3.7.2015
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Gemeinsame Schule scheidet die Geister

FAHRPLAN. Wenn die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen in den Medien oder am Stammtisch zum Thema gemacht wird, darf man sich auf sehr emotionale Diskussionen gefasst machen. Es gibt meist nur zwei Lager: Entweder glühende Verfechter oder mahnende Kritiker.
Seit Landesrätin Bernadette Mennel die Untersuchungsergebnisse der Studie bekannt gab und die Schlussfolgerung daraus, also die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen innerhalb von acht bis zehn Jahren in Vorarlberg einzuführen, wird der dazugehörige Fahrplan mit Spannung erwartet.

Umfrageergebnisse © AK, AK

Solide Datenbasis

Um Informationen aus erster Hand zu bekommen, lud der Landeselternverband eine der Studien-Autorinnen in den Saal der AK Vorarlberg in Feldkirch ein. Dr. Gabriele Böheim-Galehr (Vizerektorin der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg und Projektkoordinatorin der Studie) präsentierte die Eckdaten zur Untersuchung „Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg“. Fast 20.000 Fragebögen wurden ausgewertet, was der Untersuchung eine sehr breite und solide Datenbasis gibt. Ihr Fazit: Viel zu oft spielen Faktoren in der Bildungslaufbahn von Kindern in Vorarlberg eine Rolle, die nichts mit Begabung oder Leistungsfähigkeit zu tun haben. So hat etwa der Wohnort beträchtlichen Einfluss auf die Schulwahl. Im Bregenzerwald besuchen 98 Prozent der Kinder nach der Volksschule eine „Neue Mittelschule“ (NMS). In der Stadt Bregenz sind es rund 50 Prozent, die andere Hälfte besucht ein unterstufiges Gymnasium. Die Erklärung liegt auf der Hand: In Bregenz gibt es vier AHS-Unterstufen, im Bregenzerwald keine einzige.

Auch der sozioökonomische Status spielt eine maßgebende Rolle. Dieser Begriff umfasst eine Vielzahl von Lebensumständen, wie etwa Schulabschlüsse, Beruf, Einkommen und viele mehr. In Österreich werden Bildungsabschlüsse – und damit auch Zukunftschancen – oft vererbt.
Das heißt: Nur ein Drittel der Kinder erreicht einen höheren Bildungsabschluss als die Eltern. Knapp 70 Prozent schließt nur eine gleichwertige oder sogar niedrigere Ausbildung ab.

Deutliche Unterschiede

Gefragt wurde auch nach der Bereitschaft zur Weiterentwicklung der Schule der 10- bis 14-Jährigen. 58 Prozent der Eltern von Mittelschulkindern unterstützen nach der Volksschule eine Schule für alle. Eltern von AHS-Schülern befürworten diese Schulform nur zu 45 Prozent.
Deutlich größer sind die Unterschiede bei den Lehrern. Bei den AHS-Lehrern unterstützen nur 25 Prozent die gemeinsame Schule, aber mehr als drei Viertel der NMS-Lehrer sprechen sich dafür aus.

Die Begeisterung für eine gemeinsame Sekundarstufe 1 hält sich also speziell bei AHS-Lehrern noch sehr in Grenzen. Eltern und NMS-Lehrer sind da schon näher bei den politischen Entscheidungsträgern, die in spätestens zehn Jahren die gemeinsame Schule bis zur achten Schulstufe zur Bildungsrealität in Vorarlberg machen wollen.

Den zweiten Vortrag steuerte Professor Michael Schratz bei, er ist Dekan der Fakultät für Bildungswissenschaften und Professor am Institut für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck. Er setzte sich mit den pädagogischen Konzepten auseinander, die nötig sein werden, um diese Schulform erfolgreich zu etablieren. Zu Beginn seiner Ausführungen wies er auf seine Erfahrungen in Innsbruck hin.

So sei es einem Kind mit einem „Gut“ (also Schulnote 2) im Zeugnis nicht möglich, in eine Schule seiner Wahl zu gehen, weil es nicht gut genug für ein Unterstufengymnasium sei. Diese Prägung werde ein Leben lang mitgeschleppt und führe zu einer Stigmatisierung. Es sei vielmehr nötig, die unterschiedlichen Begabungen der Schüler herauszuarbeiten und sie als Wert zu erkennen.
„Es zeigt sich in allen erfolgreichen Schulsystemen, dass sie gelernt haben, wie man den Unterricht in heterogenen Gruppen so organisiert, dass die persönlichen Fähigkeiten individuell gefördert werden“, so Schratz. 

Bildungshaus Vorarlberg

Kommentar von Gerhard Ouschan

Sie soll also kommen, die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen. Nach zwei Jahren Forschung folgt Landesrätin Bernadette Mennel den Empfehlungen der „Architekten“ des Forschungsergebnisses und kann auf einen historischen politischen Schulterschluss bauen. Die Fertigstellung des Bildungshauses steht mit spätestens 2025 auch schon fest.
Was fehlt, ist die Baugenehmigung mit allen Detailplänen. Die ersten Bauverhandlungen zeigen, nicht alle Anrainer können sich mit dem Projekt anfreunden. Mennel steht auch in der eigenen Fraktion unter schwerem Feuer. Die Initiative „Pro Gymnasium“ will mit offenem Visier gegen die gemeinsame Schule kämpfen. ÖVP-Klubobmann Frühstück unterstützt einen Beschluss zur Zulassung einer Modellregion erst, wenn alle Anrainer überzeugt sind. Landeshauptmann Wallner betrachtet die rechtliche Umsetzung als noch nicht vorrangig.
Wer die Veranstaltung „Neues aus der Schule“ besucht und die anschließende Diskussion verfolgt hat, weiß: Die Unsicherheit ist groß. Bei Eltern wie bei Lehrern. Und solange keine Pläne vorliegen, was bis wann passieren soll und wer dafür zuständig ist, wird die Verunsicherung bleiben. Klar ist auch, jedes System hat Kritiker. Der bildungspolitische Schulterschluss aller Fraktionen sollte Mennel aber Mut zur Umsetzung machen. Und dafür braucht es möglichst rasch Pläne und Inhalte.


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