Weg zur Matura © stockpics, stock.adobe.com
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Zu wenige wählen den Weg „Lehre mit Matura“

Spaziergang ist das keiner. „Heuer haben sich 108 Lehrlinge auf den Weg gemacht.“ Heute zählt der Bludenzer Berufsschuldirektor Bertram Summer nur noch 69 Jugendliche auf dem Weg zur Matura. „Wer freilich das erste Semester übersteht, macht in der Regel auch fertig.“ Lehre mit Matura, das ist in Summers Augen „kein Quantitäts-, sondern ein Qualitätsmodell mit sehr guter Betreuung“. Der Weg wird feiner dosiert und langsamer zurückgelegt als bei der Abendmatura. „Das führt die Lehrlinge schrittweise an die Studierfähigkeit heran.“ 90 Prozent haben vergangenes Jahr mit Erfolg abgeschlossen. Insgesamt haben bisher 107 Absolventen den Weg „Lehre und Matura“ bewältigt.

Sollten mehr sein

„Es könnten und sollten wesentlich mehr sein“, findet AK-Präsident Hubert Hämmerle und appelliert an die Unternehmer, die so dringend höher qualifizierte Leute brauchen: „Lehre und Matura ist ein möglicher Weg dorthin.“ Freilich braucht es die Unterstützung der Firmen.

FACTS

Lehre mit Matura
Seit dem Schuljahr 2008/09 können Lehrlinge in Vorarlberg die Berufsreifeprüfung gratis absolvieren. 107 haben bislang erfolgreich abgeschlossen. Das ist der Weg:

  • Lehre + Matura in 4 Jahren
  • Unterrichtseinheiten: 1100 (900 in der Erwachsenenbildung an der Volkshochschule, 200 in Berufsschulen) kostenfrei für Lehrlinge, 15 Coaching-Einheiten je Fach
  • Teilprüfungen: D, E (nach drei Jahren), M, FB (nach vier Jahren)
  • Tagesunterricht (während der Lehrzeit)
  • 4 verschiedene Nachmittage an den Landesberufsschulen Feldkirch, Bludenz, Dornbirn 1 und Bregenz 3
  • verlängerte Lehrzeit möglich, Förderungen für Lehrbetriebe, Einstufungstest online: www.lehrlingsmodell.at


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„Der Kompetenz­check zur Mitte des zweiten Lehrjahres ist für alle ein Gewinn.“

Birgit Nöckl, Maischön

Tipp/Hinweis/Achtung

Prüfung zur Halbzeit: Da profitieren alle davon

60 Friseurlehrlinge traten im Jänner zum Kompetenzcheck an und bestanden – die Prüfung zur Hälfte der Lehrzeit bringt Lehrlingen und Ausbildungsbetrieben wertvolle Informationen über den „Stand der Dinge“

Es war eine Premiere: Vorarlbergs Friseure machen es vor. Die Künstler mit Schere und Kamm sind die ersten Handwerker, die ihren Nachwuchs zum Kompetenzcheck bitten. Denn der umfangreiche Test ist freiwillig. Birgit Nöckl vom Beauty-Unternehmen „Maischön“ zufolge haben zwei Drittel der in Frage kommenden Friseurlehrlinge die Chance ergriffen.

Für alle ein Gewinn

Die Friseure haben ihren Lehrlingen einiges abverlangt, aber niemanden überfordert. Alle 60 haben bestanden.

Der Kompetenzcheck war nicht einfach, aber alles, was die Auszubildenden jetzt hinter sich gebracht haben, wird bei der Gesellenprüfung nicht mehr Thema sein. „Das nimmt ordentlich Druck vom Kessel“, betont Thomas Nöckl, und Birgit fügt an: „Der Kompetenz­check zur Mitte des zweiten Lehrjahres ist für alle ein Gewinn.“ Die Lehrlinge profitieren besonders, weil sie ihr Können und Wissen schon in der Halbzeit einschätzen können. Die Lehrherren lernen ihre jungen Mitarbeiter von einer ganz neuen Seite kennen. Denn der Prüfungstermin spornt sie an. Das hat Birgit Nöckl von vielen Berufskollegen gehört: „Das war das erste Mal, dass der Lehrling immer wieder kommt und sagt: Ich will üben!“
Die AK Vorarlberg hat sich mächtig ins Zeug gelegt, damit dieser Kompetenzcheck in möglichst allen Berufen Standard wird. Und Birgit Nöckl verbindet konkrete Hoffnungen damit. Momentan fällt fast jeder dritte Vorarlberger Friseur-Lehrling bei der Abschlussprüfung durch. Künftig erwartet sich Nöckl „deutlich bessere Ergebnisse“.

Aus der praxis

Maurice Wiederin, Elektroniker: Firma unterstützt ihn kräftig

Volksschule, dann Übergangsklasse, Hauptschule in Schruns-Grüt – Heute steht Maurice Wiederin im vierten Jahr seiner Lehrausbildung und der Matura. Warum er damals nicht gleich ans Gymnasium gegangen ist? „Da haben die Noten nicht so ganz gepasst“, sagt er freimütig. Die Lehre bei Gantner Elektronik war ein Glücksgriff. „Die Firma unterstützt mich, mein Ausbilder hat mir mega-gut geholfen!“ Der hat auch die Abendmatura absolviert und hat viel Verständnis. Bei Wiederin wuchs die Motivation mit dem Alter. Heute sagt er: „Du lernst für dich.“ Das tut er sehr zielstrebig.

Bernarda Kessler, Mechatronikerin: Die Erste in ihrem Unternehmen

Sie wollte eigentlich immer schon studieren. Bernarda Kessler ging sehr gerne in die Schule. Aber in der Unterstufe an der AHS hat sie auch Mobbing erfahren. Sie wechselte in die Fachschule für Bekleidungstechnik. Nach deren Abschluss zog es sie wieder ans Gymnasium, aber der Einstieg ins BORG knüpfte sich an elf Prüfungen. „Zudem wäre ich deutlich älter als die anderen Schüler gewesen.“ Jetzt wird sie bei Spectra-Physics in Rankweil zur Mechatronikerin ausgebildet. „Ich bin der erste Lehrling in der Firma, der die Matura machen darf.“ Das hat sie auch ihrer Lehrbeauftragten zu verdanken, „die sehr engagiert ist“. Und wie ist das so? „Am Mittwoch nach der Berufsschule noch einmal vier Stunden in der Schule sitzen“, das fordert sie schon ganz schön. „In der Mechatronik-Klasse bin ich die Einzige, die sich das antut.“ Dennoch bleibt sie am Ball. Und kommt auf Umwegen doch noch an ihr Ursprungsziel Studium.

Samuel Burtscher, IT-Techniker: Mehr Praxis als nur in der Schule

Nach der Hauptschule in Nüziders wollte Samuel Burtscher an eine weiterführende Schule, „aber ich war mir nicht sicher, was ich machen soll“. An einem Berufsvorbereitungsnachmittag hat er dann vom Weg „Lehre mit Matura“ erfahren. Er hat dann das Poly in Thüringen absolviert „und eine Lehrstelle in einem Unternehmen gefunden, das mich gleich unterstützt hat“, bei illwerke vkw. Für Lehre und Matura hat er sich entschieden, „weil das mehr Praxis bedeutet als nur in der Schule“. Der eigene Zahltag hat ihn motiviert und auch die Tatsache, „dass man gut ins Schaffen reinkommt“. Und? Ist Studieren ein Thema? „Das lässt sich einrichten bei meiner Firma, auch berufsbegleitend. Du musst dich halt selber organisieren.“ Das hat Samuel Burtscher inzwischen gelernt. „Lernen“, das weiß er, „braucht halt Zeit. Aber das muss es dir wert sein.“

Kilian Strasser, Stahl- und Schweißtechnik: Neuer Blick aufs Lernen

Als Kilian Strasser noch die Mittelschule Gortipohl besuchte, stand es mit seinen Noten nicht zum Besten. „Ich hatte zu der Zeit einen unglaublich negativen Blick auf die Schule.“ Das hat sich heute grundlegend verändert. Strasser besuchte das Poly. „Ich wollte auf jeden Fall Matura machen.“ Er wusste: „Damit stehen mir viel mehr Türen offen.“ In einer Infoveranstaltung hat er sich das Wahlfach Wirtschaftsinformatik angeschaut. Dabei sah er auch die 15 offenen Stellen, die an diesem Tag auf Wirtschaftsinformatiker warteten. Was ihn heute motiviert? „Am Anfang war die Motivation anders.“ Da ist noch alles neu. Da legt man sich ins Zeug. „Jetzt will ich die Matura einfach haben.“ Was macht den Unterschied zu seiner bisherigen Schulerfahrung aus? „An der Berufsschule behandeln dich die Lehrer wie eine erwachsene Person, wenn du dich entsprechend benimmst.“ Von den Kolleginnen und Kollegen, die auch eine Lehre machen, wird Strasser ab und zu gefragt: Was hast du eigentlich davon? Die Antwort hält er in Form des Maturazeugnisses schon bald in Händen.

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Birgit Nöckl, Maischön