24.4.2015
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Wo sollen denn Fachkräfte herkommen, wenn die Lehre vernachlässigt wird?

Lehrlinge in Vorarlberg © Grafik: Keystone, Quelle: WKO, AK

Dass die Lehre gerade noch mit Goldmedaillen ein wenig öffentliche Wahrnehmung erhaschen kann und in den Wahlkämpfen keiner Partei mehr einen Tropfen Tinte wert ist, spricht Bände. Ein großes Imageproblem geht da mit der Orientierungslosigkeit der Jugend und fehlendem staatlichem Investment eine letale Verbindung ein. 

FÜNF VOR ZWÖLF. In Vorarlberg gehen die Uhren anders. Bis vor Kurzem war das jedenfalls so. „Aber heuer haben wir acht Prozent weniger Erstjahreslehrlinge“, sagt Egon Blum, das ist mehr als die demografische Entwicklung erklären kann. Österreichweit hat sich die Zahl der Lehranfänger seit 2008 auf 21.503 praktisch halbiert.

„Schlicht  furchterregend“

„Die Realität in der Lehrlings-Entwicklung ist schlichtweg furchterregend und dramatisch, es herrscht Notstand am Lehrstellenmarkt“, versucht der ehemalige Regierungsbeauftragte in einem Schreiben die Sozialpartner wachzurütteln. Er ortet ein enormes Imageproblem der Lehre. Die Mehrzahl der Betriebe bilde zwar gut aus, „aber zu viele Unternehmen bilden schlecht aus“. Vier von zehn Lehrverhältnissen wurden 2013 vorzeitig aufgelöst, Tendenz steigend. Und warum? „Tausende brechen jedes Jahr die Lehre ab, weil sie schlecht informiert oder zu oft für berufsbildfremde Tätigkeiten eingesetzt werden“,sagt Blum. Die öffentliche Meinung hat ihr Urteil längst gefällt: Jugendliche mit schlechten Zeugnissen passen in eine Lehre, die Begabten in die weiterführenden Schulen mit Blickrichtung Universität. Da ist wenig von Eignung und Neigungen die Rede, stattdessen führt oft elterliches Vorurteil Regie.

Demografische Entwicklung © Quelle:WKO, Grafik: Keystone

AK-Präsident Hubert Hämmerle hat mit Egon Blum viel gemeinsam. Beide sind gelernte Werkzeugmacher und kennen die Lehre, wie sie sein sollte. Gemeinsam betonen sie, dass es fünf vor zwölf ist, wenn der Niedergang der dualen Ausbildung nach 2008 endlich gestoppt werden soll. Der Lehrstellenschwund erfordere unverzügliche Maßnahmen, sagt Blum. Damit vor allem bei Kleinbetrieben die Hemmschwelle steigt, das Handtuch zu werfen, schlägt Blum einen „Treuebonus“ von 2000 Euro für maximal zwei Lehrlinge pro Firma und Jahr vor. Die Kosten für diese Lehrlingsförderung beziffert er selbst mit 61 Millionen Euro. Als weiteren Anreiz regt er unter anderem einen „Qualitätsbonus“ von 3000 Euro nach dem zweiten Lehrjahr inklusive Qualifikationsnachweis an. Diese Überprüfung der Fortschritte zu Mitte der Lehrzeit hält auch der AK-Präsident für ganz entscheidend: „Dass jeder Fünfte bei der Abschlussprüfung durchfliegt, kann es wirklich nicht sein.“

Immer mehr scheitern, weil Ausbildung Ausdauer braucht

DURCHHALTEN. Kaum jemand weiß besser als die 18-jährige Maria Kallenbach, dass eine Berufslaufbahn Kurven und Kanten hat. Die Bludenzerin wird 2016 ihre dreieinhalbjährige Lehre als Elektronikerin bei der b2 electronic GmbH in Klaus abschließen. Bis dorthin war es ein weiter Weg.

Untypischer Weg

„Zwei Jahre lang hab ich die BAKiP in Feldkirch besucht.“ Ursprünglich wollte Maria ja Kindergärtnerin werden. Aber sie musste sich eingestehen: „Das ist nicht mein Beruf.“ Weil sie als kleines Kind schon Radios und Computer zerlegt hat, „ohne sie freilich wieder zusammenzukriegen“, trat sie eine Lehrausbildung an. Als Elektroinstallateurin. Auf dem Bau. Ungewohntes Terrain für eine junge Frau. „Ich hab auch oft genug zu hören gekriegt, dass das Frauen nicht können.“ Nach einem Jahr sattelte sie auf Elektronik um, „weil das einfach die Zukunft ist“. Schwer? „Ja, sehr. In der Schule war das sehr schwierig für mich“, gibt sie zu. Aber inzwischen „hab ich das gut im Griff“.
Berufsschuldirektor Werner Allgäuer nickt. Er hätte gerne mehr Jugendliche von der Sorte. Aber die Realität sieht anders aus.

Jeder fünfte Lehrling fällt heute bei der Lehrabschlussprüfung durch. „Viele Jugendliche, die zu uns kommen, bringen gewisse Kompetenzen nicht mehr mit: Wie man lernt zum Beispiel, wie man sich organisiert, Stillsitzen, Konzentration, Durchhaltevermögen …“ Auch ist der Lehrstoff anspruchsvoller geworden. „Mit Auswendig-Lernen kommt man heute nicht mehr durch.“ Selbstständiges Denken steht im Vordergrund.

Lernen erfordert Geduld

Warum sich das so dramatisch verändert hat? „Da tappen wir alle im Dunkeln.“ Gründe gibt es viele: Auch wenn es komisch klingt, aber dass die Schönschrift geopfert wurde, hat zur Folge, dass den Kindern die Zeit fehlt, sich mit ihrer Schrift überhaupt auseinanderzusetzen. „Dann spielen die elektronischen Medien eine Rolle“, und keine gute. Aufmerksamkeitsdefizite rühren auch daher, dass Kinder von klein auf darauf trainiert werden, Antworten und Bestätigung auf Knopfdruck zu erhalten. Lernen aber ist bedeutend komplexer.
Lehrlingsexperte Egon Blum, der in Vorarlberg auch an der Wiege des überbetrieblichen Ausbildungszentrums stand, fasst das Elend in Zahlen: „Wir haben in Österreich rund 70.000 Jugendliche, die als nicht ausbildungsfähig gelten.“ So viele Menschen wohnen in Bregenz und Dornbirn zusammen.

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