Betreuung von Kleinkindern in der Spielgruppe © Jürgen Gorbach, AK
Betreuung von Kleinkindern in Spielgruppe © Jürgen Gorbach, AK
23.2.2018

Betreuung der Kinder ist zu starr

Alle führen das Wort von der Familienfreundlichkeit im Mund. „Aber schöne Worte helfen nicht weiter“, betont AK-Präsident Hubert Hämmerle. Dass über die Notwendigkeit von familienfreundlichen Arbeitszeiten, flexiblerer Kinderbetreuung und qualifizierteren Arbeitsplätzen für teilzeitbeschäftigte Frauen offenbar Einigkeit herrscht, ist allenfalls ein erster Schritt. 

Der AK-Präsident begrüßt es, dass nun endlich auch in der Industrie und beim Land klar ist, dass der von der AK seit Jahren kritisierte unzureichende Ausbau der Ganztagesbetreuung in Vorarlberg ein Wachstumshemmnis ist und Familien mit Kindern benachteiligt. „Damit und durch den strukturellen Mangel an attraktiven familienfreundlichen Erwerbsmöglichkeiten entgehen unserem Land Wohlstand und den Familien entsprechende Einkommensmöglichkeiten.“

Ausbau forcieren

Wie Abhilfe schaffen? Die Landesregierung muss den Ausbau der Kinderbetreuung überdenken, fordert Hämmerle. „Jeder Sprengel braucht, zumindest an einem Standort, eine durchgängige Ganztagesbetreuung für Kinder von null bis zwölf Jahren, um Frauen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen.“

Newsletter

Jetzt kostenlos abonnieren!

Tipp

Den Kinderbetreuungsatlas der AK finden Interessierte im Web unter kba.ak-vorarlberg.at

"Die Frauen stellten sich Betreuungszeiten von 06.45 bis 17 Uhr vor, auch ein Mittagessen war erwünscht."

Betriebsratsvorsitzende Perrine Burtscher

Dies war das Ergebnis einer Befragung in der Firma Getzner.

"Bei den Drei- bis Unter-Sechsjährigen werden fast alle Kinder betreut werden müssen."

MMAG. Eva King

Darauf weist auch die Studie des Trendforschung des Instituts für Familienforschung hin.

"Kann das Kind ja nicht in die Fabrik mitnehmen."

SAndra b. (40)

Sie steht immer wieder vor der organisatorischen Herausforderung, mit Ausnahmesituationen umzugehen.

Aus der Praxis

„Am Faschingsdienstag wurde wieder bewiesen, dass man als Eltern von Schulkindern besser nicht einer geregelten Arbeit nachgehen sollte.“ Die 40-jährige Sandra B. erzählt sich den Frust von der Seele. Sie arbeitet in einem großen Dornbirner Produktionsbetrieb. Ihre siebenjährige Tochter besucht die Volksschule. Aber am Faschingsdienstag haben Schulkinder nachmittags frei. „Ich hab also für meine Tochter Mittagessen und Nachmittagsbetreuung gebucht.“ Das haben viele Mütter und Väter getan. Nur Sandra hatte Pech. Ein paar Tage später erhielt sie die Nachricht, dass ihre Tochter schon um elf Uhr nach Hause geschickt wird. „Mittagessen und Nachmittagsbetreuung entfielen.“

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Sandra und ihr Partner arbeiten extra in Teilzeit, „wir verzichten auf Gehalt und Karriere und geben Geld für Nachmittagsbetreuung aus“. Und dann ist Faschingsdienstag oder Skitag, Wandertag oder letzter Tag vor irgendwelchen Ferien, Fortbildung der Lehrer, schulautonomer Ferientag usw. Dazu kommen noch die 16 Wochen Ferien, kurz: „Unser Organisationstalent wird ständig gefordert. Was auf der Strecke bleibt, ist die Konzentration in der Arbeit! Aber wir wollen, wir müssen arbeiten! Und in Teilzeit wollen wir die Zeit in der Arbeit auch mindestens 100 Prozent geben.“

Dauerbrenner Kinderbetreuung

„Sandras Beispiel steht für viele.“ Das weiß AK-Präsident Hubert Hämmerle aus unzähligen Gesprächen mit Betroffenen. Dem Ruf der Industrie nach mehr weiblichen Arbeitskräften hält er das Dilemma der Arbeitswelt entgegen, wie sie wirklich ist: „Es gebricht in vielen Firmen an familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen – auch für Männer – und an gutbezahlten Jobs für Frauen sowieso.“

Dabei ist der wachsende Bedarf an Kinderbetreuung alles andere als ein gut gehütetes Geheimnis. Der Betreuungsbedarf in Vorarlberg wird bis 2021 weiter ansteigen, entnimmt MMag. Eva King (AK-Grundlagenarbeit) der Trendforschung des Instituts für Familienforschung. 

„Bei den Drei- bis Unter-Sechsjährigen werden fast alle Kinder betreut werden müssen. Auch bei den Ein- und Zweijährigen ist mit starken Anstiegen zu rechnen.“ Fazit: „Es reicht nicht, wenn das Land heuer um 400 Betreuungsplätze aufstocken will“, sondern „es geht vor allem um die Verfügbarkeit von Ganztagesbetreuung für Kinder von null bis sechs und um schulische Nachmittagsbetreuung“.

Gute Lösung

Getzner „Buntstiftle“ 

Die Bludenzer Getzner Textil AG hat in ihrem Bereich reagiert. Sie fand in der Stadt einen guten Partner. „Wir haben im März 2017 mit einer Umfrage im Unternehmen den Bedarf erhoben“, erzählt Betriebsratsvorsitzende Perrine Burtscher. Mitarbeiterinnen waren an sie und an Personalchef Matthias Walter herangetreten, „vor allem mit der Bitte um Betreuungsmöglichkeiten für Ein- bis Dreijährige“. Die Umfrage konkretisierte die Wünsche: „Die Frauen stellten sich Betreuungszeiten von 06.45 bis 17 Uhr vor, auch ein Mittagessen war erwünscht.“ 

Heute ist die Kinderbetreuung, „Getzners Buntstiftle“, die am 5. September 2017 für anfangs fünf Kinder aufsperrte, mit 17 Kindern voll ausgebucht. Vier Pädagoginnen kümmern sich um die Kleinen. Die Stadt Bludenz ist Trägerverein, Getzner bezahlt einen Jahresbetrag und unterstützt auch die Mitarbeiterinnen, die ihre Kinder dem „Buntstiftle“ anvertrauen, finanziell.  „Mit bis zu 1000 Euro im Jahr, je nach Inanspruchnahme des Betreuungsangebots“, sagt Personalchef Matthias Walter. Schon wurde der Wunsch laut, das Angebot auszuweiten. Vielleicht kommt ein Kindergarten dazu? Aber das ist noch nicht spruchreif. Jedenfalls haben sich schon andere Betriebe das Getzner Modell der Kooperation mit der Standortgemeinde angeschaut, das vielleicht bald schon Schule macht.

Kind in der Werkshalle? 

Sandra B. aus Dornbirn muss indes weiter schauen, wie sie zurande kommt. Am Faschingsdienstag hat eine Freundin, die vor demselben Problem stand, ihre Tochter kurzerhand mit zur Arbeit genommen. „Sie arbeitet in einem Pflegeheim, da ging das.“ Für Sandra kam das nicht in Frage. „Als Projektleiterin ist mein Arbeitsplatz oft mitten in der Fertigung“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Ich kann das Kind doch nicht in die Fabrik mitnehmen.  Da fahren Gabelstapler, Maschinen laufen. Ich müsste die Kleine bei jedem Gang zur Toilette begleiten.“  Nein, das kann sie nicht. Aber die Landesregierung sollte den Ausbau der Kinderbetreuung überdenken, fordert AK-Präsident Hämmerle. Nicht einmal jeder sechste Kindergarten im Land entspricht den Kriterien für Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wie eine Untersuchung der AK 2017 zeigt. „Jeder Sprengel braucht zumindest an einem Standort eine durchgängige Ganztagesbetreuung für Kinder von null bis zwölf Jahren, um Frauen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen.“


Forderung

Mit 400 zusätzlichen Plätzen in der Kinderbetreuung setzt das Land für 2018 weitere wichtige Schritte. Nötig wären in den Augen von AK-Präsident Hubert Hämmerle freilich Sofortmaßnahmen, um Betreuungspflichten und Arbeit vereinbar zu machen. Er fordert für jeden Sprengel Vorarlbergs zumindest einen Standort mit Ganztagesbetreuung für Kinder von 0 bis 12 Jahren.