27.06.2012
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Handy, SMS, Mail & Co: Für die einen Plage, für andere Segen

Immer mehr Arbeitnehmer sind davon betroffen: Durch das Handy ist man für Chef und Kunden auch in der Freizeit erreichbar und der Laptop macht das Zuhause zum zweiten Arbeitsplatz. Eine durchaus zwiespältige Entwicklung.

Eine von der deutschen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen losgetretene Diskussion schwappt auf Österreich über und sie ist auch hier überfällig. Angesichts steigender psychischer Belastung von Arbeitnehmern will Von der Leyen neue Regeln zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit aufstellen: „In der Freizeit sollte Funkstille herrschen.“


Kritik fuhr die Ministerin nicht nur von der Arbeitgeberseite ein. Auch zahlreiche Arbeitnehmer geißeln die Initiative als „Regelungswahn“. Handy & Co. machen schließlich auch flexibel. Hier eine Information telefonisch weitergeben, dort schnell eine Mail beantworten … schon hat man am nächsten Tag im Büro vermeintlich weniger Stress.

Doch ist es nicht vielmehr so, dass Stress nur verlagert und in Summe ausgedehnt wird? Schließlich heißt Freizeit freie Zeit – arbeitsfreie Zeit. Und wer den Beruf in seine Freizeit lässt, betrügt sich quasi selbst. Wenn die Ministerin klarere Abgrenzungen einmahnt, dann versucht sie auch, damit viele Arbeitnehmer vor sich selbst zu schützen.

„Kollektiver Wahn“

Flexibilität ist ein dehnbarer und tückischer Begriff. Ausmaß und mögliche belastende Begleiterscheinungen empfindet jeder unterschiedlich. „Der Eifer, mit dem viele Arbeitnehmer derzeit Belege suchen, dass sie so viel und so hart arbeiten wie kaum eine Generation zuvor, trägt Züge kollektiven Wahns“, ätzt Steffen Range, Ressortleiter Politik und Wirtschaft einer großen deutschen Tageszeitung zur aktuellen Debatte. Vordergründig gehe es ums Handy, in Wahrheit jedoch um die generelle Einstellung zu Arbeit. Was nehme ich in Kauf? Was erachte ich als normal? Wer definiert „Arbeitsmoral“?

Regelungen hinken hinterher

Unbestrittenes Faktum ist, dass Mobiltelefonie, SMS, E-Mail und verwandte Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung in Windeseile Besitz von unserer Arbeitswelt ergriffen haben. Gesetze und andere Regelwerke konnten mit dem Tempo nicht Schritt halten. Manche Frage bleibt vorerst unbeantwortet oder stellt sich – vielleicht noch – nicht. Das Arbeitsinspektorat Vorarlberg, Hüter der Einhaltung von Arbeits- und Ruhezeiten, kann bisher von keinen einschlägigen Anfragen, geschweige denn Klagen berichten.

Die modernen Hilfsmittel sind Segen und Fluch zugleich. Sie erleichtern gewisse Abläufe, verleiten aber auch dazu, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit bewusst oder unbewusst aufzuweichen. Die Betriebsräte großer Unternehmen im Land erklären unisono, durch klar definierte Rufbereitschaften gebe es praktisch keine Probleme, weil diese Dienste auch angemessen entlohnt sind. Dasselbe Stichwort von der ständigen Erreichbarkeit ruft in Handwerk und Gewerbe eine völlig andere Assoziation hervor. Hier geht es nicht um die Zeit nach Dienstschluss, sondern um die Arbeitszeit selbst: „Wir unterhalten uns regelmäßig mit unseren Leuten, wie viel Abschirmung brauchen sie, damit sie am Bau in Ruhe schaffen können“, erklärt etwa Dorfinstallateur-Geschäftsführer Johannes Ouschan. Wenn ständig das Handy klingelt, wird’s nämlich mühsam. Einheitliche Regelungen gibt es für die 50 Betroffenen nicht. „Das entscheidet jeder für sich am besten.“

Und nach fünf? „Niemand muss 24 Stunden erreichbar sein!“

Ein Diensthandy allein verpflichtet zu nichts

Der AK-Rechtsexperte Dr. Michael Simma über vermeintliche Grauzonen rund um Handy & Co.

Ein Diensthandy scheint verlockend, erst recht, wenn es auch privat genutzt werden darf. Muss ich dann automatisch für die Firma erreichbar sein?

Dr. Michael Simma: Ganz klar: nein. Es gibt keine gesetzliche Regelung, die vorsieht, dass die Zurverfügungstellung eines Handys gekoppelt ist mit der Verpflichtung einer Erreichbarkeit. Sollte vom Arbeitgeber die Erreichbarkeit gefordert werden, dann ist dies auf jeden Fall Rufbereitschaft oder Arbeitsbereitschaft. Ist damit dann eine Arbeitsleistung verbunden, so resultiert daraus Arbeitszeit, die selbstverständlich als Mehrarbeit oder Überstunden bezahlt werden muss. Es empfiehlt sich, das in einer klaren Regelung zu vereinbaren und die aufgewendete Zeit für einen späteren Nachweis zu dokumentieren.

Manche nehmen die Geräte sogar in den Urlaub mit, um bei der Rückkehr nicht vor einem Berg unbearbeiteter E-Mails zu stehen.

Das steht überhaupt nicht mit dem Gesetz in Einklang! Im Urlaub soll ich mich erholen, im Urlaub gibt es schlichtweg keine Arbeitsverpflichtung.

Das heißt, es liegt am Arbeitgeber, sich um einen Ersatz zu kümmern.

Richtig, ich kann durchaus vom Arbeitgeber verlangen, dass er eine Stellvertreterregelung vorsieht. Weil früher war das auch so – warum soll das nicht mehr möglich sein, nur weil es das Handy gibt?!

All-in-Verträge

Alles inklusive gibt es auch bei Arbeitsverträgen: All-In-Klauseln und Überstundenpauschalen sind gesetzlich erlaubt, für Sie aber selten günstig!

Überstunden

Das Einmaleins der Überstunden: Wie viele sind erlaubt? Dürfen Sie auch einmal Nein sagen? Wie viel Geld steht Ihnen zu? Was gilt beim Zeitausgleich?

Normalarbeitszeit

Acht Stunden pro Tag, 40 Stunden pro Woche – wie sie eingeteilt werden können, welche Ausnahmen bestehen und wann Ihnen Pausen zustehen.

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