26.2.2016
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Die irre Abzocke mit der Notlage

Sich aus der eigenen Wohnung auszusperren, kann zum sündteuren Malheur werden. Wenn man an den falschen Schlüsseldienst gerät, sind bis zu 800 Euro fällig. In letzter Zeit häufen sich in Vorarlberg Fälle, in denen völlig überhöhte Preise verlangt wurden.

Natürlich soll es schnell gehen. Reflexartig, so ist die heutige Zeit, wird vor verschlossener Tür am Handy nach dem nächsten Schlüsseldienst gegoogelt. Allerdings entpuppen sich solche Schlüssel- beziehungsweise Aufsperrdienste immer wieder als Unternehmen mit deutscher Privatadresse. Sie bieten ihre Leistungen zumeist zu völlig überhöhten Preisen an.

In mehreren anderen Bundesländern mussten die AK-Konsumentenschützer bereits entsprechende Warnungen ausgeben. In den vergangenen Wochen kam es nun auch in Vorarlberg zu einer auffälligen Häufung von Beschwerden von betroffenen Konsumenten. Da es sich zum Teil um immer die gleiche Firma im Hintergrund handelt, die unter verschiedenen Bezeichnungen auftritt, liegt der Verdacht nahe, dass systematisch „fliegende Mitarbeiter“ quer durch Österreich „auf Bereitschaft“ abgestellt sind. 

Nähe vorgetäuscht

Das Muster wiederholt sich durch alle Bundesländer. Der Konsument in Notlage sucht im Internet nach „Schlüsseldienst“ und seinem Wohnort. Es kommen Einträge wie sinngemäß „Schlüsseldienst 24h“, „Schüsseldienst rund um die Uhr“ oder konkrete Kombinationen wie Schlüsseldienst Bregenz“ oder „Schlüsseldienst Rankweil“. Ein interessantes Detail: Ob am Handy oder an einem Standgerät gegoogelt wird, die Angebote können unterschiedlich sein – manche verschwinden nach ein paar Tagen wieder und werden durch abgeänderte Anzeigen ersetzt.

So oder so: Die Homepages erwecken den Eindruck, es handle sich um ein regionales Unternehmen, das in kürzester Zeit vor Ort ist. Die potenzielle Kundschaft wird auch kaltschnäuzig angelogen. „Wir kennen mehrere Fälle, wo sich Konsumenten am Telefon zuerst erkundigt haben, ob die Firma die oder jene ortsansässige sei, die man kennt oder irgendwann einmal wahrgenommen hat. Aber sicher, hieß es dann.“ Vorgefahren ist dann ein Privat-Pkw mit deutschem Kennzeichen, mit einem ausländischen Mitarbeiter, der die Rechnung im Namen eines deutschen Anbieters überreichte. 

Unter Druck gesetzt

Wären Leistung und Preis im üblichen Rahmen – okay. Sie sind es oft nicht. Beispielsweise wurden einem Vorarlberger Behinderten über 700 Euro in Rechnung gestellt. Aus anderen Bundesländern weiß Karin Hinteregger, dass es für eine Viertelstunde Arbeit mit Anfahrtspauschale auch 800 Euro sein können.
Zudem, und hier wird es wirklich ungut, drängen die fliegenden Kolonnen auf sofortige Barzahlung und üben mit der Drohung, die Polizei zu rufen, enormen Druck aus. Von ähnlichen Erlebnissen berichten Konsumenten auch,
wenn sie unter der Telefonnummer des Schlüsseldienstes mit dem Vorgesetzten Kontakt aufnahmen.

Seriöse Unternehmen arbeiten anders. 

Seriöse Unternehmen haben eine Adresse und sind im Fall von Reklamationen oder Fragen für die Kunden erreichbar. Das ist hier nicht immer der Fall. Auf den Webseiten einiger Anbieter ist kein Impressum oder keine Firmenanschrift zu finden. Oder der Klick aufs Impressum führt ins Leere oder die Firmenanschrift auf der Quittung stellt sich als frei erfunden heraus. So kam die Post mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurück, nachdem der AK-Konsumentenschutz in besonders krassen Fällen schriftlich intervenierte.   

Check der Versicherung

Übrigens: Bei manchen Haushaltsversicherungen und Kreditkarten ist die Inanspruchnahme eines Aufsperrdienstes einmal jährlich bzw. bis zu einem festgesetzten Betrag inkludiert. Häufig muss jedoch die Versicherung informiert werden, bevor Sie den Schlüsseldienst rufen. Schauen Sie in Ihren Versicherungsbedingungen nach. 

TIPP

Ich habe mich ausgesperrt – was tun?


  • Niemals „gegoogelte“ Aufsperrdienste anrufen oder beauftragen, wenn diese keine vollständige Firmenadresse (im näheren Umfeld) aufweisen oder gar kein Impressum vorhanden ist.
  • Erfragen Sie gleich bei der telefonischen Kontaktaufnahme die Preise und den Sitz des Unternehmens (genaue Anschrift!) und vergleichen diese mit der Homepage.
  • Wer einen Schlüsseldienst anfordert, sollte nach Möglichkeit nicht alleine bleiben. Bitten Sie allenfalls Nachbarn, Freunde oder Bekannte, bei der Türöffnung dabei zu sein.
  • Lassen Sie sich alle Arbeitsschritte vorher genau erklären, um allfällige Kosten abwägen zu können. Große Preisunterschiede bestehen meist zwischen der Öffnung einer versperrten und einer lediglich zugefallenen Tür.
  • Zahlen Sie nur für nachvollziehbare Kosten und bestehen Sie darauf, für Mehrforderungen einen Erlagschein zu bekommen. Keinesfalls zu einer überhöhten Bezahlung vor Ort drängen lassen. Von einer Begleitung des Handwerkers zum Bankomat zwecks Barzahlung wird abgeraten. Bestehen Sie auf der Ausstellung einer korrekten Quittung!
  • Wenn der Schlüsseldienst überzogene Preise verlangt und Druck auf Sie ausübt oder Sie sich bedroht fühlen, rufen Sie die Polizei. Notieren Sie sich das Kennzeichen des Firmenfahrzeuges.
  • Hinterlegen Sie einen Ersatzschlüssel bei Nachbarn, Verwandten oder Freunden, denen Sie vertrauen.
  • Notieren Sie sich die Nummer eines zuverlässigen Schlüsseldienstes (z. B. am schwarzen Brett im Stiegenhaus oder in Ihrem Handy).
  • Wer sich aus einem Auto aussperrt, ist meist bei den Autofahrerclubs gut aufgehoben.

Liste der heimischen Anbieter zugesagt

In einer so heiklen Situation wollen die Konsumenten aus nachvollziehbaren Gründen nicht nur möglichst schnelle Hilfe, sondern auch einen vertrauenswürdigen Dienstleister. Schon wegen möglicher Gewährleistungsansprüche scheint ihnen ein Unternehmen in der Nähe ideal. In mehreren anderen Bundesländern hat die dortige Wirtschaftskammer eine Liste der ansässigen Aufsperrdienste mit Gewerbeberechtigung öffentlich gemacht. Auf Anregung der AK Vorarlberg will die zuständige Innung der Metall- und Elektrotechniker diesem Beispiel folgen. Dazu braucht es formal einen Beschluss des zuständigen Innungs-Ausschusses. Bei der nächsten Sitzung (im April, Anm.) soll vereinbart werden, in welcher Form die Liste veröffentlicht wird.

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