Erzieherin liest Buch mit Kindern  © Robert Kneschke, stock.adobe.com
Der Online-Kinderbetreuungsatlas der AK Vorarlberg wird ständig weiterentwickelt. © Robert Kneschke, stock.adobe.com

Kinderbetreuung: besser, aber noch nicht gut genug

Kinderbetreuung ist seit Jahren eines der wichtigsten Themen: sowohl sozial- als auch gesellschaftspolitisch. In diesem Jahr hat das Thema aus bekannten Gründen eine neue Brisanz erfahren, die nachhaltig zu notwendigen Veränderungen führen wird und muss. Und nicht nur aus Betreuungssicht. Denn Studien belegen auch klar, dass die Qualität der frühkindlichen Bildung, so wollen wir Betreuung künftig nennen, einen nachweislichen Effekt auf die Persönlichkeitseigenschaften bis ins Jugendalter hat.  

Die frühe Bildung, und somit auch der Besuch einer Kindertageseinrichtung, ist mit Blick auf viele Fähigkeiten, auch nichtkognitive wie Durchsetzungsfähigkeit, Gewissenhaftigkeit oder Offenheit für Neues, besonders wichtig. Denn meistens bilden sich solche Fähigkeiten bereits früh im Lebensverlauf heraus und erleichtern das spätere Erlernen weiterer Fähigkeiten. Aus ökonomischer Sicht ist der Erwerb nichtkognitiver Fähigkeiten unter anderem für den späteren Bildungs- und Arbeitsmarkterfolg bedeutend.  

„Wir möchten Kinderbetreuung nicht nur auf die Betreuungszeiten und -angebote reduzieren“, verweist Gerhard Ouschan, Leiter des AK-Bildungsbereichs auf die Wichtigkeit des Themas für die AK Vorarlberg. 

Die aktuellen Kinderbetreuungsquoten liegen in Vorarlberg bei 27,7 Prozent bei den 2-Jährigen und 95,2 Prozent bei den 3 -bis 5-jährigen Kindern. Bei den „Kleinen“ hat sich der Wert in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt.

Grafik Betreuungsquoten Vorarlberg © Grafik

Laut einer aktuellen Auswertung des Kinderbetreuungsatlasses der AK Vorarlberg gab es 2019/2020 in Vorarlberg 458 institutionelle Betreuungseinrichtungen, davon sind 251 Kindergärten, 155 allgemeine Kinderbetreuungseinrichtungen und 52 Spielgruppen. Mit Stichtag 15. Oktober 2019 waren 17.604 Kinder in Kindertagesheimen eingeschrieben. Mit 10.104 Kindern war der Großteil davon in Kindergartengruppen untergebracht, 7.313 besuchten Kleinkindbetreuungs- oder Spielgruppen und 187 altersgemischte Betreuungsgruppen. „Für die Auswertung unseres Online-Tools greifen wir sowohl auf die Daten, die uns die Einrichtungen bekannt geben, als auch auf die Auswertung der Kindertagesheimstatistik zurück“, erläutert Ouschan die Grundlagen der Analyse. 

Besonders bedeutsam ist für die AK-Vorarlberg die Entwicklung der Einrichtungen, deren Betreuungsangebote eine ganztägige Beschäftigung der Eltern ermöglichen. Diese Werte bilden sich im sogenannten VIF (Kriterien siehe Randspalte), das ist der Vereinbarkeitsindikator für Familien, ab. Dieser Indikator wurde 2008 von der Arbeiterkammer gemeinsam mit der Statistik Austria entwickelt und wird jährlich in der Kindertagesheimstatistik ausgewiesen. 

In Vorarlberg besuchten im vergangen Berichtszeitraum 41,5 Prozent der 3-5-jährigen Kinder Einrichtungen, die diesen Kriterien entsprechen. Der bundesweite Durchschnitt beträgt hier 33,1 Prozent (Anm.: Ohne Wien; mit Wien: 46,8%). „Wien wird im Bundesschnitt in unserer Auswertung nicht berücksichtigt, nachdem dort aufgrund des besonderen Augenmerks der Politik auf die frühkindliche Bildung so gut wie alle Kinder in VIF-konformen Einrichtungen betreut werden“. Somit werden in Vorarlberg nach Wien und der Steiermark prozentuell die meisten Kinder in VIF-tauglichen Einrichtungen betreut. 


Tabelle

Betreute Kinder in VIF-konformen Einrichtungen - ohne Wien

Bundesland0 bis 5 Jahre0 bis 2 Jahre3 bis 5 Jahre
Steiermark49,3 %47,0 %49,8 %
Vorarlberg45,4 %58,7 %41,5 %
Kärnten45,0 %72,4 %37,6 %
Tirol42,3 %52,1 %39,5 %
Salzburg37,3 %40,4 %36,6 %
Österreich34,6 %41,0 %33,1%
Burgenland31,7 %26,8 %33,3 %
Oberösterreich25,5 %24,9 %25,6 %
Niederösterreich24,1 %32,2 %22,0 %

„Dieser Wert täuscht ein wenig, denn diese Einrichtungen konzentrieren sich in Vorarlberg auf die Städte und großen Gemeinden“, verweist Gerhard Ouschan auf eine AK-Auswertung, die die Tagesheimstatistik nicht bietet. „Wir erheben auch, wie viele Einrichtungen tatsächlich der Lebenssituation ganztagsbeschäftigter Eltern entsprechen und hier zeigt sich, dass in Vorarlberg nur 27,1 Prozent der Kindergärten in der Betreuung mit einer Vollzeitbeschäftigung beider Eltern oder einer Alleinerzieherin vereinbar sind“, sieht Ouschan großen Aufholbedarf insbesondere in den ländlichen Gebieten aber auch eine positive Entwicklung seit 2017, denn da waren es gerade einmal 15 Prozent. (Anm.: 32 Gemeinden verfügen über eine VIF-konforme Einrichtung);

VIF Gesamt (Kindergärten und Allgem. KB-Einrichtungen)

VIF Kriterien AlleEinrichtungen GesamtVIFVIF %
Vorarlberg40615437,9 %
Bregenz1313325,2 %
Dornbirn833238,6%
Feldkirch1164538,8 %
Bludenz761925,0 %

VIF Kindergärten

VIF Kriterien AlleKindergärten GesamtVIFVIF %
Vorarlberg1516827,1 %
Bregenz832024,1 %
Dornbirn481837,5 %
Feldkirch722433,3 %
Bludenz48612,5 %

VIF Allgemeine Kinderbetreuung

VIF Kriterien AlleAllgemeine Kinderbetreuung gesamtVIFVIF %
Vorarlberg1558655,5 %
Bregenz482552,1 %
Dornbirn352777,1 %
Feldkirch442147,7 %
Bludenz281346,4 %


Beispiel: „MediKids“ 

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AKtion September 2019

Eltern, die ihre Kinder gut versorgt wissen, haben ihren Kopf auch frei für die Arbeit.

Hubert Hämmerle

AK-PRÄSIDENT

Die VIF-Kriterien

„VIF“ steht für Vereinbarkeitsindikator für Familie und Beruf. Seine Kriterien sind:
● Mindestens 45 Stunden wöchentliche Öffnungszeit, von Montag bis Freitag
● An vier Tagen pro Woche muss die Einrichtung mindestens 9,5 Stunden geöffnet haben.
● Mittagessen muss zumindest von Montag bis Donnerstag angeboten werden. 
● Höchstens 25 Betriebstage pro Jahr geschlossen.

Es geht um das Kind, um seine optimale Betreuung und Bildung. das ist das Wichtigste.

Gerhard Ouschan

Leiter des AK-Bildungsbereichs

In 25 Vorarlberger Gemeinden gibt es zumindest einen Kindergarten, der die VIF-Kriterien erfüllt. Alleine dieser Wert zeigt wie wichtig es ist, gemeindeübergreifende Betreuungskonzepte zu entwickeln. (Anm.: insgesamt sind es 68 KG; 93 Gemeinden haben KG)
 
Aber woran scheitern die Einrichtungen, wenn es um die Erfüllung der Kriterien geht? „Das größte Manko sind die Betriebszeiten. 137 Kindergärten, oder 54 Prozent, bieten an keinem Tag die erforderliche Betreuungszeit“, erläutert Ouschan und weist darauf hin, dass nur 72 Kindergärten zumindest vier Tage in der Woche 9,5 Stunden geöffnet haben.
 
Eine weitere Herausforderung bedeuten die Schließtage. Ein Drittel der Kindergärten schließt an mehr als 25 Tagen, ein Fünftel gar an mehr als 50 Tagen jährlich. „Gegenüber unserer ersten Auswertung vor drei Jahren ist das bereits ein großer Fortschritt, aber noch weit von dem entfernt, was wir uns für die Familien wünschen“, verweist Ouschan auch auf eine repräsentative Elternbefragung aus dem Jahr 2019.
 
Welche Herausforderungen die Schließtage für die Eltern haben, zeigen die Auswirkungen des Corona-bedingten Zeitaufwands der Eltern für die häusliche Betreuung. „Hier rinnen den Eltern schlichtweg die Urlaubstage für Betreuung davon, wenn ihr Kindergarten im Sommer geschlossen hat. Derzeit häufen sich die Anfragen besorgter Eltern, die wissen möchten, wie sie ihre Betreuung organisieren, falls ihre Einrichtung im Herbst wieder schließen muss. Großeltern kommen nicht in Frage, der Urlaub ist verbraucht, Pflegeurlaub greift nicht und Homeoffice allein löst bei allem Charme dieser mittlerweile populär werdenden Arbeitsweise nicht die Probleme, denen sich Eltern stellen müssen. Es entstehen schlichtweg oft Mehrfachbelastungen durch ausfallende Bildungs- und Betreuungszeiten.
 
„Die Städte sind eigentlich gut aufgestellt, hier ist die Entwicklung sehr positiv. Was aber notwendig ist, sind verbindliche Ganztagsangebote für alle Familien, die nicht davon abhängig sind, dass nachmittags mindestens fünf Kinder betreut werden“, zeichnet Ouschan die Realität aus der Analyse der Öffnungszeiten und Nachfragen in Einrichtungen.
 
Im Sommer geschlossene Kindergärten gehören in Österreich und auch Vorarlberg hoffentlich bald der Vergangenheit an. „Traurig genug, dass ein Virus für eine längst verdiente Mehrbeachtung der frühkindlichen Bildung sorgen muss“, hofft Ouschan auf eine rasche strategische Entwicklung der ersten sechs Bildungsjahre. Viele Studien belegen, dass die ersten Bildungsjahre entscheidend für den gesamten Bildungsverlauf eines Menschen sind und so Ouschan, „gute Frühbildung auch die Defizite sozialer Herkunft auszugleichen vermag“. Dafür sind laut Ouschan gesamtheitliche Konzepte für die Frühbildung notwendig, die über die Diskussion der Betreuungszeiten hinausgehen müssen. Ein solches Gesamtkonzept muss als Priorität betrachtet werden und beinhaltet den Bedarf für Betreuung über die inhaltliche Ausgestaltung der frühen Bildung bis hin zu den Bedürfnissen der Kinder, „denn die sollen ja in der chancenreichsten Region Europas aufwachsen“.
 
Und der Blick auf die demografische Entwicklung zeigt, dass auch für die nächsten Jahrzehnte die Geburtenentwicklung auf dem Niveau der letzten Jahre bleiben wird, appelliert Ouschan nachdrücklich auf eine Gesamtstrategie des Landes für Kinderbildung.
 

 

Öffnungszeiten und Schließtage

Bei Schließtagen hat Ländle Aufholbedarf

Kinderbetreuungsatlas der AK bietet von 458 Einrichtungen im Land detaillierte Informationen an.  

Ein zentrales Thema im Atlas sind die Öffnungs- und Schließzeiten. Knapp 70 Prozent aller Einrichtungen in Vorarlberg öffnen ihre Türen zwischen 7 und 7.30. Vor 7 Uhr öffnen lediglich 13 Einrichtungen in Vorarlberg. Das sind fünf Kindergärten und acht Kinderbetreuungseinrichtungen.

55 Prozent der 458 Einrichtungen schließen ihre Pforten vor 17 Uhr. 92 Einrichtungen haben zumindest bis 18 Uhr geöffnet (40 Kindergärten, 50 Kinderbetreuungen, zwei Spielgruppen). Heiß und zurecht diskutiert werden immer wieder die Schließtage pro Jahr. Demnach hat jeder fünfte Kindergarten mehr als 50 Tage im Jahr geschlossen. Besser schaut es bei der Kinderbetreuung aus. Hier stehen nur drei Prozent der Einrichtungen an mehr als 30 Tagen nicht zur Verfügung. Durchschnittlich haben in Österreich zehn Prozent der Kindergärten an mehr als 50 Tagen geschlossen. Vorarlberg hat hier großen Aufholbedarf und liegt an zweitletzter Stelle, noch vor Tirol.


zum Kinderbetreuungsatlas

Forderungen

Wie Kinderbetreuung verbessert werden könnte

Das Kinderbetreuungsangebot hat sich in Vorarlberg verbessert, keine Frage. Und doch liegt das Ländle im Bundesländervergleich bei der Kleinkindbetreuung ganz hinten. Warum? „Es wird zu viel kommunal gedacht“, kritisiert AK-Präsident Hubert Hämmerle. Den 12-Stunden-Tag bejubeln, aber flankierende Maßnahmen schuldig bleiben, ist der falsche Weg.

Deshalb fordert die AK ein Bündel von Maßnahmen, die alle das Kind in den Mittelpunkt stellen:

  • Gesamtstrategie für das Land Vorarlberg 
  • Kostenlose Kinderbetreuung für alle 
  • Mehr Betreuungsplätze, insbesondere für Kleinkinder
  • Recht auf frühkindliche Förderung ab 2. Lebensjahr
  • Fokus auf Qualität der Betreuung
  • Ausbau VIF-konformer Betreuung
  • Ausbau betrieblicher Kinderbetreuung
  • Verlässliche Kinderbetreuung auch in den Ferienzeiten
  • Aufhebung der Betreuungssprengel; Wahlfreiheit über einen Betreuungsplatz außerhalb der Gemeinde


Grafik

Öffnungszeiten nach Beginn

Wieviele Einrichtungen öffnen bereits vor 7 Uhr? Gibt es Spielgruppen in meinem Bezirk ab 7 Uhr? Einen Überblick finden Sie in der unten stehenden Grafik.

Mit den Pfeiltasten unter der Grafik wechseln Sie zwischen alle Einrichtungen, Kindergärten, Kleinkindbetreuung und Spielgruppen. Im Kopf der Grafik wechseln Sie zwischen den Bezirken.

Grafik

Öffnungszeiten nach Ende

Wieviele Einrichtungen haben bis 18 Uhr geöffnet? Wieviele schließen bereits vor 12 Uhr?

Mit den Pfeiltasten unter der Grafik wechseln Sie zwischen alle Einrichtungen, Kindergärten, Kleinkindbetreuung und Spielgruppen. Im Kopf der Grafik wechseln Sie zwischen den Bezirken.

Grafik

Öffnungstage und -stunden

Die Mehrheit der Betreuungseinrichtungen hat 5 Tage die Woche geöffnet, 3 haben sogar 6 Tage pro Woche geöffnet mit durchschittlich 9 Stunden pro Tag.

Facts

28.000 mal

haben Interessierte seit seiner Inbetriebnahme vor zwei Jahren auf den AK-Kinderbetreuungsatlas zugegriffen. 

656 Einrichtungen

sind im Atlas erfasst, 458 davon in Details ausgewertet.

54 Prozent

der Eltern mit Kindern bis sieben Jahre wünschen sich eine Verbesserung der Betreuungsangebote in den Ferien.

Links

Kontakt

Kontakt

Bildungsabteilung

Widnau 2-4, 6800 Feldkirch
Telefon +43 50 258 4100
oder 05522 306 4100

Anfrage senden

Beispiel: „MediKids“ 

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AKtion September 2019

Eltern, die ihre Kinder gut versorgt wissen, haben ihren Kopf auch frei für die Arbeit.

Hubert Hämmerle

AK-PRÄSIDENT

Die VIF-Kriterien

„VIF“ steht für Vereinbarkeitsindikator für Familie und Beruf. Seine Kriterien sind:
● Mindestens 45 Stunden wöchentliche Öffnungszeit, von Montag bis Freitag
● An vier Tagen pro Woche muss die Einrichtung mindestens 9,5 Stunden geöffnet haben.
● Mittagessen muss zumindest von Montag bis Donnerstag angeboten werden. 
● Höchstens 25 Betriebstage pro Jahr geschlossen.

Es geht um das Kind, um seine optimale Betreuung und Bildung. das ist das Wichtigste.

Gerhard Ouschan

Leiter des AK-Bildungsbereichs