! Wer kümmert sich um die Kranken? Alles ist so wichtig. Oder am Ende doch nicht? Die Gewerkschaft kämpfte heuer monatelang um 100 Euro mehr Lohn und rannte bis vor der vierten Verhandlungsrunde  gegen Windmühlen an. Dabei geht es um 7700 Frauen und Männer, die den Vorarlberger Sozialbereich am Laufen halten.

Kalt ist es. Sonnig, aber kalt. Wie bei den Lohnverhandlungen im Sozialbereich. Da scheint die Sonne der Wertschätzung, aber auf den Gehaltskonten der Sozialarbeiter, Pfleger usw. bleibt’s frostig. Das muss sich ändern. Deshalb stehen 1318 Frauen und Männer an diesem Mittwochabend auf dem Rankweiler Marktplatz. Das weiß Bernhard Heinzle deshalb so genau, weil jeder Teilnehmer an dieser ganz besonderen Betriebsversammlung einen Knirps erhalten hat. Und diese Schirme spannen sie nun auf als Zeichen dafür, „dass wir euch nicht im Regen stehen lassen“.  

„Das ist ein Skandal“

An diesem Mittwoch ist die dritte Runde der Kollektivvertragsverhandlungen schon verklungen, „und nichts ist passiert“. Der Gewerkschafter Heinzle (GPA-djp) ist Verhandlungsleiter auf Seiten der Arbeitnehmer, ihm zur Seite stehen Iris Seewald, Karl Pokorny und Sabine Wittmann. Als sie heuer zum Auftakt der Kollektivvertragsverhandlungen 100 Euro mehr für die 7700 Beschäftigten forderten, ernteten sie auf Arbeitgeberseite nur ungläubiges Staunen. Die zweite Runde mündete in der Frage: Meint ihr das wirklich ernst? Und in der dritten Runde boten die Arbeitgeber 55 Euro, maximal 60 an.

Pfiffe und Buhrufe

Immer wieder unterbrechen Pfiffe und Buhrufe den Bericht, denn es geht längst nicht nur ums Geld. „Alle kennen die Personalnot“, sagt Heinzle, „50 Betten stehen in Vorarlberg leer, weil zu wenig Pflegepersonal da ist.“ Alle wissen um die mangelnde Attraktivität der Sozialbranche. „Seit gefühlten 48 Jahren soll die Pflegelehre kommen.“ Aber statt Taten zu setzen spielen Politiker und Arbeitgeber die Leistungen der Betroffenen hinunter.
Stichwort Nachtdienste. Deren bescheidene Zulagen kann man auch in den 26 Seiten des Kollektivvertrags nachlesen. „Aber so anstrengend sind die Nachtdienste eh nicht“, haben die Arbeitgeber abgewiegelt. Das ließen sich die Gewerkschafter nicht zweimal sagen. Sie rüsteten drei Pfleger im Nachtdienst mit Schrittzählern aus. Siehe da: „Sie haben 20.000 Schritte pro Nacht zurückgelegt, das sind 15 Kilometer.“ Auch diese Zulage dürfte ohne Weiteres erhöht werden. So wie die Wochenenddienste besser bezahlt und die Personalschlüssel erhöht werden müssten. Und, und, und …

Pflegenotstand droht

Dass das Land dann einer ganz bestimmten Personengruppe mit spezieller Ausbildung 150 Euro mehr zuerkannte und das Gros der anderen dabei übergangen wurde, brachte das Fass zum Überlaufen. Deshalb hallte von Rankweil aus der Ruf weit hörbar ins Land: „Wir wollen für alle diese 100 Euro mehr, und kommendes Jahr reden wir dann über Arbeitszeitverkürzung!“
Wenn Land und Arbeitgeber hier nicht einlenken, „steuern wir auf einen Pflegenotstand zu“, warnt Gewerkschafterin Iris Seewald. Und sie erinnert an 2013: Schon einmal hat damals im April eine außerordentliche Betriebsversammlung von 900 zutiefst verärgerten Bediensteten im Sozialbereich den Stein ins Rollen gebracht. Warum sollte das jetzt nicht glücken?

Gewerkschaft und AK ziehen an einem Strang: Bernhard Heinzle, Hubert Hämmerle, Iris Seewald, Fritz Dietrich, Rainer Keckeis. © Mathis Fotografie
Gewerkschaft und AK ziehen an einem Strang: Bernhard Heinzle, Hubert Hämmerle, Iris Seewald, Fritz Dietrich, Rainer Keckeis. © Mathis Fotografie

Vorbild Burgenland?

Wie damals treten auch heuer AK-Präsident Hubert Hämmerle und AK-Direktor Rainer Keckeis ans Rednerpult und nehmen sich kein Blatt vor den Mund. „Es ist eine Schande, wenn in einem so reichen Land die Pflegekräfte auf die Straße gehen müssen, um für ihre Löhne zu kämpfen“, ruft Keckeis in die applaudierende Menge. „Alles wird wertgeschätzt im Vorarlberger Land, wenn es um die Industrie und die Großgrundbesitzer geht, aber bei den Arbeitnehmern ist alles zu teuer.“ Es gehe um einen Mindestlohn von 1800 Euro brutto. „Und wir Vorarlberger müssen jetzt ausgerechnet neidig ins Burgenland schauen, wo eine rot-blaue Regierung die Soziallöhne hinaufgesetzt hat!“ Dabei halten „nicht die Sesselfurzer, die uns die Welt erklären, sondern die Menschen im Gesundheits- und Sozialbereich diese Gesellschaft am Laufen“. uch AK-Präsident Hämmerle hat „die Sonntagsreden satt“. Dieses ganze Gefasel von der ach so wichtigen Arbeit in den Pflegeheimen und Kindergärten … „Schlussendlich gehen wir arbeiten, damit wir unser Leben vermögen.“ Dazu braucht es Geld, es hilft nix. „Haltet zusammen!“, ruft er den 1318 Demonstranten zu. „Und sagt euch wieder und wieder: Ich bin mir das wert!“

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Worum geht’s?

Die Gewerkschaft hat monatelang bei den Kollektivvertragsverhandlungen für den privaten Sozial- und Gesundheitsbereich – von der Kinderbetreuung bis zur Pflege – für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Lohnerhöhung von 100 Euro zu erreichen versucht. Die Arbeitgeber aber boten auch in der dritten Verhandlungsrunde höchstens 60 Euro. Das Land Vorarlberg gebe nicht mehr Gelder frei, lautete ihr Argument.

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